Kaspars Bruder ist gestorben.

“Was magst du besonders an deinem kleinen Bruder?” Kaspar* überlegt und schaut unsicher auf das kleine Bündel hinab, das in meinem Arm liegt. Dann schaut er zu mir, sein Blick sagt: Ich vertraue dir nicht. Er wendet sich ab und versteckt sich hinter seinem Vater.

In meinem Arm liegt Leon*, der leider aufgrund eines Herzfehlers im letzten Drittel der Schwangerschaft noch im Bauch seiner Mutter gestorben ist. Festgestellt wurde es bei einer Routineuntersuchung. Die letzten 2-3 Tage vorher war er ruhiger als sonst, dennoch hatte sich die Mutter wohlgefühlt. Sie dachte, die Hitze mache nicht nur ihr, sondern auch dem Kleinen zu schaffen. Als sie bei ihrer Frauenärztin zum Ultraschall war, war diese sehr still. Irgendwann sagte sie: “Frau Schumann*, es tut mir sehr leid, aber ich finde keinen Herzschlag mehr. Ihr Baby ist leider verstorben.”

Rund drei Stunden später hatte ich sie am Telefon, alamiert durch ihren Bruder, der ein Freund eines meiner Exfreunde war. Mit bebender Stimme erzählte sie mir, dass sie gleich in die Klinik fuhren, wo man die Geburt einleiten würde. Erfahrungsgemäß rechnete ich mit rund 2 Tagen Wartezeit, womit ich letztlich auch Recht  behielt.

Ich kam noch während der Geburt ins Krankenhaus und wartete dort mit dem Schwiegervater und dem 5-jährigen Sohn, der sich eigentlich sehr auf die Geburt seines Bruders gefreut hatte. Ich unterhielt mich mit dem Opa, bis die Geburt vorbei und die Mutter bereit war, Besuch zu empfangen. Eigentlich gibt es noch eine 6-jährige Schwester, die wollte aber nicht mit und blieb bei ihrer Oma.

“Hilfst du mir, deinen Bruder anzuziehen?”

Und jetzt stehen wir hier – in meinem Arm der kleine Leon, dessen Herz es leider nicht geschafft hatte, sein Bruder, seine Mutter, sein Vater, sein Opa und eine Menge trauriger Stille.

“Hilfst du mir, deinen Bruder anzuziehen?”, frage ich Kaspar. Er schüttelt den Kopf und drückt sich am Bein seines Papa herum, eine Hand in dessen Hosentasche gekrallt, die andere unsicher an seinen Haaren nestelnd. Die emotional aufgeladene Situation verunsicherte ihn sichtlich und er trat mir mit großem Misstrauen gegenüber. Beunruhigt schaute er zu seinen immer mal wieder leise schluchzenden Eltern.

Als ich an meine Tasche trete und ein paar Klamotten heraushole, kommt er aus seinem Versteck hervor und fragt seine Mama: “Aber wenn wir ihn jetzt anziehen, wie soll er dann operiert werden?” Seine Mama streichelt ihm über den Kopf und sagt: “Die Ärzte können ihn nicht mehr operieren, Liebling. Leon ist leider tot.”

Kaspar schweigt. Ich frage ihn, was seine Lieblingfarbe ist. “Blau”, sagt der Papa. Ich frage den Jungen ob das stimme. Unsicher schaut er zu seinem Vater und sagt dann: “Nein, Grün.” Ich gehe an meine Tasche zurück, verlagere das Gewicht des toten Kindes auf den anderen Arm und hole ein grünes Tuch aus der Tasche. “Möchtest du, dass ich deinen Bruder einfach darin einwickle?”, frage ich Kaspar. – “Okay.”

Ich lege das Kind auf den Wickeltisch und betrachte es genauer. Ich spreche mit ihm und wische ihm das Gesicht sauber. Plötzlich merke ich, dass Kaspar versucht, etwas zu sehen, jedoch zu klein ist. Also nehme ich eine Decke, lege sie auf den Boden und bette Leon darauf, damit alle zugucken können, was ich mache. Ich kauere mich vor ihm hin und bereite ihn vor.

