Erwin fährt in die Schweiz.

E
Manchmal ist mir alles zu viel, die Stadt, die Menschen, das Leben an sich. Es fühlt sich an, als würde sich in meinem Kopf alles zu so Gerümpelhaufen auftürmen, die gegen meinen Schädel drücken und ich denke dann: Ich muss hier weg. Oft fahre ich dann mit dem Hund raus in den Wald, manchmal brauch ich aber nur eine kleine Pause. Als ich neu nach Berlin zog, stellte ich fest, dass ein großer Park nicht weit weg von meiner Wohnung gelegen ist. Und nachdem ich mich ein paar Mal durch Kindergartengruppen und grillende Cliquen geschoben hatte, fand ich noch etwas viel Besseres: Den halb genutzten und teilweise stillgelegten Friedhof gegenüber. Und dort traf ich Erwin*. Wenn ich Dinge gefunden habe, die ich mag und die mir guttun, variiere ich sie kaum. Auch, wenn ich neugierig und impulsiv bin, gerne reise und neue Dinge ausprobiere, bin ich in manchen Dingen erstaunlich routineverliebt und so spontan wie ein Fahrplan. Wenn ich auf den Friedhof komme, springt bei mir sofort der Autopilot an: Wie eine Ameise folge ich der immergleichen Route, laufe meine Ameisenstraße, höre Musik oder nichts und genieße einfach Stille und Menschenleere. Irgendwann mache ich dann Pause und setze ich auf meine Lieblingsbank, und dort tauchte dann immer öfter derselbe Mann auf.

Die Bank

Er war klein und schon relativ alt, ich schätzte ihn auf Ende siebzig. Meist stand er da und goss Blumen, dieses Jahr war die Sonne eine gnadenlos brennende Scheibe, die anscheinend die Mission hatte, alles Lebende unter ihr in Flammen aufgehen zu lassen. Der ganze Friedhof litt unter dem ausbleibenden Regen, die Blätter fielen von den Bäumen, das Gras knisterte trocken unter den Schuhen, doch der alte Mann goss stur gegen die Dürre an, schwieg, legte manchmal seine Hand auf den Grabstein, auf dem ein Frauenname stand und ging dann wieder schweigend davon. Als ich eines Tages wieder dort saß, drehte er sich nach dem Gießen zu mir um. Er wischte sich die Hände an der langen braunen Stoffhose ab, rollte die Ärmel seines sowieso kurzärmeligen Hemdes noch höher und fragte mich: “Sie beobachten mich doch aber nicht, oder?” Ich ließ mein Buch sinken und sah ihn erstaunt an. “Eigentlich nicht”, antwortete ich. – “Aha, eigentlich!” – “Wie meinen?” – “Naja, Sie hätten ja auch einfach nein sagen können, haben aber eigentlich gesagt. Das ist verdächtig.” – “Naja, wenn Sie vor mir herumwerkeln, sehe ich sie ja und da ich nicht weggehe, könnte man es beobachten nennen.” Er rieb sich über sein Kinn. “Hm, hm”, brummte er, “Sie sind oft hier.” – “Sie ja auch.” – “Ja, aber Sie haben mir meine Bank weggenommen.” Das traf mich wie ein Blitz. Ich hatte keinen Moment darüber nachgedacht, dass das vielleicht gar nicht nur meine Lieblingsbank, sondern eventuell auch seine Bank gewesen sein könnte. An seinem Grab, wo seine Menschen beerdigt lagen, während ich einfach fremd und in seine Ameisenstraße hineingekracht war. Ich sprang sofort auf. “Oh Gott, ich hab da nie drüber nachgedacht”, sagte ich. “Schon gut, jetzt werden Sie nicht gleich hysterisch”, murmelte er und setzte sich auf die Bank. “Jetzt setzen Sie sich, meine Güte”, sagte er und ich setzte mich. “Ich bin der Erwin”, sagte er und streckte mir die runzlige Hand aus. Ich ergriff sie und dachte: Handwerkerhände. “Ich heiße Jasmin”, antwortete ich ihm. Wir schwiegen, dann nickte er in Richtug Grab. “S’is meine Frau, da.” Ich nickte. Wieder schwiegen wir beide. Ich schlug mein Buch wieder auf, weil ich dachte, dass das Gespräch vorbei sei.

“Haben Sie keine Angst vorm Tod? Dass der Sensenmann Sie holt?”

