Was ist, wenn man übrig bleibt?

W

Meine Nachbarin wird in 2 Wochen 89 – und bis auf die Kinder, eine Bekannte und den Mann einer Freundin sind alle Leute, mit denen sie ihr Leben verbracht hat, tot. Das vergesse ich oft, wenn ich mein Leben so lebe und einkaufe und arbeite und mich verliebe und mich entliebe und Gassi gehe und mir wehtu und heile und atme und bin, doch letztens fiel es mir wieder ein, als ich ihr die Einkäufe in der Küche abstellte, all die verblichenen Fotos sah und in meinem jungen schnellen Leben mal auf “Pause” drückte und mal eine Sekunde lang nachdachte. “Soll ich mal vorbeikommen zum Kniffeln?”

Ihre Augen strahlen. Sie möchte mir jedoch keine Umstände machen, sagt sie mir, während sie aus der Wohnung geht und die unglaublich steile Kellertreppe runter schwankt (“lassen Sie mich, ich will das selber machen!”). “Neee, ich kniffel auch gern, können wir doch mal machen!” sage ich, wobei ich mir die Augen zuhalten will weil ich denke: gleich knallt’s. Sie verschwindet im Keller, ich stehe oben und bin ratlos, weil sie mich vergessen zu haben schien. Irgendwann taucht sie wieder auf.

“Ja gut, das ist ja schön!”, sagt sie, während sie ihren zerbrechlichen 50-Kilo-Winzkörper die Treppe hoch schiebt. Sie leidet seit Jahren an starkem Schwindel und ich bin manchmal regelrecht krank vor Sorge wenn ich daran denke, wie sie die ganzen Treppen hoch und runter läuft oder ihre Schränke oben abwischt. Auf einem Stuhl stehend. Sie legt wert darauf, körperlich und geistig fit zu bleiben, möchte alles selber machen. Sie besucht andere ältere Leute immer noch zu Fuß und jeden Sonntag kommt eine Freundin mit ihrem Hund vorbei, damit sie Kniffeln. Mittwoch ist Canasta-Tag mit den Kindern, Donnerstag ist die Katzenfreundin dran – alles ist durchgeplant. Hoffentlich bin ich in ihrem Alter auch noch so aktiv und umtriebig, denke ich mir so, während ich auf eine Antwort warte.

“Samstag… da ist mein Badetag.” – endlose Stille. “Na, dann muss ich Freitagabend baden. Dann machen wir Samstag, 15:30 Uhr?” Argh, da ist der Rave, denke ich. Drauf geschissen.
“Samstag passt”, sage ich, während ich den Rollator zusammenstaue. “Ich bring Kuchen mit.”

4 Stunden Reise durch 89 Jahre Leben

Als ich Samstag klingle, schallt mir schon ein “ich kommeeeee” von der anderen Seite der Tür entgegen. Es klingt, als habe sie vor der Tür gewartet. Die Tür öffnet sich und ein bisschen traurig fragt sie, wieso der Hund nicht dabei sei. Ihr müsst wissen: mein Hund und sie haben eine innige Liebesbeziehung, die auf der Freigiebigkeit Frau W.s im Bezug auf Würstchen ist. Aber auch ohne Hund bin ich willkommen und werde in die kleine Küche geführt, in der ich mich jedes Mal fühle wie ein Riese. Der Tisch ist pingelig gedeckt, mit Tellern, Untersetzern, Kuchen. Eine Kerze brennt, das Besteck neben den Tellern ist sorgsam aufgereiht. In der Mitte: Butterkuchen. Als ich meinen Erdbeerkuchen abstellen möchte, schimpft sie mich ein bisschen, weil das ja der Teure sei und sie wisse, was der koste und das sei doch gar nicht nötig. “Glauben Sie nicht, ich wisse nicht, was der kostet! Das ist unvernünftig, das sollen Sie doch nicht, also wirklich!”

Frau W. braut einen Kaffee, der schon nach 3 Schlucken Herzrhythmusstörungen verursacht und in großen Mengen sicherlich tödlich ist. Sie kippt mir einen Schluck Kondensmilch hinein (ich glaube, das Zeug habe ich noch nie live gesehen) und wir sprechen über die Nachbarschaft. Frau W. lebt hier schon von klein auf, sie ist hier aufgewachsen, hat damals den Phosphorbomben-Angriff auf Hamburg überlebt und ihren Mann im Bunker kennengelernt.

Wir sprechen über meinen Hund, sie zeigt mir im Flur die Fotos aller Haustiere, die sie jemals hatte, und die ihrer Kinder und Enkel und ihrer Freundinnen und Freunde. Mir fällt auf, dass es kaum aktuelle Bilder gibt, als sei ihr Leben vor 11 Jahren stehengeblieben. Ist es auch, als ihr Mann starb. Der gerufene Arzt hat eine Bronchitis diagnostiziert, 2 Tage später war ihr Mann tot – schwerer Herzinfarkt. Keine Bronchitis.