“Wie fühlt sich das an?” – “Wie eine Bockwurst.”

“Hm, wenn doch nur jemand Leons Arm hochhalten könnte, damit ich ihn besser einwickeln kann”, sage ich betont beiläufig mit einem Seitenblick auf Kaspar. Nach kurzem Zögern kommt er mutig zu mir gestapft, kniet sich hin und zieht eines der kleinen Ärmchen nach oben. “Wie fühlt sich das an?”, frage ich den Jungen. – “Wie eine Bockwurst.”, sagt er. Alle lachen, es war, als hätte Leon einen bösen Geist aus dem Raum vertrieben. “Wieso denn das?” – “Na so kalt und auch ein bisschen rutschig.”

Nachdem ich Leon fertig angezogen und ihm zum Schluss noch ein Mützchen auf den Kopf gezogen habe, frage ich den Vater, ob er ihn halten wolle. Unsicher nimmt er seinen Sohn auf. “Ich habe Angst, ihn kaputt zu machen. Er ist so zart und zerbrechlich.”

Kaspar klettert aufs Bett der Mutter und schaut seinen Bruder mit wachsender Neugier an. “Wieso ist er so rot?” – “Das liegt daran, dass er gegen Ende nicht mehr richtig gewachsen und seine Haut noch nicht ganz fertig ist”, erkläre ich ihm. – “Können wir seine Haut reparieren?” – “Leider nein.” – “Was ist das am Bauch?” – “Das ist der Bauchnabel, der abgeklemmt wurde.” Kaspar zieht sein T-Shirt hoch und wir erklären ihm, wie er selbst einmal mit seiner Mama verbunden war. Der Großvater sitzt zusammengesunken im Hintergrund und schweigt.

“Wie lange ist er noch so tot?”, fragt Kaspar. Kinder in dem Alter können die Unendlichkeit des Todes noch nicht richtig überblicken. “Das bleibt für immer so”, antwortet die Mama, die sich das Baby auf die Brust gelegt hat und streichelt. – “Darf ich ihn mit nach Hause nehmen?” – “Leider nicht. Leon kommt auf dem Friedhof, wie in dem Buch, weißt du noch?” – “Aber wieso muss er denn dahin und kann nicht so wie jetzt einfach bei uns wohnen?” – “Wenn Menschen sterben, muss man sie begraben.” – “Warum?” – “Weil sie sonst verwesen”, sagt der Vater. “Was ist verwesen?”, fragt Kaspar. Der Vater gerät ins Schwimmen und ich springe ein.

“Wenn jemand gestorben ist, beerdigt man ihn, weil er dann gut geschützt ist und du einen Ort hast, wo du ihn besuchen kannst. Das Grab hat dann einen Grabstein und Platz für Blumen und Spielzeug. So kann man sich für immer an ihn erinnern.” – “Ist das wie bei König der Löwen dass dann nur noch Knochen da sind wie beim Elefantenfriedhof?” – “Ja, so ähnlich. Aber das ist ja unter der Erde, also sieht man das nicht.” – “Cool, Knochen!” Wieder lachen alle.

“Und das Herz hat auch einen Rucksack?”

Kaspar schweigt. Dann dreht er sich zu mir, da er mich mittlerweile wohl als angemessen kompetent in Punkto Fragen beantworten hält. “Wieso ist das Baby gestorben?” – “Leider hat sein Herz nicht richtig funktioniert.” – “Was genau macht das Herz?” – “Das pumpt Blut durch deinen Körper, und in dem Blut sind ganz wichtige Stoffe aus deinem Essen drin. Die braucht dein Körper, damit du wächst. Das Blut hat dieses Essen in einer Art kleinen Rucksack dabei und bringt es da hin, wo es gebraucht wird.” – “Zum Beispiel zu meinen Beinen.” – “Genau, damit sie genug Kraftstoff haben, um größer zu werden.” – “Und das Herz hat auch einen Rucksack?” – “Das Herz ist der Motor, der das Blut und die kleinen Rucksäcke durch den Körper schiebt.” – “Und bei Leon war der Motor aus.” – “Genau, deshalb kamen die Rucksäcke nicht an und er konnte nicht weiter wachsen. Deshalb ist er leider gestorben.” – “Und wenn wir Leon jetzt noch schnell Essen geben? Reicht das dann?” – “Leider ist es dafür zu spät.” – “Das macht mich traurig.” – “Mich auch.”