“Besuchen Sie hier auch Verwandte?”, fragte Erwin in die Stille hinein. – “Ne, ich bin hier einfach nur so.” – “Nur so?” – “Naja, hier ist es so still. Menschenleer. Und die Menschen, die da sind, sind zum Großteil tot und ehrlich gesagt finde ich das ganz angenehm.” – “Na, Sie sind ja makaber. Haben Sie keine Angst vorm Tod? Dass der Sensenmann Sie holt?” – “Klar.” – “Und trotzdem sitzen Sie auf einem Friedhof herum, als seien Sie eine alte Witwe.” – “Ich finde den Tod interessant.” Und dann erzähle ich ihm, was ich alles so mache. Ich berichte von den Sternenkindern und ihren Familien, die ich begleite. Von den Sterbenden, mit denen ich arbeite. Vom Hospiz, in dem ich ab Oktober ausgebildet werde. Von meinen therapeutischen Ausbildungen, was ich gerade über Trauer lerne, all das. Erwin hörte aufmerksam zu, unterbrach mich nur einmal, um etwas nachzufragen. Dann sagte er: “Mein Sohn, der ist Pfarrer. Da war meine Frau mächtig stolz und ich bin es auch, also stolz. Das ist ein guter Beruf, Pfarrer. Anständig, wissen Sie. Ich hatte immer mal Sorge, dass nix Anständiges aus dem Kurzen wird, aber als seine Oma gestorben ist, da wollte er plötzlich Pfarrer werden. Der fand den Tod auch immer spannend. Fand das manchmal sehr gruselig, der Kleine war zu schlau für sein Alter, dachte ich immer. Aber jetzt ist er Pfarrer und hat selbst Kinder, das ist schon alles gut gelaufen mit ihm.” – “Das klingt toll! Hier in Berlin?” – “Neeee, neee. Der lebt in der Schweiz, aber habe ihn schon länger nicht gesehen, anderthalb Jahre nicht mehr.” – “Das tut mir echt leid”, antwortete ich. Wir schwiegen wieder. “Ist teuer mit dem Zug”, sagte er irgendwann, “und fliegen trau’ ich mich nicht. Ist aber auch teuer alles, also das Fliegen, mit der kleinen Rente, die ich habe und so muss ich das immer lange sparen. Also mein Sohn würde mir die Fahrt natürlich bezahlen, aber sowas macht man nicht, schließlich bin ich der Vater. Aber das kennen Sie ja sicher, wenn Sie reich wären, würden Sie ja auch Jet-Ski fahren und nicht auf Friedhöfen rumsitzen. Sie sehen ja auch aus wie einfach ein ganz normaler Mensch, so wie ich.” Dann lachte er und ich auch. Wir plauderten noch ein Weilchen, ich zeigte ihm Fotos von meinem Hund und meiner diesjährigen Reise in die Schweiz und dann musste er jedoch los, weil er noch bei einem Freund zum Abendessen eingeladen war. Als er fort war, recherchierte ich die Fahrkartenpreise für die Strecke Berlin – Zürich hin und zurück, dann checkte ich mein Paypal-Konto und schaute, wieviel Geld da so herumflog. Ich googelte ein bisschen und fand, was ich suchte: Die Möglichkeit, DB Geschenkgutscheine zu kaufen.

***

Erwin fährt in die Schweiz

Danach sah ich Erwin ewig nicht. Ich saß wieder öfter auf der Bank, obwohl mich meine Depression gerade eher dazu trieb, die Außenwelt zu meiden. Jedes Mal hatte ich den Deutsche Bahn Gutschein dabei und jedes Mal auch die Angst im Gepäck, ihn zu verlieren, da die Summe doch recht stattlich war. Ich gab die Hoffnung schon auf, den Mann jemals wiederzusehen und fragte mich, was ich jetzt mit dem ollen Gutschein machen sollte, doch dann stand er eines Tages wieder da und goss einfach still summend vor sich hin, als ich auf die Bank zulief. Ich traute mich nicht, mich zu setzen, erst als er mich fragte: “Ja wollen Sie sich denn nicht hinsetzen?”, legte ich meine Tasche ab und nahm Platz. Wir tauschten kurze Updates aus und ich überlegte, wie ich ihm jetzt den Umschlag geben konnte, ohne bevormundend oder so zu wirken, ohne das ganze in so eine hässliche Gönnerhaftigkeit kippen zu lassen. Sollte ich den Gutschein einfach im Gehen heimlich auf die Bank legen? Aber was ist, wenn er ihn nicht sah und dann liegen ließ? Sollte ich ihm das casual zustecken? Mein Hirn raste, ich hatte keine Ahnung. Irgendwann platzte ich mitten rein “Ich hab ne Fahrkarte für Sie.” Sein zum Sprechen offener Mund klappte zu und er guckte mich an. Wir schwiegen, die Situation wurde mir unerträglich peinlich. “Naja, damit Sie Ihren Sohn besuchen können. Manchmal schenken mir Menschen in meinem Umfeld oder aus der Familie Geld für meinen Ehrenamtskram und dann hab ich manchmal was übrig und dann kann ich halt auch mal ne Fahrkarte kaufen, beziehungsweise einen Gutschein.” Ich stammelte das alles ziemlich raus, begann zu schwitzen und war sicher, dass ich knallrot war. Ich hielt ihm den Gutschein hin. “Für mich?”, fragte er schließlich mit großen Augen. – “Ja, ja, für Sie, dann können Sie mit dem Zug in die Schweiz fahren. Da steht auch meine Telefonnummer drin, falls was nicht klappt.” Er schaute in den Umschlag, zog die Luft kurz ein und sagte dann wieder: “Aber das geht doch nicht.” Nach ein bisschen Hin und Her steckte er den Gutschein in seine Hemdtasche. “Na sowas, Sie sind mir ja eine”, murmelte er und schüttelte den Kopf. Und dann: “Sie wollen ja nur, dass Sie ein bisschen in Ruhe auf der Bank sitzen können, wenn ich im Urlaub bin!” Dann lachten wir. Er goss, ich las und dann gingen wir jeder für sich nach Hause.

