Anna und die Angst

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“…und wenn du jetzt normal weiteratmest, wirst du ganz ruhig. Hör mal: Es ist ganz leise, auch in dir drin… und jetzt stell dir vor, du sitzt an einem hellen Sandstrand. Die Wellen rauschen laut, ab und zu hört man ein Gluckern. An deiner Nasenspitze spürst du, wie der Wind pfeift… und jetzt atme mal ganz tief die Meeresluft ein, die riecht und schmeckt ein bisschen salzig…” Ich höre zwei tiefe Atemzüge. Anna* zieht die Luft durch die Nase ein. Ihr Opa auch. Beide warten kurz, dann entweicht die Atemluft erst aus der Lunge des Kindes und dann aus der des alten Mannes. Anna sitzt auf dem Bett ihres Opas und hat sich in seine Armkuhle gekuschelt. Sie liegt so, dass sie sein Herz hören kann. Über das Herz haben wir schon gesprochen, sie weiß, dass das Klopfen in der Brust eines Menschen bedeutet, dass er lebt. Dass ein Ausbleiben des Geräuschs bedeutet, dass die Person gestorben ist. Weil sie sichergehen will, dass alles gut ist, lauscht sie, wie sich der Herzmuskel im Brustkorb ihres Opas zusammenzieht und wieder entspannt, wie die Herzklappen klopfen und arbeiten und das Blut in den Körper schicken, um die Organe (“Maschinenteile”) mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Anna weiß, dass ihr Opa sterben muss, auch darüber wurde schon mit ihr gesprochen. Einmal in der Woche geht sie mit ihren Eltern zu einer Kindertherapeutin. Sie ist stolz darauf, dass die Therapeutin mittlerweile mit ihr allein spricht und die Eltern draußen bleiben müssen, schließlich ist sie kein kleines Kind mehr. “Ich bin ja kein Kindergartenbaby mehr”, erzählt sie mir dann immer ganz selbstverständlich. Ist ja wohl klar.

Anna hat Angst zu sterben

Dass ihr Opa bald sterben wird, macht ihr große Angst. Wenn sie nicht bei ihm ist, kriegt sie manchmal ganz schlimme Panik, weil sie nicht weiß, ob das Herz des Großvaters immer noch schlägt, jetzt, in diesem Moment. Jetzt, wo sie gerade nicht lauschen kann. Dann wird ihr Brustkorb ganz eng, das Luftholen wird schwierig und sie zittert, muss sich setzen. Sie atmet dann ganz schnell ein und aus, immer schneller, hechelt wie ein Hund, schaut ängstlich umher und ruft “Mama, ich hab Angst, ich glaube, ich sterbe!”. Dann muss die Mutter mit dem Stethoskop kommen, dass sie sich extra gekauft haben, macht das Ende warm und legt es auf Annas Brust, die Enden steckt sie ihr ins Ohr. Anna hört ihr Herz. Bummbumm, bummbumm. Anna lebt. Alles ist okay. Mittlerweile hat Anna auch Angst vor der Angst. “Erwartungsangst” nennen das die Therapeuten, das weiß sie aber nicht. Manchmal hat sie auch Angst, dass ihre Eltern ebenfalls sterben müssen. Gott sei Dank hat sie mittlerweile Herrn Nashorn an ihrer Seite, ein Stofftier, das ihre Mama ihr gekauft hat. Herr Nashorn ist sehr groß, und wenn sie merkt, dass die Angst sich auf leisen Sohlen nähert, krabbelt sie in Herrn Nashorns Arme und fängt laut an zu singen – denn davor hat die Angst selber Angst, das hat mir das Mädchen beigebracht. Anna hat das schlau gelöst, finde ich. Aber sie ist ja auch kein Kindergartenbaby mehr, eh klar. Wenn ich Annas Opa besuche, ist sie oft dabei. Sie liegt am liebsten mit ihm auf dem Bett. Früher haben sie Uno oder Mensch ärgere dich nicht gespielt, doch mittlerweile ist ihr Großvater leider immer zu müde dafür. Er ruht sich viel aus und Anna ruht sich einfach mit aus. Weil Anna Geschichten mag (und ihr Opa auch), nehme ich beide ab und zu mit auf eine Reise. Dann müssen beide die Augen schließen und wir fahren an einen Ort, an dem es weder Angst noch Schmerzen gibt. Meistens ist es das Meer, weil Anna unglaublich gerne schwimmt und Muscheln sammelt. Außerdem war sie mit ihrem Opa schon oft dort, als er noch gesund war. Anfangs ist sie immer ein bisschen zappelig, weil sie so aufgeregt ist – aber das ist ja normal, wer ist bitte nicht aufgeregt, bevor es in den Urlaub geht?

Meditationen machen sie mutig

Ich schicke die zwei auf Reisen, in denen sie zusammen Dinge machen können. In den Geschichten geht es um Mut und das Wissen, nicht allein zu sein. Um das Wissen, dass Anna auch nach dem Tod ihres Opas eine liebevolle Familie hat, die sie beschützt. Darum, dass Anna nicht sterben muss, nur, weil Opa stirbt, und dass es den Eltern auch an nichts mangeln wird. Wenn sie beide aus dem Urlaub zurückkehren, sind sie ganz entspannt. Ihr Großvater schläft dabei manchmal ein. Dann horcht Anna schnell an der Brust um zu gucken, ob er noch lebt. Wenn sie dann das beruhigende Klopfen hört, weiß sie, dass alles okay ist. Mittlerweile haben wir schon sieben Reisen gemacht, die waren ganz schön spannend – vor allem auf der Schatzsuche im Urwald hat Anna sich sehr gut geschlagen, selten habe ich so ein mutiges Mädchen erlebt. Letzte Woche sind mir die Geschichten ausgegangen, doch liebe Menschen aus dem Internet haben mir Bücher mit neuen Mutmach-Meditationen und -Hypnosen für Kinder geschickt. Als nächstes werde ich die beiden auf eine Safari entführen, wo sie auch Herrn Nashorn treffen werden. Ist natürlich wieder was für mutige Leute, aber das ist die leichteste Übung für Anna. Sie ist ja kein Kindergartenbaby mehr.
*Anna heißt eigentlich anders und ist im Grundschulalter. Wie immer ändere ich die Namen, um Kinder zu anonymisieren und nicht nachverfolgbar zu machen. Anna hat sich den Namen gemeinsam mit ihrer Mama ausgesucht, die eine Freundin von mir ist – und sie weiß, dass über sie geschrieben wird. Wenn sie berühmt wird dadurch, soll ich ihr Bescheid geben, hat sie gesagt. Das mache ich natürlich, eh klar.
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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

3 Kommentare

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  • So wunderbar geschrieben. Vielen Dank dafür und für dein unablässiges Engagement. Ich bin so froh, dass du so viele begleitest und dankbar, hier und auf Twitter kleine Einblicke zu erhalten. Danke!

  • Ich kann Anna so gut verstehen.
    Ich war damals 5 Jahre alt, als mein Opa, der herzkrank war, plötzlich verstarb. Ich hatte danach monatelang Panik, dass ich auch sterben könnte und meine Mutter musste mir oft, häufig abends bevor ich zu Bett ging, an der Brust horchen, ob mein Herz gesund ist und schlägt.