Renate kommt ins Heim

Rommée Hand. War ja wieder klar, denke ich und rechne meine Niederlage im Kopf zusammen. “War ja wieder klar”, sagt Renate* und schiebt ihre Karten langsam auf einen Stapel, “beim Kartenspielen haben Sie leider kein Glück”. “Auch sonst ist es eher schwierig”, sage ich und schreibe 184 Punkte auf.

Renate und ich haben viel gemeinsam, auch, wenn uns 54 Jahre trennen. Wir mögen beide zum Beispiel Listen, wobei ich in Renate meine Meisterin gefunden habe. Wenn ihr langweilig ist (und das ist oft der Fall), denkt sie sich eine Liste aus. Die heißen dann “Lieblingsvögel”, “Lieblingsnachbarn”, “Lieblingswitze” und so weiter. (Ihr Lieblingswitz: Drei Gefangene unterhalten sich im Stasi-Gefängnis. Sagt der Erste: „Ich bin immer 5 Minuten zu früh gekommen. Deshalb hat man mich wegen Spionage verurteilt.“ Der nächste erzählt: „Ich bin immer 5 Minuten zu spät gekommen. Darum hat man mich wegen Sabotage verurteilt.“ Da sagt der Dritte: „Nun, ich war immer pünktlich. Deshalb sind sie darauf gekommen, dass ich eine West-Uhr habe.“)

Wenn sie eine Liste geschrieben hat, fühlt sie sich besser und sortierter. Sie schreibt sie einen Ringbuchblock, der tagsüber auf dem Couchtisch und abends neben ihrem Bett liegt. Es ist wichtig, ihn immer in der Nähe zu haben, falls ihr etwas einfällt. Sie zeigt mir eine Liste mit Dingen, die sie mag. Mein Name steht auch mit drauf. Das weiß ich aber erst, nachdem sie mir die Liste vorgelesen hat, weil ich ihre Schrift nicht entziffern kann – Renate schreibt Sütterlin.

Alle Wände hängen voller Fotos. Als junge Frau hatte sie ihre Kamera immer dabei und all die glücklichen (und auch traurigen) Momente festgehalten. “Jetzt fotografiere ich nur noch selten”, erzählt sie mir. “Meist mit einer Wegwerfkamera. Die letzten zwei habe ich aber irgendwo verloren, deshalb lasse ich das lieber sein.”

Kaffeesahne

Nach dem Kartenspiel trinken wir Rooibus-Tee, in den sie einen Schuss Kaffeesahne hinein gibt. Kaffeesahne, schreibt sie auf eine neue Liste. “Das ist meine Einkaufsliste für heute”, erklärt sie mir. Es sei wichtig, dass sie die Kaffeesahne auf keinen Fall vergesse, damit sie ihrem Besuch Kaffee oder Tee anbieten kann. Von meinem Platz aus sehe ich ein Regal, in dem zwei Fächer voll mit kleinen Kaffeesahne-Fläschchen stehen, bestimmt dreißig oder vierzig Stück. Ich sage nichts.

Renate hat drei Kinder. “Die wohnen in Westberlin”, erzählt sie mir. Dann lacht sie und korrigiert sich und sagt “na, im ehemaligen Westberlin”. Die Mauer gibt es ja nicht mehr, manchmal vergisst sie das. “Es ist gut, drei Kinder zu haben”, sagt sie. “Da kommt an drei Tagen in der Woche jemand vorbei. Ich hätte besser mal sieben bekommen sollen, oder acht, falls eins mal im Urlaub ist. Dann hätte ich jeden Tag Besuch!” – “Würden Sie das denn wollen? Jeden Tag Besuch? Ist das nicht anstrengend?” – “Neee, das ist ja immer nur kurz. Das dauernde Alleinsein ist viel anstrengender.”

Sie weiß, dass sie bald ins Altersheim muss. Sie weiß auch, dass das sein muss, weil sie vergesslich wird. “Ich hab auch dauernd Unfälle”, erzählt sie mir. Sie zeigt mir ihr Handgelenk, an dem sich eine Narbe entlangzieht, die noch gar nicht so alt aussieht. “Da habe ich mir das Handgelenk gebrochen, als ich in der Wanne ausgerutscht bin.” Vor zwei Wochen hatte sie große Angst, weil sie in einem Teil Berlins war, der ihr ganz unbekannt vorkam und dann hatte sie nicht mehr nach Hause gefunden. Sie ist dann in einen Laden gegangen und hat ihren Sohn angerufen, damit er sie abholen kommt. Sie hat einen laminierten kleinen Zettel mit wichtigen Telefonnummern, der mit einer Schnur an ihrem Portemonnaie festgebunden ist.