Nun wird das Kniffel-Set herausgeholt, 2 Deckchen, 2 Würfel-Becher (ich bekomme den “Besucherbecher”), 2 Blöcke, 2 Kulis. Frau W. ist Profi, das merkt man sofort. Sie zieht mich in den nächsten 4 Stunden 12 mal so richtig ab. “Sie machen ganz viele Fehler”, sagt sie mir, als ich am Handy den Punktestand aller Spiele zusammenrechne, während sie im Kopf inneralb von 5 Sekunden ihren eigenen Punktestand zusammen addiert. Sie rechnet circa 50 Mal schneller als ich und plant ihre Kniffel-Züge 3-4 Schritte voraus. Liebe Banken, falls ihr eine Forecasterin sucht: das ist eure Frau.

“Wenn alle Menschen die man je gekannt hat sterben, das ist so traurig, verstehen Sie?”

Während dieser 4 Stunden reisen wir durch 89 Jahre Leben. Menschen werden geboren, wachsen auf, heiraten, sterben, werden geboren, wachsen auf, heiraten, sterben, wir fahren campen, ein Ferienhaus wird gekauft, wir fahren wieder campen, Menschen werden krank, gehen in Rente, Freundschaften zerbrechen, Regierungen wechseln, Kriege beginnen, Kriege enden, noch mehr Menschen sterben.

“Mein Sohn sagt immer ich solle froh sein, dass ich so alt bin, aber ich weiß gar nicht, ob ich das will. Wenn alle Menschen die man je gekannt hat sterben, das ist so traurig, verstehen Sie? Das macht einen so traurig, das tut dann überall im Körper weh und ich weiß gar nicht, was ich so soll.”

Ich lege den Kopf schief und schaue ihr in die Augen, höre einfach nur zu. In diesen 4 Stunden habe ich glaube ich 20 Sätze gesprochen, das war’s. Sie war froh, einfach mal erzählen zu können, und das bei jemandem, der nicht einfach nur ihre Gesundheitskarte einscannen möchte.

“Aber wenn ich den Fernseher ausmache, dann bin ich wieder so traurig, also wenn der Film vorbei ist.”

“Wenn ich Naturdokus schaue, dann freue ich mich so, das spüre ich auch wieder im Körper, das ist so schön!” Sie zeigt mir ihren großen LCD-Fernseher mit den Kopfhörern, die sie beim Fernsehen immer aufzieht, weil sie nicht mehr so gut hört. “Ich bin dann immer doch froh, sowas noch sehen zu können, den Regenwald und die Wüste und all die Tiere, da bin ich so glücklich. Aber wenn ich den Fernseher ausmache, dann bin ich wieder so traurig, also wenn der Film vorbei ist. Vielleicht bin ich ein bisschen komisch.”

Mein Bauch ist ein kleiner Klumpen. Ich bekomme eine Ahnung davon, wie es ist, wirklich wirklich alt zu sein. Sie ist zwar für ihr Alter top fit, aber wirklich einsam, auch, wenn ihre Familie dauernd hier ist und sich wirklich rührend um sie kümmert. Aber dennoch… stellt euch vor, zu jedem Menschen, den ihr kennt, fällt euch parallel zum Gesicht das Bild des Sarges ein? Das sind Löcher, die Freunde und Kinder nicht mehr füllen können. Wunden, die nicht mehr heilen werden. Man kann nur lindern, was wir auch tun.

Als sie mir von der Beerdigung ihres Mannes erzählt, singt sie leise das Lied, das ihre Schwiegertochter damals sang und die Tränen kullern ihr die Wangen herunter, während sie einen Dreierpasch zusammenschiebt und ihre Punkte einträgt.

Alte Menschen gehen zum Arzt, nur, um mal wieder eine Hand am Rücken zu spüren

Frau W. hat noch Glück. Vor ein paar Wochen hat mir mein Therapeut erzählt, wie viele alte Menschen so unglaublich einsam sind und leiden. Dass viele seit Jahren nicht mehr mit dem Vornamen angesprochen wurden, weil alle persönlichen Kontakte tot sind und sie nur noch mit Ärzten und Ämtern und Apothekern sprechen, dass viele seit Jahrzehnten nicht mehr berührt wurden und sich zu Hausärzten schleppen, nur, damit sie mal wieder eine Hand am Rücken spüren.

Während ich herumlaufe und tanze und Gassi gehe und gestresst bin und an meiner Karriere feile, sitzen Millionen Leute in winzigen Wohnungen und trinken Kaffee an einem Tisch voller Platzdeckchen und warten darauf, dass Ostern oder Weihnachten wird und die Enkelkinder zu Besuch kommen. Millionen Leute sitzen einfach da, ihr Leben auf “hold”, manche verlassen gar nicht mehr ihr Haus, ebenfalls jahrelang. Sie sind zu fit, um zu sterben und doch zu alt, als dass jemand deren Existenz registriert.

“Sie umarmt mich, ich muss ganz weit runter gehen und spüre ihre knochige Wirbelsäule unter meinen Händen – sie ist wie ein kleiner Vogel, bei dem man Angst hat, ihn bei der kleinsten Berührung zu zerdrücken.”

