“Ich will mein altes Leben gar nicht zurück.”

Meine heutige Gastautorin Kathrin ist auf Twitter als Metahasenbändigerin, aka. Onkobitch bekannt und berichtet euch darüber wie es ist, mit einer unheilbaren Brustkrebserkrankung zu leben und wie man mit dem Tod auf Sichtweite das Leben dennoch genießen kann. 

Ich heiße Kathrin und blogge seit 2015 als Onkobitch über meine Brustkrebserkrankung. Die Diagnose erhielt ich mit 31 Jahren, 24 Monate (2017) später folgten Knochenmetastasen.

Tatsächlich rückt im ersten Moment für viele die Angst vor dem Tod in den Vordergrund. Teilweise so weit, dass man fast gar nicht mehr an ein Leben denken kann. Das war bei mir zum Glück nicht so bei meiner ersten Diagnose. Bei meinen Metastasen passierte jedoch genau das. Dies liegt leider, so empfinde ich das, auch an der katastrophalen Darstellung in den Medien. Hier sterben rund 90% der in Filmen erkrankten Hauptcharaktere. In der Realität ist es umgekehrt, es überleben 90%. Es sterben trauriger Weise einige, die auch überlebt hätten, wären sie nach ihrer Diagnose direkt in die Therapie gegangen. Ein Leben mit Krebs, geschweige denn mit Metastasen, ist dann schon gar nicht vorstellbar.

Meine Familie bekam lange nichts von meiner Brustkrebs-Erkrankung mit

Im Grunde ist jede Phase für sich schwierig, doch am schlimmsten finde ich immer das Auf und Ab vor Ergebnissen und unbekannten Therapieverfahren. Nicht zu wissen, ob es nun bösartig oder gutartig ist oder ob es ein Voranschreiten gibt oder nicht. Während meiner Therapie und den Arztbesuchen hat mich mein Partner begleitet und unterstützt. Später mit meinem Blog und fortlaufender Therapie kamen Freunde und ebenfalls Betroffene dazu.

Meine Familie bekam wegen der Entfernung lange nichts mit. Ich habe sie erst darüber informiert, als ich meine Diagnose schwarz auf weiß hatte und mein Therapieplan stand. Ich wollte sie nicht im Raum hängen lassen und so belasten, wie mich selbst. Später habe ich viel mit ihnen per Videokonferenz gesprochen und dabei meistens nur von den positiven Dingen erzählt.

“Meine Familie bekam wegen der Entfernung lange nichts mit, ich habe sie erst darüber informiert, als ich meine Diagnose schwarz auf weiß hatte und mein Therapieplan stand.”

Dank der Aussage meiner damaligen Gynäkologin, dass da etwas in meiner Brust sei, und raus müsse, hatte ich lange keine Angst davor frühzeitig zu sterben. Eher lief wochenlang ein Film vor meinen inneren Augen ab, in dem ich die schlimmsten Bilder von Brustamputationen aus den 80ern sah.

Mit den Metastasen war auch sie plötzlich da – die Angst vorm Tod

Erst mit den Metastasen kam die Angst vor dem Tod. Meine Erkrankung war plötzlich nicht mehr heilbar und ich befinde mich aktuell in einer palliativen Situation, was bedeutet, dass meine Therapie nicht mehr auf Heilung, sondern auf Linderung der Symptome ausgerichtet ist. In der akuten Zeit kurz nach der Diagnose fühlte es sich so, an als würde ich gleich hopps gehen. 2 Wochen später und ein Ruck von meiner neuen Gynäkologin “Man stirbt nicht von Knochenmetastasen” nahm langsam und stetig die Angst vor einem sofortigen Tod ab. Dennoch habe ich gut ein halbes bis dreiviertel Jahr gebraucht um zu verstehen, dass ich eine chronische Erkrankung habe und wenn die Therapie weiterhin so gut läuft wie jetzt, dann habe ich gute Aussichten auf ein relativ langes Leben.

Seit der Diagnose begleitet mich der Tod fast täglich. Er ist mürrisch, verstaubt, knochig und heißt Todd. Ich habe ihm ein Gesicht gegeben, so wie vielen anderen Dingen aus meiner Therapie. Ich habe richtig gespürt, dass ich über meinen Tod nachdenken und reden muss, dass mir ein Verdrängen nicht gut tut. Es geht darum, meine Lebensqualität zu sichern, den Tod auch mal unter einem romantischen oder humorvollen Aspekt anzuschauen. Er ist ernüchternd genug.