Nachdem ich Fotos gemacht habe und wir noch ein bisschen gesprochen haben, rufen wir die Schwester, damit sie Leon in die Pathologie bringt. Das löst einen mittelgroßen Aufstand beim großen Bruder aus, der nicht wollte, dass das Baby weggebracht wird. “Ich will das Baby behalten!”, ruft er und ballt wütend seine Fäuste. Seine Stimme klingt weinerlich und sehr erschöpft. Die Mutter versucht ihm zu erklären, dass das Baby jetzt wirklich mit der Schwester mit muss. Er darf es noch einmal auf den Arm nehmen. Am Ende einigen wir uns darauf, dass ich das Baby in die Pathologie bringe und nicht die fremde Schwester. Kaspar, der Leon noch auf dem Arm hält, legt ihn in meine Arme und ich versprach ihm hoch und heilig, sehr gut auf das Baby aufzupassen.

Vor dem Krankenzimmer versucht der Großvater, der noch mit hinaus gekommen ist, mir hundert Euro zuzustecken und es wird ein ziemlicher Tanz mit dem Baby im Arm seinen Versuchen auszuweichen, den Schein in meine Tasche zu stecken. “Bitte, Sie tun so viel für uns”, sagt er. – “Aber ich mache das ehrenamtlich, einfach so. Niemand sollte dafür zahlen müssen, das ist ja alles schon schlimm genug.” – “Aber Sie haben doch auch Kosten, für die Fahrt und so.” – “Das lassen Sie mal meine Sorge sein.” Nach einigen weiteren Versuchen und dem Hinweis, dass Leon jetzt wirklich in den Kühlraum müsse, gab er auf. Er drückt mich unbeholfen an sich, nickt mir mit bebendem Kinn zu und ging zurück ins Krankenzimmer.

Draußen hole ich erst einmal tief Luft, nicke der Schwester zu, die leise mit einigem Abstand gewartet hat. Wir lächeln uns an. Alles gut gelaufen. Schweigend gehen wir in Richtung Pathologie. Gute Reise, Leon.


*Wie immer habe ich die Namen geändert.


Wenn du gut findest, was ich mache, kannst du mich unterstützen und mir über Paypal einen Kaffee schenken. Wobei das ein Trick ist, ich vertrage nämlich gar keinen Kaffee. Doch ich gebe viel Geld für Sternenkinder und ihre Familien aus (Fahrtkosten, Material, Porto für die Fotos, etc.), für Workshops, Ausbildungen und Therapie-Materialien. Wenn dir das alles gefällt, sag gerne gern hi und trag etwas zu bei, damit hier alles wachsen und gedeihen kann. <3 Damit hilfst du mir sehr! Danke 🙂


Newsletter abonnieren:


 

Diesen Beitrag mit anderen teilen:

