Die Tödin

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Herr Schumann* weiß wirklich viel. Das merkt man, wenn er in seinem Ohrensessel sitzt, sich zurücklehnt und über die Welt spricht, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, den Blick an die Decke gerichtet. Oder wenn er Kreuzworträtsel so schnell löst, dass einem die hastig in die Kästchen gekritzelten Buchstaben vor den Augen verschwimmen. “Viele der Fragen lernt man über die Jahre auswendig”, sagt er dann, “aber den Rest muss man wissen und dafür muss man lesen.”

Herr Schumann hat viel gelesen über die Jahre. Die Wände seines Wohnzimmers sind komplett mit Bücherregalen ausgekleidet, der Flur auch, das Schlafzimmer, das Arbeitszimmer, das Esszimmer. Herr Schumann hat viele Zimmer, weil er ein Haus hat, und in dem Haus wohnt er allein mit Millionen von Worten, die alle einmal über seine Augen in sein Gehirn gewandert sind.

“Haben Sie die Bücher alle gelesen?”, frage ich ihn. – “Ja, bis auf sehr wenige Ausnahmen.” – “Wieviele Bücher sind es?” – “Ich habe die nie gezählt, wieso auch? Ich bin kein Mathematiker, außerdem schon über achtzig, mit über achtzig haben Sie für so einen Unsinn keine Zeit mehr.”

Herr Schumann ist Historiker und Theologe. Philosophie hat er auch studiert, ebenso Latein und ein bisschen Hebräisch und Altgriechisch. Ein Gelehrter, würde man sagen. “Ein Büchernarr”, sagt er. In letzter Zeit liest er jedoch lieber Krimis als komplizierte Abhandlungen. “Man muss sich auch mal beruhigen”, begründet er das.

Sensenmann und Todesengel

Herr Schumann wollte sich mit mir treffen, weil er mir etwas über den Tod erzählen wollte. Wir sitzen beim Tee, als er sagt: “Der Tod war früher oft weiblich, beziehungsweise hat er überhaupt erstmal ein Geschlecht. Im Volksglauben gab den Tod und die Tödin, wussten Sie das?” Ich wusste das nicht.

“Sie kennen sicher den Sensenmann”, fährt er fort und ich nicke, “aber haben Sie schon einmal die Darstellung eines Todesengels gesehen? Der wird in der Regel als weiblich dargestellt.” – “Oh, in der Serie American Horror Story wird der Tod als Frau dargestellt!”, fällt mir ein. Er nickt, auch, wenn er die Serie gar nicht kennt. Er erzählt mir, dass der Tod meist männlich portraitiert werde, vor allem auf Bildern im Kontext mit Schlachten oder anderen gewaltsamen Todesarten. Doch werde der Tod im 19. Jahrhundert zum Beispiel oft als Prostituierte dargestellt, vermutlich als Reaktion der Männer auf die Bedrohung durch die Geschlechtskrankheit Syphillis.

“Im Volksglauben gab es häufiger, als Sie vielleicht denken, weibliche Todespersonifikationen”, sagt Herr Schumann. Er steht auf und verlässt den Raum. Minutenlang sitze ich allein da, bis er wiederkommt und mir ein Buch entgegenstreckt. Ich lese das Gedicht “Tod und Tödin” des Dichters Adolf Ritter von Tschabuschnigg. Ein Auszug:

Sterbhemden wäscht die Tödin dort,
und pocht und dreht und bleichet fort.
Da schaut der Tod aus seinem Haus
im Freithofgrün, und ruft heraus:

“Du frommes Weib, bist du bereit?
Nun hab’ ich Ruh’, ‘s ist Schlafenszeit.”
Leis winkt sie, deckt die Linnen aus,
und schleicht dann still hinein ins Haus.

Der Tod greint sänftiglich sie an,
man sieht’s, er ist ein guter Mann,
Der Haushalt fördert Jahr für Jahr,
‘sist gar ein emsig wackres Paar.

Ein Todes-Pärchen also, das die Sache gemeinsam regelte. Irgendwie charmant.

