Depression ist ein Höllenhund.

Das Handy klingelt und du gehst nicht ran. Du schließt die Augen, dein Herz klopft schnell und du spürst die Anspannung. Wann ist es vorbei, wann ist es vorbei, wann ist es endlich still, verdammt nochmal? Als es aufhört zu klingeln, greifst du danach und machst den Flugmodus an. Bitte lasst mich in Ruhe, wenigstens heute, wenigstens jetzt, wenigstens mal kurz, bis es wieder geht, okay? Okay? Wann es wieder geht? Keine Ahnung. Vielleicht im nächsten Leben.

Du liegst schon das ganze Wochenende im Bett. Deine Freunde wollten was mit dir machen, aber du warst zu müde. Immer bist du so müde, immer musst du absagen. Du wirst sowieso kaum noch gefragt, ist deine Antwort doch immer die gleiche: “Boah, total gern, aber bin heute total platt von der Arbeit! Nächstes Mal bin ich aber bestimmt dabei! :-)” Der Smiley ist gelogen. Der Rest auch.

Wann ist es endlich vorbei?

Du schämst dich, weil du dich vor allen versteckst. Weil du mehrere Stunden brauchst, um dich zu überwinden, dir die Schuhe anzuziehen und einkaufen zu gehen. Weil du das meist doch nicht schaffst und etwas bestellst, dann stopfst du das ungesunde Essen in dich rein, schämst dich noch mehr und hasst dich auch noch. Manchmal weinst du, während du in den Halloumi-Burger beißt und dich selbst kaum aushältst. Das letzte Mal, dass du einen Supermarkt betreten hast, ist sechs Wochen her.

Dein Freund besucht dich und du bist froh, dass du nicht zu ihm fahren musst. Draußen sind Menschen und Dinge und Geräusche und du bist so dünnhäutig, dass du das Gefühl hast, all dem nicht standhalten zu können. Nicht die Kapazitäten zu haben, dich gegen das Draußen zu schützen. Die Energieressourcen deines Schutzschildes werden von der Arbeit komplett aufgebraucht. Kommst du nach Hause, liegst du blank und verletzlich im Bett, eine riesige schwarze Wunde, wie ohne Haut. Du bist konstant im Verteidigungsmodus und fragst dich, wann das aufhört. Ob das je aufhört.

Wenn dein Freund da ist, willst du einfach nur in seinem Arm liegen. Mehr geht nicht. Er will mehr, das weißt du. Er will ins Kino. In eine Bar. Sich mit Freunden treffen. Er kann nichts dafür, er weiß es ja nicht. Du bist Hauptrolle im Theaterstück namens “Ich bin nicht depressiv”.

Jeder Vorschlag, den er macht, sitzt wie ein Peitschenhieb. Du bist still, redest kaum, traust dich nicht zu sagen, was du eigentlich sagen musst: Bitte nicht. Du entschuldigst dich, gehst kurz ins Bad und heulst, weil du dich schämst. Willst dich bestrafen, weil du dich hasst. Wenn du zurückkommst versuchst du, dich irgendwie rauszureden. Willst ihm nicht sagen, wieso du wirklich nicht mitkommen willst, versteckst den Höllenhund vor ihm. Er soll nicht sehen, was in dir tobt, du willst so sein wie andere Leute, du willst von ihm so gesehen werden wie andere Menschen in deinem Alter. Möchtest eine gute Freundin sein und nicht: kaputt.

Bitte geh nicht weg.

Um ihn nicht zu enttäuschen, zwingst du dich, etwas zu unternehmen. Ihr trefft Freunde und du stehst nur da und trinkst und redest viel Unsinn, damit bloß niemand fragt, wie es dir geht. Du redest und redest und versuchst, damit die Stille in dir drin zu füllen. Das Loch, das der Höllenhund gerissen hat, während er sich so lange von dir ernährt, bis nichts mehr übrig ist. Du liebst deinen Partner, kannst es ihm aber nicht zeigen. Kaum sagen. Du bist eine stumme Marionette, die einfach nur hofft, dass sie genug ist. Dass es bald besser wird. Bald. Bald. Du bist ein menschgewordener stummer Schrei neben ihm und hoffst nur: Bitte mach nicht Schluss. Bitte mach nicht Schluss. Bitte mach nicht Schluss. Der Höllenhund knurrt.