7 Kommentare

  1. Danke für alles, was du für die Familien tust. Das ist so unglaublich wichtig.

    Antworten

  2. Liebe Jasmin, ich folge deinem Blog seit einiger Zeit, genauer seit dem Post über Eduardo, und ich bin sehr beeindruckt von deiner Arbeit. Sie zeigt mir, dass es so wichtig ist, sich mit dem Tod und dem Sterben auseinander zu setzen. In meinem näheren Umfeld habe ich in meiner Frauengruppe versucht Trauerarbeit zu thematisieren. Leider ist es nicht befürwortet worden( dann muss ich weinen, lass uns ein fröhliches Thema nehmen) das sind nur einige Kommentare.
    Ich selber komme aus der Seelsorge und habe bis vor kurzem bei der Telefonseelsorge gearbeitet: ein sehr breites Spektrum an Themen und sSrgen und Nöten gibt es bei den Menschen.
    Nun bin ich nach einigen Monaten Überlegungszeit zum Entschluß gekommen, einen neuen Kurs mit einer Ausbildung zu machen; und zwar als ehrenamtliche Begräbnisbegleiterin. Ich freue mich auf die neue Aufgabe und hoffe, dass du mir vielleicht mal schreibst. Auf jeden Fall besuche ich deinen Blog weiter, um aus deiner Arbeit Zuversicht zu schöpfen und zu lernen.
    Sei herzlich gegrüßt von
    heiDE

    Antworten

  3. Liebe Jasmin, seit einiger Zeit verfolge ich auf deinem Blog deine wundebaren und einfühlsamen Posts mit so wichtigen Themen. In meiner Umgebung, auch in meiner Frauengruppe sind diese Thematiken ein Tabu( da muss ich weinen-das macht mich traurig- ich will darüber reden) und dabei finde ich es so wichtig sich mit dem Thema Tod und Abschied auseinander zu setzen. Im Herbst beginne ich eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Begräbnisbegleiterin und ich freue mich darauf und möchte viel mit den verschiedenen Blogthemen in die Tiefe gehen.
    Ich danke dir für deine so erlebnisreichen und einfühlsamen Begegnungen mit dem Menschen und wünsche dir weiterhin viel Kraft.
    Gruß zu dir
    heiDE

    Antworten

  4. Vielen Dank für diesen wirklich liebevollen Bericht und deine ehrenamtliche Arbeit. Schön auch, wie du den kleinen Sohn eingebunden und das Eis gebrochen hast. Mit seinen Einwürfen hat er diese schlimme Situation sicherlich etwas aufgelockert.

    Antworten

  5. Mit Betroffenheit und aber auch mit Neugierde lese ich solche “Geschichten” die das Leben schreibt.

    Jeder hat in unserer Gesellschaft seinen Alltag und doch ist es wichtig zu wissen daß man selbst gar nicht so schwer hat.

    Man muss einfach nur dafür dankbar sein das man nach dem Erwachen aus dem Schlaf die Beine auf den Boden stellen darf und sich ohne fremde Hilfe in den nächsten Tag bewegen kann.

    Danke für die geschriebenen Worte und das lesen dürfen dieser Ereignisse

    Gruß aus der Hochfranken Region von Rainer

    Antworten

  6. Liebe Jasmin, ich lese deinen Block schon etwas länger und fast jeder deiner Texte lässt mich Tränen vergießen. Doch ich finde es gut. Denn so setzte ich mich auch mit meiner schlimmsten Angst, dem Tod, auseinander.
    Ein Satz in diesem Text hat mich besonders ins Herz getroffen: “Niemand sollte dafür zahlen müssen[…]”. Du hast damit so recht!
    Ich lese deine Geschichten und ich bin so froh, dass du für die Mensch da bist, die ansonsten vielleicht alleine mit der Situation hätten klarkommen müssen.
    Ich überlege mich auch ehrenamtlich in diesem Bereich zu engagieren. Ich zögere jedoch, da ich mir nicht genau vorstellen kann wie man zu sowas “ausgebildet” wird und ob ich mich dafür eigne. Ich bin leider nah am Wasser gebaut und sowas ist in diesen traurigen Situationen wahrscheinlich dann wenig hilfreich.
    Ich würde mich freuen, wenn du mir vielleicht ein paar Informationen hinsichtlich des ehrenamtlichen Engagements und dem Weg dahin geben könntest.

    Nochmal ein ganz großes Danke und meinen tiefsten Respekt!

    Liebe Grüße
    Saskia

    Antworten

  7. Liebe Jasmin,
    sehr schön, wie du den großen Bruder mit einbezogen und aus der Reserve gelockt hast.
    Immer, wenn ich deine Seite besuche, brauche ich anschließend Taschentücher… aber das ist schon richtig so.
    Susanne

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.