Ich musste lernen, mich auch mit den schwierigen Themen stärker auseinanderzusetzen

Erst durch den Tod meiner Mutter ist mir so manches bewusster geworden. Wenn man die bedeutungsvollen Dinge verdrängt, dann fallen sie irgendwann plötzlich in voller Stärke auf einen zurück und man ist überfordert. Ich habe angefangen, den Tod wie aus den Augen eines Kindes zu betrachten, um mir mein ganz eigenes persönliches Bild von ihm zu machen. Dabei merke ich einfach, dass ganz viele Aspekte gar nicht den Tod an sich betreffen, sondern meinen Umgang mit meinem Leben.

“Dabei merke ich einfach, dass ganz viele Aspekte gar nicht den Tod an sich betreffen, sondern meinen Umgang mit meinem Leben.”

Ich habe Angst vor diesem Nichts, wie in der Unendlichen Geschichte, weil man es sich nicht vorstellen kann, dass da nichts kommt. Aus diesem Grund mache ich mir Gedanken, wie ich etwas für ein “Nach mir” gestalten kann. Ich will in meiner letzten Lebensphase auch nicht alleine mit meinem Partner sein. Ich möchte Menschen um mich haben und das Leben spüren. Also ab ins Hospiz oder, je nachdem, auf die Palliativ-Station.

Ich habe noch viele offene Gedanken, Fragen, Vorstellungen und Pläne für meine Lebensphasen vor dem Tod. Die gilt es zu festigen, damit ich das nicht mehr brauche, wenn die Kacke schon am Dampfen ist. Bis dahin bin ich dankbar für die vielen neuen Seiten zum Thema Tod und Sterben, sie geben sehr viel Sicherheit in dieser Unsicherheit, weil es nicht mehr fremd ist.

Durch meine Brustkrebs-Erkrankung lebe ich bewusster!

Haben sich Dinge auch zum Positiven verändert? – Ja, auf jeden Fall, tatsächlich fast alles! Ich lebe bewusster, das heißt: Ich faulenze mit Leidenschaft! Ich bin achtsamer meinen Grenzen gegenüber und mache Dinge, die mir gut tun. Ich bin anscheinend auch mutiger geworden und offener für die schönen Dinge im Leben.

“Im Grunde liebe ich es, mich mit dem Leben zu konfrontieren (…)”

Im Grunde liebe ich es, mich mit dem Leben zu konfrontieren, es gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein. So auch die Auseinandersetzung mit dem Tod. Ich rege mich weniger auf. Meide Menschen, die mir nicht gut tun. Mein Leben ist so spannend geworden, weil ich nicht mehr darauf warte, dass sich etwas ändert, ich gehe darauf zu. Der Krebs hat mir einen guten Grund gegeben, mich mit meinem Lebenssinn auseinanderzusetzen. Dabei komme ich mit ganz vielen Menschen in Kontakt, die so einzigartig sind, dass sie mir ebenfalls Lebensmut und neue Perspektiven geben, um mit meinem Leben umzugehen. Außerdem gebe ich ein Teil meines Wissens weiter, halte Vorträge und Workshops. Ich überlasse nicht mehr anderen mein Leben, sondern packe es selbst an und gestalte es so, wie ich es mag.

Ich will mein altes Leben gar nicht zurück, auch, wenn ich dennoch gern etwas von der Angst abgeben mag, die mich ebenfalls begleitet.


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5 Kommentare

  1. Liebe Jasmin, vielen Dank für Deine tollen Worte. Ich denke und fühle da auch genauso wie Du. Ich blogge übrigens seit 2014. Es hilft mir auch sehr dabei meine Brustkrebserkrankung mit Knochenmetas zu verarbeiten. Ich finde auch sehr, das unser Leben trotz der Krankheit schön sein kann. Lg Andrea

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  2. Ein toller Artikel und generell ein wunderbarer Blog! Du leistet wirklich eine sehr wichtige Arbeit und es gelingt dir hier, auf sehr beeindruckende Weise, dich locker, aber dennoch ernsthaft und lebensbejahend mit dem Sterben zu befassen.

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