“Welche Tödinnen gibt es noch?”, frage ich ihn. – “Naja, bei den Azteken hatte zum Beispiel der Gott des Todes eine Ehefrau, Mictlancihuatl. Ihre Aufgabe war es, über die Gebeine der Toten zu wachen, während ihr Ehemann Mictlantecuhtli dafür zuständig war, über die Seelen der Verstorbenen zu herrschen.” – “Hat das etwas mit dem Kult um Santa Muerte in Mexiko zu tun?” – “Das hängt bestimmt zusammen. Und es gibt ja noch weitere Göttinnen in dem Kult, die irgendwie mit Leben und Tod in Zusammenhang stehen. Coatlicue ist gleichzeitig Mutter des Todes, als auch Schöpferin und Mutter allen Lebens.”

Ich überlege. Als Kind war ich besessen vom alten Ägypten. Ich spreche mit Herrn Schumann über die Göttin Isis, die gemeinsam mit ihrer Schwester Nephthys den toten Ehemann und Bruder Osiris betrauert und letztlich rettet. Die beiden wiegen diesen wie ein Kind im Arm und bedecken ihn schützend mit ihren Flügeln. “Lebensanfang und -ende sind bei diesen Darstellungen immer wichtig, und beides liegt oft in den Händen von Frauen”, sagt Herr Schumann. Während ich einen weiteren Text lese, kreuzworträtselt er in Ruhe vor sich hin.

Die Todeskompetenz von Frauen

“Frauen haben traditionell häufig mit der körperlichen Seite des Todes zu tun”, sagt Herr Schumann dann. Er erzählt mir von einem Aufsatz von Birgit Heller, in dem es um die weibliche Todeskompetenz geht, später suche ich ihn heraus und lese ihn nochmal selbst. Wieso Frauen in so vielen traditionellen Kulturen die Totenfürsorge zufällt, wird dort zum Beispiel mit diesen soziokulturellen Vorstellungsmustern begründet:

“Die Vorstellung, dass Frauen den Tod verschuldet haben oder die Bürde der Sterblichkeit tragen, existiert in vielen Varianten. (…) Wahres Leben und schöpferische Macht entstehen aus dem männlich-rituellen Handeln. Diese Vorstellungsmuster sind analog greifbar in der Assoziation von Frau und sterblichem Körper beziehungsweise Mann und unsterblichem Geist, wie sie typisch ist für die europäische Antike, aber auch für viele andere Kulturen. Die Schöpferkraft des männlichen Geistes, die sich auf Unsterblichkeit ausrichtet, ist der Schöpferkraft des weiblichen Körpers überlegen, weil Frauen als Mütter nur vergängliches Leben auf die Welt bringen.”

Das macht Sinn. Betrachten wir nur mal das Christentum: Eva ist laut Bibel Schuld daran, dass der Mensch aus dem Paradies verwiesen und sterblich wurde, weil sich die Mutter aller Menschen von der Schlange hat verführen lassen, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Mit der Frau kamen also Sünde und Sterblichkeit in die Welt, was Jahrtausende lang eine Begründung dafür war, Frauen zu unterdrücken.

Frauen wurden lange als emotional und nicht rational angesehen. Der Glaube, dass wir zu so geistigen Höhenflügen wie männliche Gelehrte gar nicht in der Lage sind, hielt sich hartnäckig. Der Mann war für das Denken zuständig, die Frau für alles Weltliche und Körperliche, zack, Aufgabenteilung fertig.

Heller führt in ihrem Text weiter aus, dass Frauen durch die Gefahr des Todes im Kindbett und die die Erlebnisse von früher sehr verbreiteten Fehlgeburten, beziehungsweise Kindstoden, von der Gesellschaft näher an das Erleben des Sterbens gerückt wurden. Hebammen zum Beispiel hatten vor der Zeit der Hexenverbrennungen nicht nur Geburtshilfe geleistet, sondern zugleich die Totenversorgung übernommen.

Ich merke: Es geht hier ganz stark um weibliche Lebensrealitäten, die unsere Vorstellung von Tod und Sterben geprägt haben. Patriarchal dominierte Kulturen und Gesellschaften haben aufgrund dieser Erfahrungen den Themenbereich “Tod und Sterben” Frauen zugeschoben und in vielen Fällen auch abgewertet, wie es so oft mit den “Care”-Bereichen passiert, in denen Frauen überdurchschnittlich oft vertreten sind.

