“Lange dachte ich, mein Körper sei ein Grab.”

Johanna* ist die Mama eines Sternenkindes. Sie wollte gern ihre Geschichte erzählen, traute sich jedoch keinen eigenen Beitrag zu. Deshalb haben wir uns zusammengesetzt und ich protokollierte einfach, was sie mir erzählte.

Das Seltsamste war der leere Bauch. Er war noch nicht wieder ganz flach, wölbte sich noch vor, sodass mein kleiner Sohn ihn immer noch gestreichelt hat, um dem neuen Baby “Gute Nacht” zu sagen. Dass da kein Baby mehr drin ist, haben wir ihm erklärt. Auch mit einem Bilderbuch, das uns die Sternenkindfotografin für ihn geschenkt hatte, aber er versteht das alles noch nicht, weil er so klein ist. Das war jedes Mal hart. Beim Duschen wollte ich den Bauch gar nicht anfassen, er fühlte sich an wie ein Grab. Meine Tochter ist in meinem Bauch gestorben – am Anfang hatte ich große Schuldgefühle deshalb, weil ich dachte, nicht gut genug auf sie aufgepasst zu haben.

Das ist schwer zu verstehen, schwer zu greifen. Vorher war da was drin im Bauch und plötzlich ist er leer. Das war ja zu erwarten, also generell, so läuft das ja, doch haben wir kein Baby mit nach Hause genommen, nichts. Meine Tochter ist in der Klinik geblieben. Dort lag sie im Kühlfach, bis sie beerdigt wurde.

“Ich musste die ganzen Strapazen einer Geburt mitmachen, doch ohne die erlösende Belohnung am Ende.”

Die Geburt war so anders als bei meinem Sohn. Sie war zwar kürzer, aber schmerzhafter, weil die Wehen künstlich eingeleitet wurden. Außerdem empfand ich sie als emotional schmerzhafter. Ich hatte kaum Kraft, dachte die ganze Zeit: “Wofür mache ich das hier eigentlich?” Es ist ja nicht so wie bei meiner ersten Geburt, dass man das macht, damit es dem Baby gut geht. Damit man es in den Arm und mit nach Hause nehmen kann, eine Familie sein kann. Stattdessen liege ich da und bin gezwungen, eine Leiche aus meinem Körper zu drücken, es tut mir leid, dass ich das so radikal sage. Ein Kaiserschnitt ist bei so etwas nicht üblich, ich musste also die ganzen Strapazen einer Geburt mitmachen, doch ohne die erlösende Belohnung am Ende, ohne den Schrei, der dir durch deine Schmerzwolke und die Erschöpfung signalisiert: Das hier ist der Anfang von etwas ganz Neuem.

Meine kleine Tochter war wunderschön.

Man legte mir mein Kind auf die Brust und es war warm und sah aus wie eine kleine Puppe. Ich dachte erst, dass ich mich erschrecken würde, doch das war gar nicht so. Die rote Haut machte mir keine Angst. Es sah aus wie die geschrumpfte Version eines Babys, mit Fingernägeln und allem. Ich fand sie wunderschön, mein Mann auch. Wir weinten, als wir sie sahen, weil sie so klein und niedlich war. Obwohl sie noch so winzig war, sah ich schon, dass sie den Mund meines Mannes hatte. Und meine Nase! Die ist leider sehr groß. Ich schob meinen Zeigefinger in ihre Hand und ihre kleinen Fingerchen umfassten gerade so die Zeigefingerspitze, so zart war sie.

Es tat weh, dass ich sie im Krankenhaus lassen musste. Ich wollte mich gar nicht von ihr trennen, hätte sie am liebsten mit nach Hause genommen. Dort war schon alles vorbereitet. Da wir von Anfang an wussten, dass wir mehrere Kinder haben wollen, haben wir die ganzen Sachen von meinem Sohn aufgehoben und aus dem Keller hochgeholt. Direkt nach der Feststellung meiner Schwangerschaft hatte mein Mann die Wiege abgeschliffen und neu lackiert. Wir hatten einen neuen Teppich gekauft und das Bügelzimmer ausgeräumt. Ein zweites Kinderzimmer – endlich! Man kann sich kaum vorstellen, wie schmerzhaft es ist, nach dem Verlust eines Babys in dieser Wohnung zu stehen. Ich dachte lange, ich würde das nicht schaffen.

Mittlerweile kommen wir gut zurecht. Wir haben uns eine Therapeutin gesucht, mit der wir alle 3 Wochen einen Termin haben und sprechen. In der akuten Phase waren wir dort 1 Mal pro Woche, doch jetzt können die Abstände größer werden. Besonders schlimm hat es mich getroffen, dass mein Körper Milch produziert hat. Nicht viel und das hat fast sofort wieder aufgehört, dennoch hat es mich sehr niedergeschmettert. Alles war bereit für sie, doch sie ist nicht mehr da.

