Jürgen.

Ich stand vor einer Ziegelmauer und war einigermaßen verwirrt. Es roch nach Stall, im Gebäude schräg gegenüber von mir sah ich wackelnde Pferdeöhrchen, links rankten Rosen und ein Hund lag faul in der Sonne. Hier sollte ich richtig sein? Ich rief noch einmal Die SMS auf, die mir Julian, der Bestatter von Thanatos Berlin, geschickt hatte. Doch, ich war richtig: Fuhrbetrieb Gustav Schöne, mitten in Neukölln – hier sollte ich meinem ersten erwachsenen Toten begegnen. Eine Katze strich um meine Beine und verschwand im Hofeingang.

Mein zögerliches Herumstehen wurde anscheinend bemerkt, denn plötzlich lief mir jemand entgegen und stellte sich mir vor: “Hi, ich bin Julian!” Alles klar, das war also der Bestatter, der sich freundlicherweise bereiterklärt hatte, mich zu einer Totenfürsorge mitzunehmen. Eigentlich wollten wir vorher erst einmal einen Kaffee trinken gehen und besprechen, wie ich mich einbringen könnte. Doch dann fragte er mich: “Oder du springst ins kalte Wasser und kommst Donnerstag direkt mit zu einer Totenfürsorge?”

Ich sprang.

Und jetzt stand ich hier in Neukölln in alten Sneakers und eigentlich abgelegter Baumwollkleidung (“achte darauf, dass du die Klamotten bei 60°C waschen kannst!”) und hatte schwitzige Hände und fragte mich, was das für ein seltsam schöner Ort war – und ob das alles wirklich eine so gute Idee war. Ich folgte Julian, der mich zu einem großen Tor führte. Rote Rosen rankten sich an der Wand hoch, die Vögel zwitscherten und ich war überrascht, so ein idyllisches Gut mitten im hektischen Berlin zu finden.

Die Tür wurde geöffnet und heraus kam Sarah, die ich durch ihr Projekt Sarggeschichten kannte. “Er ist schon ausgezogen, nicht erschrecken.” Ich hatte Lampenfieber und dachte daran wie es war, das erste Mal einem Sternenkind zu begegnen. Okay Jasmin, ein tiefer Atemzug und rein da! Ich betrat den Raum und blinzelte, da es innen deutlich dunkler als im gleißenden Sonnenlicht war. Und dann sah ich ihn: Jürgen.

Jürgen war mein erster erwachsener Toter

Er lag auf einem Metalltisch, wie man ihn aus Krimis kennt, wenn sich die Kommissare in der Gerichtsmedizin aufhielten. Seine Haut war gelblich und ich dachte direkt an Leberversagen, mein Gehirn beschoss mich mit medizinischen und biologischen Beobachtungen, um mich vor der Tatsache zu schützen, dass dort wirklich ein Toter lag. Ich legte meine Sachen ab und betrachtete den Körper, der da vor mir lag, sah die Schläuche, die aus seinem Leib ragten. Vielleicht Pneumothorax, dachte ich direkt. Großes Ödem im Bauch. Katheter. Einen Chemotherapie-Port. Ich sah OP-Wunden. “Woran ist er gestorben?”, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte. – “Krebs”.

Die ersten 5 Minuten scheute ich mich, ihm richtig ins Gesicht zu schauen. Julian und Sarah ließen mich Klamotten auspacken, die seine Familie herausgesucht hat. Ich reichte Sachen an und akklimatisierte mich, und irgendwann atmete ich tief ein und sah Jürgen direkt ins Gesicht – etwas, das ich in den ersten fünf Minuten vermieden hatte. Ich dachte, ich fände das irgendwie gruselig oder würde mich unwohl fühlen, doch ich stellte fest: Alles okay.

Ich half mit, die Schläuche zu entfernen und abzubinden, zog Handschuhe an und schließlich fragte mich Julian, ob ich dem Toten einen Socken anziehen wolle. Ich hatte vorher ein bisschen Bedenken, wie ich damit umgehen würde, einen erwachsenen Toten anzufassen. Dennoch nahm ich sofort die Socke, berührte Jürgens Knöchel und hob den Unterschenkel hoch. Dabei merkte ich, dass sich das überhaupt nicht anders als die Sternenkinder anfühlt, die ich immer versorge – nur in groß. Natürlich ist es für jemanden, der noch nie einen toten Menschen angefasst hat erst einmal ein Schock: das tote kalte Fleisch, die leichte Steifheit, die fehlende Körperspannung, kein Widerstand. Ich kannte das jedoch schon und habe gemerkt, dass sich das alles sehr vertraut anfühlte.