“Was finden Sie besser”, frage ich Herrn Schumann, “also Tod als Mann oder Tod als Frau?” – “Als Frau. Männer sind mir zu brutal und hektisch, ich mag die Vorstellung einer Hebamme am Lebensende. Da passt das Bild von Isis, ganz gut, das wir vorhin besprochen haben. Vielleicht deckt sie ihre Schwingen ja auch über mich, wenn es soweit ist.”

Ich gieße mir Tee ein, Herr Schumann füllt nebenbei Kreuzworträtsel aus. Dann stockt er, lacht. “Was ist?”, frage ich ihn. Er hält mir seinen Rätselblock hin. “Römische Göttin bzw. Personifikation des Todes”, steht da. Vier Buchstaben, der zweite ein O. Ich überlege, komme aber nicht drauf.

“Mors”, löst Herr Schumann, legt den Stift nieder und sieht mich an. “Sie müssen wirklich mehr lesen.”

Auf dem Heimweg kaufe ich für 3,99€ einen Rätselblock.


*Herr Schumann heißt eigentlich anders. “Ich bin kein Fernsehstar und will meine Ruhe, wehe, jemand ruft mich dann an!”, hat er mir gesagt. “Okay”, habe ich gesagt, “wie soll ich Sie nennen?” – “Schumann ist in Ordnung. Das ist der Mädchenname meiner Mutter.”


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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

2 Kommentare

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  • Danke für den tollen Artikel. Ich bin immer wieder tief beeindruckt von Menschen wie Herrn Schumann, die sich über lange Zeit so immenses Wissen angeeignet haben.

  • Zitat
    „Das macht Sinn. Betrachten wir nur mal das Christentum: Eva ist laut Bibel Schuld daran, dass der Mensch aus dem Paradies verwiesen und sterblich wurde, weil sich die Mutter aller Menschen von der Schlange hat verführen lassen, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Mit der Frau kamen also Sünde und Sterblichkeit in die Welt, was Jahrtausende lang eine Begründung dafür war, Frauen zu unterdrücken.“

    Es stimmt nicht, dass Eva laut Bibel schuld ist. In einer anderen Stelle steht „So wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt kam…“ Und dieser eine Mensch ist hier Adam. Im Christentum – im eigentlichen, das, was in der Bibel steht, hat die Frau tatsächlich einen so hohen Stellenwert, wie in vermutlich keiner anderen Religion. Es gibt so viele Geschichten, wie Jesus unglaublich liebevoll mit Frauen umgeht. Als zum Beispiel eine Ehebrecherin auf frischer Tat ertappt wird und die Schriftgelehrten sie zu Jesus bringen, sagt er zu den Männern „wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Und dann ist er solange still, bis alle Männer nach und nach weg gehen – und dann lässt er die Frau mit den Worten „Wenn sie dich nicht verurteilen werde ich es auch nicht tun“ gehen.
    Aber das, was die Menschen daraus gemacht haben… Dass es okay ist, Evas „Gier“ auf alle Frauen zu verbuchen, aber nicht Adams Schwäche und Feigheit (er gab ihr schließlich nach und gab ihr dann die Schuld) allen Männern zugeschrieben wird – und dass die Bibel eben Adam als Sünder sieht, weil er als Mann eine Verantwortung zu tragen hat…. Wollen viele Frauen dann auch wieder nicht haben, sie stehen lieber als Sünderinnen da, als die, für die Verantwortung übernommen werden soll.
    Ich denke diese komische Sicht auf Frauen wird gern auf Religionen abgeschrieben, obwohl man im selben Moment behauptet, Religionen sind Menschengemacht. Ich denke, dass es an den Menschen selbst liegt, an der komischen Spannung zwischen Mann und Frau. Ja, die Frau hat wirklich einen bekloppten Stellenwert in der Gesellschaft, früher noch schlimmer als heute. Aber der Mann kommt auch nicht sehr gut weg. Wenn ich es okay finde, dass ein Mann mit 40 noch hingebungsvoll fifa zockt und ihn trotzdem ernst nehme, weil er eben ein Mann ist – dann ist mein Bild von Männlichkeit auch nicht gerade Männerfreundlich, auch wenn es im ersten Moment so aussieht. Wir bekriegen uns gegenseitig, auf unterschiedliche Weise.