Das Umfeld wusste nicht richtig, wie es mit uns umgehen sollte.

Auf der Arbeit waren alle peinlich berührt. Auch meine Familie oder unsere Freunde wussten nicht recht, was sie sagen sollten. Ich glaube, das war für beide Seiten nicht leicht – für uns, für sie. Eine große Peinlichkeit, man wird auf sowas ja nie vorbereitet. Die wenigsten Leute reden darüber, dabei gibt es viele Tod- und Fehlgeburten. Ein befreundetes Paar hatte aber dasselbe zwei Jahre zuvor durchgemacht. Dort konnten wir andocken. Wenn ich dort sage “mir geht es heute nicht so gut”, wissen sie sofort, was ich meine. Das ist ein schönes Gefühl, also dass da jemand ist, der mich versteht.

Wir haben uns in einer Facebook-Gruppe mit anderen Sterneneltern ausgetauscht, das hat zusätzlich geholfen. Und wir haben ja unser erstes Kind, das wir abgöttisch lieben und das mir jeden Tag so viel Freude macht wie nichts anderes auf dieser Welt. Bevor ich Mutter wurde hätte ich nie gedacht, dass ich zu solchen Gefühlen fähig sein würde.

Manchmal sitzen wir mit ihm vor der kleinen Fotobox, die uns die Fotografin geschickt hat und sprechen über das Baby, das nur ganz kurz da war. Wir haben eins der Bilder groß entwickeln lassen und in den Flur gehängt. Auf dem Bild sieht unsere Tochter aus, als würde sie schlafen. Das Foto ist schwarz-weiß und unser Kind liegt in einem Körbchen, eingeschlagen in eine Babydecke, die wir nach dem Shooting behalten durften und die immer noch in einer kleinen Box im Wohnzimmer liegt. Um sie herum hatte die Fotografin Blumen gestreut, weil ich unbedingt ein Foto haben wollte, das ich Leuten zeigen kann ohne, dass sie sagen: “Oh Gott, wie sieht das denn aus!”

Ein neues Leben.

Mittlerweile haben wir erfahren, dass ich wieder ein Kind erwarte. Ehrlich gesagt habe ich Angst, dass wieder etwas schiefgeht. Doch die Freude überwiegt deutlich und ich komme vor lauter positiven Gefühlen kaum dazu, an all die Angst zu denken. Meine Frauenärztin hatte gesagt: “Das ist der Anfang eines neuen Lebens, ihr drittes Kind! Ab jetzt wird alles anders.” Dabei hatte sie mich angestrahlt und streichelte meine Schulter, während ich in Tränen ausbrach. Dass sie meine Tochter ganz selbstverständlich mitzählt, hat mir sehr viel bedeutet. Viele denken ja, dass so ein totgeborenes Baby kein richtiges Kind sei, dass man es nicht liebe, doch das ist nicht so. Monatelang lebte ich auf engsten Raum mit ihm zusammen, teilte meinen Körper mit ihm. Natürlich liebe ich mein Sternenkind genau so, wie meinen ersten Sohn.

Meine Ärztin hat jedenfalls Recht: Es ist der Anfang eines ganz neuen Lebens. Wir freuen uns unglaublich darauf und wir sind bereit. Alles wird gut.


* Johanna heißt eigentlich anders. Fotos: Unsplash.com


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5 Kommentare

  1. Das ist so berührend. Ich weiß, wie Johanna* sich fühlt, auch ich habe ein Sternenkind.
    Es wurde mir mit Gewalt genommen (durch ein Familienmitglied) und dann verlangte man (die eigene Familie), Jahre später, Beweise für die Schwangerschaft. Sie war noch so frisch, dass ich weder Mutterpass noch Ultraschallfoto hatte. Da es den Arzt nicht mehr gibt, konnte ich keine Beweise erbringen.
    Ich wünsche Johanna* und ihrer Familie alles Liebe und Gute für den weiteren Lebensweg und drücke ganz fest die Daumen für die neue Schwangerschaft.
    Möge dieses Mal der leere Bauch dazu führen, dass ein kleines Wesen in ihren Armen liegt und sie anlächelt.

    LG
    Caro

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  2. Und wieder — danke fürs diese Seite, für die Geschichten und mehr noch für die Schicksale, denen ich mich nah und verbunden und dann wieder so fern fühle. Es berührt mich zutiefst, diese Anerkennung des sonst immer so ausgeblendeten und weggesperrten. Danke dafür,

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  3. Liebe Jasmin,
    Danke für Deine so wertvolle Arbeit. Auch wir haben ein Kind, das wir „nur“ im Herzen tragen können. Und so sehr ich wünschte unseren kleinen Mikko aufwachsen zu sehen, so Dankbar sind wir ihm für das, was er uns gelehrt hat. Er hat die Liebe stärker und die Dankbarkeit größer gemacht und uns bewusster.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft für Deine Arbeit
    Mit lieben Grüßen
    Kathrin

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