Ab da war die Scheu komplett abgefallen und ich konnte mich richtig auf alles einlassen. Ich zog ihm die Hose mit an, wir wendeten ihn, hielten seine Arme und Beine hoch. Ich richtete seinen Kragen, strich ihm über den Oberarm, tupfte feuchte Hautverletzungen trocken. Alles, was wir machten, machten wir sehr vorsichtig. Bestatter gehen mit Verstorbenen genau so um, wie sie es mit einer lebenden Person machen würden. Es wird nichts getan, was man nicht auch mit jemandem machen würde, der sagen kann: “Das will ich nicht” oder “ihr tut mir weh”. Ich sprach mit Jürgen genau so, wie mit meinen Sternenkindern, entschuldigte mich, als ich abrutschte und versehentlich seinen Arm fallen ließ. Julian und Sarah machten dasselbe. Rational ist ja klar, dass der Tote das jetzt nicht mehr spürt oder hört. Und dennoch hat es was mit Würde zu tun. Einerseits mit der Würde des Verstorbenen und mit der, die man sich selbst gegenüber aufrecht erhalten will.

Es war sein Geburtstag

Als wir ihn angezogen und versorgt hatten, strich ich mit den Händen seine Frisur glatt. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Fuhrbetriebs betteten wir ihn in den Sarg und Julian holte die Geschenke, die die Familie mitgegeben hatte, denn: Es war Jürgens Geburtstag.

Jürgen war ein reise- und lebenslustiger Mensch, der laut Aussage der Frau niemals ohne Wegzehrung auch nur das Haus verließ. Die Familie hatte ihm Reiseführer mitgegeben und Proviant. In seine Hand legten wir seine Lieblingszeitung, daneben eine Rose. Das Foto seines Kindes platzierte ich neben seinen Kopf, sodass er ihm ganz nah war; das Familienfoto direkt daneben. Darauf sah ich Jürgen, wie er früher war: Groß und kräftig stand er neben seiner Familie, vermutlich waren sie gerade im Urlaub. Darauf sah er ganz anders aus als jetzt, wo er eher zerbrechlich wirkte. Ich dachte an meinen Stiefvater, der an Krebs gestorben ist und daran, wie sehr diese Krankheit einen zeichnet und verändert.

Da Jürgens Geburtstag war, sangen wir ihm noch ein Ständchen und richteten alle Geburtstagsgrüße der Familie aus. Anschließend hoben Sarah und ich den Sargdeckel an, verabschiedeten uns von ihm und setzten den Deckel auf.

Als wir wieder ins sonnige Tageslicht traten und ich mir ein bisschen die Pferde und alten schönen Kutschen ansah, fiel mir plötzlich auf, dass ich während des Arrangierens der Grabbeigaben die ganze Zeit Jürgens Hand gehalten hatte – das hatte ich in dem Moment gar nicht wirklich gemerkt. Ich habe sie hochgenommen, damit wir die Blume platzieren konnten, und anscheinend eine kleine Weile nicht mehr losgelassen. Als hätte mein Unterbewusstsein irgendwie nach ein bisschen Halt gesucht und einfach nach der einzigen Hand gefahndet, die frei war, und das war eben die des Verstorbenen. Ich kannte die Person nicht, fühlte mich jedoch durch die Arbeit an ihr sehr nah und es klingt vielleicht seltsam, aber das alles hatte eine Atmosphäre und Stimmung, in der ich mich wohl fühlte.

Ich bin Jürgen sehr dankbar, dass ich durch ihn diese Erfahrung machen konnte. Etwas Neues lernen durfte und auch jetzt noch denke ich ab und zu an ihn und daran, was er mir geschenkt hatte, obwohl es ja sein eigener Geburtstag war: Eine neue Erfahrung, die mich in meinem Bestreben, den Tod besser zu verstehen, ein ganzes Stück näher gebracht hat.

Gute Reise, Jürgen.


*Jürgen heißt eigentlich anders. Das ist hier aber nicht wichtig 🙂


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