“Jetzt warte ich nur noch auf den Tod”

“Haben Sie Angst vorm Altersheim?”, frage ich sie. – “Ja.” – “Wovor genau?” – “Ich werde meine Wohnung vermissen. Und mein Viertel. Und ich muss Arthur weggeben.” Arthur ist ihr alter Hund, fast siebzehn Jahre alt ist der kleine Dackel-Senior. Er sieht viel jünger aus. Bei meinen Besuchen liegt er meist auf der Bank in der Küche, seinen Hintern eng an das Bein seines Frauchens gedrückt. Der Gedanke daran, ihrem Hund Lebewohl sagen zu müssen, treibt ihr die Tränen in die Augen. “Was passiert mit Arthur?”, frage ich. – “Meine Tochter nimmt ihn. Sie kann ihn mir dann jede Woche vorbeibringen.” – “Das ist doch immerhin etwas.” – “Nein. Nein, das alles ist nix. Jetzt warte ich nur noch auf den Tod.”

Manchmal sitzt sie den ganzen Abend am Fenster, beobachtet die Menschen, wie sie in Cafés gehen und sich treffen, wie sich Liebespaare küssen. Das macht sie oft so traurig, dass sie dann den ganzen Abend weinen muss. Einmal hat sie mich auch angerufen, als sie schon zwei Stunden nicht aufhören konnte, die Tränen liefen und liefen. Weil ich nicht in Berlin war, konnte ich nicht vorbeikommen. Wir haben uns dann am Telefon eine Stunde lang Witze erzählt. Auch Arthur bekam den Hörer an eins seiner Schlappöhrchen gehalten. “Hallo”, hatte ich gesagt, doch es kam keine Antwort. “Der hört nicht mehr so gut”, erklärte mir Renate, als sie wieder am Hörer war. Vielleicht telefoniert er aber auch einfach nicht so gern, denke ich.

Die traurigste Liste ist ihre Freundesliste. Die steht nicht im Ringbuchblock, sondern hängt am Kühlschrank. Der Zettel ist ganz vergilbt und die Ränder sind dunkel. Auf der Liste stehen sechsundzwanzig Namen. Alle bis auf zwei sind durchgestrichen. “Die sind alle schon tot”, erzählt sie mir. “Wieso haben Sie diese Liste? Das ist doch deprimierend.” – “Ich schau die Liste jeden Tag an und denke ganz kurz an jeden meiner Freunde. Sonst hätte ich viele von ihnen bestimmt schon vergessen. Man wird ja generell so schnell vergessen, wenn man nicht mehr ist. Warten Sie’s ab, in zwanzig Jahren werden Sie sich nicht mehr an Arthur und mich erinnern.”

Im Altersheim

Wir haben uns drei Mal getroffen. Ein paar Wochen nach meinem letzten Besuch ruft mich Renate an. Sie ist jetzt im Altersheim. “Und, wie ist es?”, frage ich sie. “Ich wäre lieber im Stasi-Gefängnis.” Sie weine viel, erzählt sie mir. Und weil sie so unglücklich sei, weinten ihre Kinder auch viel, weshalb sie noch mehr weine. Manchmal habe sie jedoch auch Spaß, es gebe da zum Beispiel einen netten älteren Herrn, der noch mehr Witze kannte als sie.

Die Wohnung ist ausgeräumt und aufgegeben, sie hat versucht, so viele Dinge, wie es nur ging, in ihr Zimmer im Heim zu quetschen. “Das ist aber alles nix ohne Arthur.” Nachdem ihr mitgeteilt wurde, dass sie endlich einen Platz im bevorzugten Seniorenstift habe, hatte der kleine Dackel einen Schlaganfall bekommen und war verstorben. “Als hätte er es geahnt”, erzählt sie mir.

Sie wird vergesslicher. Sie erzählt es mir und ich merke es auch selbst, weil sie sich oft wiederholt. Zwei Mal fällt ihr mein Name nicht mehr ein und wenn sie etwas erzählt, bricht sie manchmal mitten drin ab und erzählt etwas anderes. Ihr selbst fällt das nicht auf. Sie berichtet auch, dass sie keine Listen mehr schreibe. “Wieso nicht?”, frage ich sie. Es bleibt lange still am anderen Ende der Leitung. “Renate?” – “Das mit dem Schreiben, das funktioniert nicht mehr so richtig gut.”