Die Menschen um dich herum lachen, du lachst auch, dabei bist du nicht fröhlich. Du weißt nicht einmal, worum es geht, scheiß drauf: hahahaha! Es ist nicht schwer. Mundwinkel hoch, Augen etwas zusammenkneifen, Lachgeräusch. Den Kopf etwas nach hinten und dann nach vorn beugen. Du schaffst nicht, den Leuten dabei in die Augen zu sehen, scheißegal, dann lachst du eben lauter. Hoffentlich glauben sie es. Hoffentlich. Du greifst nach der Hand deines Freundes, dem Anker in der feindlichen und rauen See. Lehnst dich an ihn an. Atmest ein. Aus. Ein. Aus.

Auf der Arbeit kriegst du Probleme. Es fällt auf, dass etwas nicht stimmt. Deine Arbeitsleistung stimmt nicht. Du vergisst wichtige Termine und Deadlines. Du machst Fehler. Jeden Morgen stehst du später auf, wenn du aufwachst, liegst du erst einmal fast eine Stunde im Bett und suchst nach dem Willen, dich aufzurichten, deine Beine über die Bettkante zu schwingen und aufzustehen. Du findest dich selbst pathetisch und lächerlich, das ist ein einfacher physiologischer Vorgang. Aufstehen, zigtausende Male gemacht, vielleicht Millionen Male, wer weiß? Aber es geht nicht. Es ist, als seist du noch nie aufgestanden. Etwas zieht dich in die Tiefe, du kannst einfach nicht. Manchmal versuchst du dann, zu weinen, doch du bist nicht traurig. Überhaupt bist du in letzter Zeit gar nichts, nicht traurig, nicht fröhlich, du bist nur: leer.

Auf der Arbeit ziehst du dich von den Kolleginnen und Kollegen zurück. Isst dein Mittagessen still an deinem Tisch, liest dabei etwas oder starrst einfach nur deine Tastatur an. Wenn dich jemand anspricht, lächelst du und erzählst eine Lüge, die dein Gegenüber gerne hören will, um beruhigt zu sein. Eigentlich wartest du nur darauf, dass man dir kündigt. Wäre dir auch schon egal. Alles egal.

Der Höllenhund frisst sich durch dein ganzes Leben.

Irgendwann ist dein Freund weg. Klar, denkst du. Du hasst dich, fühlst dich nicht liebenswert. Deine Wut auf dich selbst ist rasend. Ihr habt oft gestritten, du hast dich immer mehr zurückgezogen und wenn er deine Grenzen überschritt, hast du den Hund rausgelassen und er hat deinen Partner attackiert. Woher hätte er die Grenzen kennen sollen? Du hast ihm nie etwas gesagt. Dich nie vor ihm erklärt. Genau genommen weißt du selber nicht, wo deine Grenzen sind und wie es weitergehen soll. Mascha Kalekó schrieb: Man braucht nur eine Insel / Allein im weiten Meer. / Man braucht nur einen Menschen, / den aber braucht man sehr. Deine Insel ist jetzt fort.

Du verlierst immer mehr Menschen, sie rinnen dir wie Sand zwischen den Fingern durch. Du kannst niemanden bei dir halten, deine Arme sind zu schwach. Eigentlich willst du auch keine Belastung sein. Hältst dich selber nicht aus und willst dich niemandem zumuten. Deine Mutter rufst du nicht mehr zurück. Du verblasst immer mehr in den Leben deines Umfelds.