Es wird langsam dunkel draußen, ich wollte schon vor 2 Stunden gehen, sie holt den Eierlikör raus, eine ganz neue Flasche, die sie extra für mich aufmacht. Sie fragt mich um Rat, wie sie das Verhältnis zu ihrer ehemals besten Freundin aufwärmen kann, die seit dem 3. Schlaganfall keinen Besuch mehr bekommen möchte, sie fragt mich, ob ich einen Freund habe, sie erzählt von ihrem Mann, hinter dem die ganzen Frauen immer her waren. “Ein Polizist, wissen Sie? Er war nicht sehr groß, 1,74 ist ja nicht groß für einen Mann, ich mochte immer die großen Männer, auch jetzt noch, Sie sehe ich auch immer mit großen jungen schönen Männern, das ist gut so, die können Glühbirnen einschrauben und aufpassen, dass Ihnen nichts passiert!”

Nach einer weiteren Stunde muss ich mich verabschieden, da der Hund gefüttert werden und Gassi muss. Sie umarmt mich, ich muss ganz weit runter gehen und spüre ihre knochige Wirbelsäule unter meinen Händen – sie ist wie ein kleiner Vogel, bei dem man Angst hat, ihn bei der kleinsten Berührung zu zerdrücken. “So schön, dass sich Leute wie Sie immer noch um mich kümmern, das ist so schön, das macht mich so froh. Das machen wir bald wieder, ja? Also nur, wenn Sie Zeit haben.” Ich nicke mit einem Kloß im Hals.

Ich habe Zeit. Viel zu viel eigentlich, ich teile sie mir nur falsch ein. Beladen mit Würstchen für den Hund und Kuchen für mich laufe ich die Treppe hoch, gehe in meine Wohnung, füttere den Hund und lege mich erstmal auf’s Bett. Ich fühle mich schuldig, und weiß nicht, wieso. Vielleicht weil ich jung bin. Vielleicht, weil ich schon viel früher hätte anfangen sollen, mit ihr zu kniffeln. Ich weiß es nicht.

Vor meinem inneren Auge ziehen noch stundenlang verblichene Fotos vorbei.


Dieser Text ist 2016 zuerst auf meinem anderen Blog lavievagabonde.de erschienen.


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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

11 Kommentare

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  • Wunderschön geschrieben, es hat sich angefühlt als ob ich dabei gewesen wäre. Alte Menschen können einem soviel geben man muss sich nur auf sie einlassen 💜💜

  • Ich habe eine ähnliche Situation in meiner Familie. Meine Mama ist zwar ganz gut untergebracht und hat Kontakt zu anderen und wir Kinder besuchen sie mehrmals die Woche. Aber mein Papa hat seine letzte Zeit sehr einsam verbracht. Er war zu dickköpfig um in unsere Nähe zu ziehen, wobei ich das sogar verstanden habe nachdem er mir sagte, er wolle sich nicht noch eine Heimat nehmen lassen.
    Wir waren alle viel zu selten und dann viel zu kurz bei ihm. Das macht mich restrospektiv traurig. Aber nun ist die Chance vertan.
    Schön, dass du der Dame deine Zeit geschenkt hast. Das ist das einzige was für soclhe Menschen zählt.

  • Das zu lesen tat mir ebenso gut wie schlecht. Es wird nicht einfacher, aber schöner wenn man weiß man muss nicht allein sein. Ich habe große Angst vor dem alt werden. Als meine Oma in der einsamen Situation war, war ihr Mann bereits 50 Jahre tot und auch beide Kinder bereits verstorben. Meine Schwester und ich waren viel zu jung um die Tragweite dieser Einsamkeit zu wissen. Auch wenn ich im sozialen Bereich arbeite, ich habe immer noch das Gefühl zu wenig zu tun. Ich kämpfe, weiß nicht wirklich für wen und was. Manchmal erscheint das Leben so schwarz, und dann hellt es auf. Repeat. Womöglich muss ich noch aktiver werden um meine Seele zu befriedigen.
    Danke für das Blog. Tausend Dank!

  • Dieser Beitrag erinnert mich so sehr an meinen Opa. Er ist gestern 95 Jahre alt geworden, aber leider liegt er seit knapp zwei Wochen im Sterbebett. Ich bin sobald ich kann bei ihm, und mir fällt auf einmal so viel ein, was ich hätte noch mit ihm machen können. Vor meinem Urlaub war ich zuletzt bei Ihm und dort ging es ihm noch richtig gut… bis der Schlaganfall kam. Dann kommt jedes mal dieses schlechte Gewissen und haut mir eine rein.

    Ich bin froh das es so Leute wie dich gibt! deine Beiträge über deine Arbeit öffnen mir die Augen. Ich denke nicht mehr, dass der Tod eine Bestrafung ist. Ich selbst bin glücklich wenn Opa nach 95 Jahren endlich seinen Frieden finden kann.