“Ich glaube, ich möchte mich jetzt verabschieden”, sagt sie. – “Auflegen?” – “Nein, für immer.” – “Aber wieso?” – “Naja, wissen Sie, ab jetzt geht es nur noch bergab. Ich möchte, dass wir uns lieber so aneinander erinnern, wie wir waren.” – “Okay.” – “Nicht traurig sein.” – “Erzählen Sie mir noch einen Witz?” – “Warum gab es in der DDR schon immer zweilagiges Klopapier?” – “Ich weiß es nicht.” – “Ein Durchschlag ging nach Moskau.” Ich muss lachen. “Abschied?”, fragt sie, als wir fertig gegluckst haben. “In Ordnung”, sage ich. – “Machen Sie es gut. Passen Sie auf sich auf. Und vielleicht heiraten Sie ja doch noch. Man verliebt sich ja eh immer dann, wenn es einem nicht in den Kram passt und man es nicht erwartet. Und kümmern Sie sich gut um Ihren Hund!” – “Das werde ich.” – “Tschüss dann!” – “Ja, tschüss.”


*Renates Name habe ich geändert. Die Fotos sind von Unsplash.com


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16 Kommentare

  1. Der Bericht hat mich sehr berührt . Ich denke, so wird es den meisten von uns einmal gehen. So lange noch Freunde da sind, ist man nicht alleine, aber wenn sie alle vor einem sterben, wird es einsam.

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  2. Vielen Dank für den tollen Blogbeitrag, auf den ich zufällig gestoßen bin und der mich animiert, Ihren Blog weiter zu lesen.
    Besonders wichtig empfinde ich die Aussage von Renate: “Nein. Nein, das alles ist nix. Jetzt warte ich nur noch auf den Tod.”
    Was sagt das über uns, die Gesellschaft und unseren Umgang mit den Menschem im Rentendasein aus? Die Antwort soll jeder für sich selbst finden, meine Antwort ist zu niederschmetternd…aber Renates Aussage trifft des Pudels Kern…:-(

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  3. Herzzereissend… ich hoffe, Altersheime gehören bald der Vergangenheit an. Es muss doch bessere Lösungen geben.

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  4. Ich liebe es, wie du dich mit dem altwerden und mit dem sterben auseinandersetzt, ohne es hier zu romantisieren oder verzweifelt wirken zu lassen. Es schwingt immer eine kleine französische Melancholie mit. Nur eine kleine, aber eine irgendwie bisschen schöne.

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  5. Hallo Jasmin,
    danke für den Einblick, für den kleinen Abschnitt von Renates Leben.
    Es zeigt die Entwicklung unserer Gesellschaft und wirft die Frage auf, wie wir selbst behandelt werden möchten.
    Es zeigt, wie das Grundgesetzt geachtet wird.
    Denn die Würde des Menschen, die als unantastbar gehalten wird, wurde gegen eine Zahl getauscht. Einen Betrag auf einem Konto.
    Wer sich kein würdiges Alter leisten kann, wird an schlimmere Orte, als das Stasi-Gefängnis abgeschoben.
    Ob das ein Altersheim ist oder seine eigenen vier Wände. Heute wird alles nach Zeit abgerechnet.
    So haben die ambulanten Krankenpfleger weniger Zeit für ihre Patienten als für das Ausfüllen der Berichte.
    Selbst in Krankenhäusern herrscht eine menschenunwürdige Atmosphäre.
    Das ist weder für die Angestellten und schon gar nicht für die Patienten gut. Doch so sind die Vorgaben von der Vorgesetzten, die die Quartalszahlen erfüllen müssen.
    Deswegen wundert mich nicht, dass Renate auf den Tod wartet.
    Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention nehmen sich 10.000 Menschen jährlich das Leben. Die Zahl der still vor sich hin vegetierenden und wie Renate auf den Tod wartenden dürfte um ein vielfaches größer sein.
    Und auch dass Sie sich von ihren Kindern vernachlässigt fühlt, kann ich vollkommen nachvollziehen. Sind wir doch so erzogen worden. In einem Land wo man die Pflege seiner eigenen Eltern gesetzlich verordnen und von zahlreichen Richtern vor Gericht bestätig werden muss; wo Philosophen die Meinung verträten das man im Alter sich nicht um seine Eltern kümmern muss, wen wundert es, dass das auch immer wenige machen möchten.
    Es ist eine traurige Entwicklung, die auch uns selbst treffen wird.