Briefe öffnest du seit Wochen nicht mehr. Aus den Mahnungen werden gelbe Umschlage, die Post kommt vom Gericht. Du öffnest sie, bekommst Angst, legst sie wieder weg. Es kommen immer mehr gelbe Umschläge. Du zwingst dich wieder, sie zu öffnen und den Anweisungen darin zu folgen. Bezahlst immer mehr und höhere Gerichtsgebühren, dein Geld rinnt dir unter den Fingern weg. Seitdem hast du Angst vor Post. Du öffnest ausschließlich gelbe Umschläge, den Rest legst du beiseite. Du wartest einfach, bis die Post nach einigen Wochen wie durch Zauberhand die Farbe wechselt. Ab und zu kommt eine Freundin vorbei, die die Post für dich erledigt. “Du brauchst Hilfe”, sagt sie. “Ich kann nicht”, sagst du. Du schreibst ihr fast nie zurück. Irgendwann schreibt sie auch nicht mehr.

Deine Freunde merken, dass etwas nicht stimmt. Sie sagen dir: Gib uns Bescheid und sag, wenn du Hilfe brauchst. Doch du bist zu schwach, du kannst nicht um Hilfe bitten. Du weißt nicht, was du brauchst. Kannst keine Entscheidungen treffen. Du würdest ihre Hilfe so gern annehmen, doch ist sie zu unkonkret. Du warst beim Arzt und er hat dich vier Wochen krankgeschrieben, du hast eine Überweisung zum Psychotherapeuten. Als du sechs Therapeuten angerufen hast – obwohl du Angst vorm Telefonieren hast –, und nichts bei rum kam, hast du aufgegeben. Du hast die Kraft nicht mehr. Du liegst im Bett, schaust Fotos von dir und deinem Exfreund an und denkst: Irgendwann ist es vorbei, dann bin ich wieder normal. Irgendwann. Bitte. Irgendwann.


Es gibt viele Texte über Depression, weshalb ich bislang immer gezögert habe, selbst etwas zu schreiben. Mein Vater ist seit jeher depressiv und ich bin leider selbst auch betroffen. Mittlerweile bin ich aber der Meinung, dass es nicht zu viele Texte über dieses Thema geben kann. Dass man den Betroffenen immer zeigen muss: Wir vergessen euch nicht, wir wissen, dass es euch gibt. Ihr seid nicht allein. Deshalb gibt es diesen Text. Ich habe dieses Mal extra keinen Sachartikel geschrieben, weil ich so das Innenleben einer depressiven Person besser darstellen konnte: Durch eine*n Protagonist*en.

Wenn du keinen Ausweg mehr siehst und dein Leben beenden willst, lies bitte das hier:

Wenn du das gerade liest und selbst depressiv bist, kennst du einiges von oben sicher, wenn nicht sogar alles. Vielleicht weißt du auch, dass die Hälfte der Selbsttötungen in Deutschland ein Resultat dieser Krankheit sind. Es geht vielen Menschen wie dir, du bist nicht allein. Und: Du bist nicht Schuld.

Solltest du selbst schon einmal darüber nachgedacht haben oder akut darüber nachdenken, dein Leben zu beenden, bitte ich dich, diese Nummer zu wählen: 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 deutschlandweit. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und: sie taucht nicht auf der Telefonrechnung auf. Du musst dadurch zum Beispiel keine Angst haben, dass dein Partner oder deine Eltern etwas mitkriegen. Bist du ein Kind oder ein Jugendlicher, kannst du hier anrufen: 0800-111 0 333.

In jeder Gemeinde gibt es einen sozialpsychiatrischen Dienst, der dir in akuten Notfällen zur Seite steht. Wenn du das Gefühl hast, keinen Ausweg mehr zu sehen oder die Kontrolle zu verlieren, kannst du auch einfach die Polizei (110) oder Rettung (112) anrufen. Die bringen gegebenenfalls jemanden vom sozialpsychiatrischen Dienst mit und sorgen dafür, dass dir schnellstmöglich geholfen wird.