***

“Wir sehen uns auf dem Friedhof!”

Eine Weile ging ich nicht mehr auf den Friedhof, da ich mich depressionsbedingt immer mehr verschanzte. Doch vorhin klingelte mein Handy. Vorwahl der Anrufernummer: +41. Ich schnallte es nicht, war aber verwirrt wegen der Auslandsnummer und ging misstrauisch ran, obwohl ich eigentlich selten bei unbekannten Nummern abhebe. “Hallo?”, fragte ich. “Ja, hallo, hallo, ist da Jasmin?” – “Äh ja, wer ist da?” – “Hier ist der Erwin! Moment, warten Sie kurz!”, schallte es aus dem Hörer. Ich hörte Gekruschel und dann: “Ja hallo? Hier ist Stephan*, der Sohn! Hallo!” Endlich schaltete ich, mein Herz schlug schneller. Wieder Gekruschel, das Handy wurde weitergereicht, eine Frau lachte und ich hörte ein Baby vor sich hin brabbeln. Knacken. “Hallo?” Erwin war wieder dran. “Hallo!”, rief ich überrascht und unterbrach den Kavanaugh-Livestream, den ich gerade ansah. “Ich bin in der Schweiz! Ich bin mit dem Zug gefahren, das war eine endlose Reise, aber jetzt bin ich hier! Sie mögen doch Kühe, haben Sie erzählt, hier sind überall welche, Sie sollten herkommen!” Der alte Mann brüllte jedes Wort in den Hörer, obwohl die Verbindung gar nicht schlecht war und ich ihn glasklar verstand. Ich hielt das Telefon etwas vom Kopf weg. “Ich hab meinem Sohn Ihre Webseite gezeigt, er ist ja Pfarrer, vielleicht machen Sie ja mal ein Interview mit ihm. Er findet die Seite ganz toll! Stimmt doch, oder? Moment, er kann es Ihnen direkt sagen.” Noch bevor ich ihn stoppen konnte, wurde ich wieder weitergereicht. “Hallo?”, klingt es aus dem Hörer. “Ja, hallo”, sagte ich lachend. “Ich finde die Seite super!”, lachte es mir entgegen, “so, jetzt habe ich es gesagt. Ich gebe Ihnen mal wieder meinen Vater, der ist ziemlich aufgeregt.” Wir telefonieren noch fünfzehn Minuten im Kreis, irgendwie habe ich zwischendrin auch wieder das Baby dran, dann verabschieden wir uns. Plötzlich ploppt eine Whatsapp-Unterhaltung auf und ich kriege ein Selfie von Erwin mit der Familie und eine kaum zu stoppende Flut an Babyfotos aufs Handy geschickt. Die letzte Nachricht: “DANKE FÜR ALLES! WIR SEHEN UNS AUF DEM FRIEDHOF!” Wie lustig-makaber diese Verabschiedung ist, merke ich erst jetzt beim Schreiben. ¯\_(ツ)_/¯ (PS: Falls ihr auch ein bisschen Geld übrig habt: Das Kinderhospiz Sternenbrücke, wo ich mal Wände und Decken bemalt habe, freut sich immer sehr über Spenden und die sind da super gut angelegt. Hier könnt ihr spenden>>)
*Erwin heißt eigentlich anders. Die Namen in meinem Blog werden nur in ganz wenigen Fällen, wo die Leute das explizit wünschen, nicht geändert. Fotos: (c) Jasmin Schreiber
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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

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