    Beste Grüße
    Sebastian

    Die folgenden Links führen zu Artikel, die das Thema erweitern. Falls Du es nicht wünschst, lösche sie einfach.

    „Kinder müssen sich im Alter nicht um ihre Eltern kümmern“
    https://www.zeit.de/campus/2018-02/familie-eltern-pflege-schuld-philosphie-interview

    „Kinder müssen für ihre alten Eltern zahlen“
    https://www.zeit.de/gesellschaft/2014-11/elternunterhalt-kind-eltern-altersversorgung

    „Das stille Leiden der älteren Männer“
    https://www.stern.de/gesundheit/suizidgefahr–das-stille-leiden-der-aelteren-maenner-7660192.html

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    1. Hallo Jasmin, Vielen Dank für deine superschönen einfühlsamen Texte über ein so wichtiges Thema.
      @Sebastian Mein Mann hatte eine eher gruselige Kindheit und musste innerhalb von zwei Jahren die Beerdigungen seiner Eltern, zu denen er aus gutem Grund keinen Kontakt mehr hatte, organisieren und mitbezahlen. Ich bin Gott/dem Schicksal dankbar, dass er für die Pflege dieser Eltern nicht auch noch zahlen musste.
      Auch aus meiner Sicht als Kranken- und Altenpflegerin ist es manchmal besser, so ehrlich zu sein und sich nicht oder nur wenig zu kümmern, als alte, verkorkste Beziehungen aus Pflichtgefühl wiederzubeleben. Versöhnung und Frieden schließen ist auch am Ende eines Weges noch möglich und das sind sehr kostbare Momente. Aber sowas geht nicht aus Pflichtgefühl. Was vorher sowieso an guter Beziehung gelebt und gepflegt wurde wird auch im Alter und Krankheit noch tragfähig bleiben. Ein schwieriges Thema, ich weiß. Ist auch nur ein kleiner Anstoß von meiner Seite.

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  6. Hallo Jasmin,
    durch Zufall bin ich auf deinen Artikel gestoßen. Seit Jahren ist Demenz bei uns ein Thema – da wir versuchen darüber aufzuklären und die Menschen dafür zu sensibilisieren. Nächstes Jahr bringen wir (wahrscheinlich) wieder eine Broschüre zu dem Thema heraus, finanziert ausschließlich durch Spenden und Anzeigen. Wärst du damit einverstanden, dass, wenn wir eine Broschüre rausbringen sollten, wir deinen Text veröffentlichen? Natürlich mit Quellenangaben und Namen.
    LG
    Kathi

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    1. Hallo Kathi,

      leider muss ich dir hier einen Korb geben, tut mir leid – ich möchte nicht, dass meine Texte woanders veröffentlich werden. Auch im Hinblick auf den Respekt vor Renate, die hier ja gar nicht gefragt werden würde und mit der nur der Blogbeitrag abgesprochen ist.

      Liebe Grüße,
      Jasmin

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  7. Huuuuh Jasmin… ich folg dir jetzt schon ein Weilchen auf Twitter, und jetzt lese ich zum ersten Mal einen Blogeintrag von dir und ich bin… begeistert ist das falsche Wort. Niedergeschmettert und weine ein bisschen. Man kann so gut mitfühlen, wie es Renate und auch dir geht bei diesen Gesprächen. All das berührt wirklich sehr. Ich danke dir und auch Renate für diesen Einblick.

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  8. Danke das es Sie gibt, Menschen mit Mitgefühl, wo nicht nur der Tanz um das goldene Kalb zählt. Sie, die den Menschen auf ihrem letzten Wege ihre Menschenwürde bewahren und begleiten. Ich hoffe, dass man Ihnen ebenfalls mit Wertschätzung begegnet. Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihr weiteres Leben.
    Ich verbleibe mit herzlichen Grüßen
    Heribert Kirchner

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  9. Wie schade, daß sie Arthur nicht mitnehmen konnte. In einigen Berliner Heimen bzw. Demenz-WGs ist es möglich Tiere mitzunehmen – auch kleine Hunde.

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    1. Leider erlitt der Dackel einen Schlaganfall und verstarb, noch bevor Renate einen Platz im Heim erhielt (steht auch oben im Text). 😉

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