Hier findest du weitere Hilfsangebote: Telefonnummern, Selbsthilfegruppen und mehr.

Hier findest du die Krisentelefonnummern für Österreich.

Hier findest du das Schweizer Sorgentelefon.

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19 Kommentare

  1. Dein Text lässt mich gerade sehr nachdenklich zurück (positiv), weil er mir sehr deutlich aufzeigt, dass ich gegenüber einer Freundin wohl zu früh aufgegeben habe (negativ).
    Vielleicht sollte ich sie mal anrufen :/

    Danke jedenfalls für deine Arbeit <3

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  2. Es gibt einige Texte über Depression, ob es viele sind vermag ich nicht zu sagen.
    Es gibt aber nicht genug. Auch deshalb, weil jede Depression vermutlich etwas anders ist.
    Aber alle haben auch wieder etwas gemeinsam. Und wenn die Menschen mehrere Texte lesen, werden sie vielleicht dieses gemeinsame ein wenig begreifen können und verstehen.

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  3. Danke, liebe Jasmin! Für diesen und all deine anderen Texte – für die vielen Gedankenanstöße, fürs Mitnehmen und Bewegen.

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  4. Liebe Jasmin,
    bin vorhin auf Deinen Blog gestoßen, der mich sehr beeindruckt; ich finde Deine Texte sehr einfühlsam und berührend.
    Der ‘Höllenhund’ beschreibt vieles von dem, was wir bei unserem Sohn seit einigen Jahren erleben – seit er nach einem Arbeitsunfall eine Schmerzerkrankung entwickelt hat und (wieder) depressiv geworden ist. Weißt Du, ob – wie – man als Eltern ein erwachsenes Kind dazu bringen kann, einen Weg aus der Depression zu suchen, zu gehen und dran zu bleiben, nicht aufzugeben?

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  5. Grossartiger Text.

    Aber eines ist wichtig: er beschreibt nur die klassische Frauen-Depression. Männer sind da meist anders: Aggression statt Rückzug, wildes und ungehemmtes Arbeiten statt Mattheit, exzessiver Sport statt Essanfälle.

    Die männliche Depression wird viel seltener erkannnt – und deswegen bringen sich so viel mehr depressive Männer um als Frauen.

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    1. Danke für den Kommentar. Es ist ein fiktiver Text mit einer Protagonistin und kein Sach-Text über Depression.
      Und so pauschal kann man das alles sowieso nicht sagen. In meiner Therapeuten-Ausbildung habe ich bislang 17 Arten von Depression gelernt und das ist erst der Anfang. Depression kann sich in tausenden Variationen zeigen… sogar bis hin zu Psychosen, Halluzinationen und ähnliches.

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  6. Fast ein bisschen traurig, wenn man sich darin so sehr wiederfindet. Vor allem auch wenn man es selbst nicht schafft, das alles in Worte zu fassen. Danke für den Text.

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  7. Wenn, der Traum durch, den man wankt zum Alptraum wird. Danke, dass du auch so etwas ansprichst. Genug Öffentlichkeit KANN es zu dem Thema gar nicht geben. Viel zu oft bekommt man noch zu hören man solle sich zusammenreißen. Ist doch alles toll bei dir. Versuch doch einfach glücklich zu sein. Du bist so ein toller Mensch, wenn du dich nicht im Selbstmitleid suhlst… blablabla Selbst von Menschen, die selber wissen wie es ist. Es also eigentlich besser wissen müssten.

    Weiterhin viel Kraft und Liebe dir.

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  8. Danke dass du die Depression durch deinen Beitrag so fühlbar machst – das ist auch für nicht direkt Betroffene sehr hilfreich.
    Hier noch ein kurzer Film, den ich auch sehr anschaulich fand: „Der schwarze Hund“: https://youtu.be/1UiA32Qv4yE

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