Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung – was bedeutet das?

Erika K. war 71 Jahre alt, als sie im Oktober 2002 eine schwere Hirnblutung bekam und infolge dessen ins Wachkoma fiel. Nur einen Monat vorher hatte sie mit ihren Kindern über Vorsorge gesprochen. Sie wolle niemals an Maschinen angeschlossen werden, nicht künstlich ernährt werden, das sagte sie ihnen. Eine schriftliche Patientenverfügung hatte sie noch nicht aufgesetzt – ein Fehler.

Nach dem Schlaganfall wurde sie über eine Magensonde künstlich ernährt und dadurch am Leben erhalten. Die Zähne zog man ihr (“weil sie die ja nicht mehr braucht”), beim Umbetten wurde sie fallen gelassen, den dabei mehrfach gebrochenen Arm hatte man ihr einfach amputiert. Das alles mussten die Kinder hilflos mit ansehen, konnten nichts tun. Was sie wollten: Ihre Mutter endlich in Frieden gehen lassen.

Gemeinsam mit dem Arzt versuchten sie, die Lebenserhaltung abzuschalten und dem Wunsch der Mutter zu entsprechen, doch das Heim stellte sich quer. In der Not schnitt die Tochter die Schläuche der Magensonde auf Geheiß ihres Anwalts durch, worauf diese auf staatsanwaltschaftliche Anordnung neu gelegt wurde. Nur zwei Wochen nach dieser Prozedur starb die alte Frau eines natürlichen Todes als Folge ihrer schweren Erkrankungen – ganz allein, denn die Kinder erhielten ein Besuchsverbot. Die Tochter und der Anwalt landeten vor Gericht und wurden verurteilt, was jedoch vom BGH wieder aufgehoben wurde. Der Sohn stand nicht vor Gericht, da er da schon nicht mehr am Leben war. Vier Wochen nach dem Tod der Mutter hatte er seinem Leben ein Ende gesetzt.

Der Fall der Erika K. beinhaltet all das, vor dem man Angst hat, wenn es ans Sterben geht: Hilflosigkeit. Ausgeliefert sein. Keine Kontrolle haben. Leiden. Schmerzen haben. Wer weiß, was davon die alte Frau mitbekommen hat? Was man selbst in so einer Situation mitkriegen wird? Man ist sich bei Wachkoma-Patienten nicht 100% sicher, wie viel sie von der Außenwelt wahrnehmen können. Früher dachte man ja auch, Neugeborene würden keinen Schmerz spüren können und hat sie bei operativen Eingriffen deshalb kaum oder meistens gar nicht betäubt – und das bis in die 80er Jahre hinein. Und genau das macht uns Angst: Dass wir vielleicht stumm leiden müssen und uns niemand helfen wird. Dass wir unsere Selbstbestimmung verlieren und ausgeliefert sind.

Der Tod als Systemfehler

Das Problem bei all dem ist auch, dass wir den Tod mittlerweile als Fehler im System wahrnehmen. Unser medizinischer Fortschritt ist so atemberaubend, dass wir in unserer Gesellschaft den Tod erfolgreich komplett verdrängen. Wenn die Medizin das Sterben nicht verhindern kann, denken wir nicht: Das ist natürlich. Wir denken: Da hat jemand einen Fehler gemacht.

Wenn Menschen in Pflegeeinrichtungen abmagern, weil sie irgendwann das Essen immer mehr einstellen (ein normaler Prozess auf dem Weg zum Tod, der oft auch nicht einmal von Hunger begleitet wird), ist der Aufschrei in der Öffentlichkeit groß: Mangelernährung wird mit mangelnder Versorgung gleichgesetzt, was gar nicht zwingend stimmen muss. Doch wenn wir einen Menschen sehen, der immer dünner und schwächer wird, erschrecken wir und wollen unbedingt etwas dagegen unternehmen. Da legt man als Pflegeeinrichtung aus Angst vor schlechter Presse oder Rechtsstreitigkeiten lieber eine Magensonde zu viel, als eine zu wenig – was zu so tragischen Schicksalen wie dem oben beschriebenen führen kann.

Während Sterbeprozesse früher ein paar Tage oder Wochen gedauert haben, ziehen sie sich mittlerweile über Monate, wenn nicht gar Jahre. Umfragen zufolge wollen die meisten Menschen zu Hause sterben. In der Realität schaffen das vielleicht 1/3 der Leute, wenn überhaupt. In der Regel werden Sterbende bis zuletzt in Pflegeeinrichtungen oder auf Intensivstationen in Krankenhäusern betreut, ein aufs andere Mal wiederbelebt, an Maschinen angeschlossen, nicht gehen gelassen. Intensivmedizin und Palliativmedizin stehen sich hier wie Antagonisten gegenüber. Bei der Intensivmedizin geht es um Lebensrettung und -verlängerung, bei der Palliativmedizin darum, die verbleibende Zeit nicht zu verlängern, sondern bestmöglich zu nutzen und möglichst schmerzfrei und schön zu gestalten.

“Es gibt Zeiten, in denen es im Interesse der Gesundheit liegt, zu sterben. Es ist nicht gesund, das Sterben hinauszuziehen.” – Cicely Saunders

Noch vor der Angst vor dem Tod kommt die Angst vor der Medizin

Wenn ich mit Menschen spreche und sie frage: Hast du Angst vorm Tod?, bekomme ich oft dieselbe Antwort: Nicht richtig, aber vor einem qualvollen Sterben. So sehr, dass sich die Menschen hierzulande in Ermangelung einer legalen Sterbehilfe-Möglichkeit in einer alarmierend hohen Rate suizidieren. Alle zwei Stunden nimmt sich zum Beispiel ein alter Mensch in Deutschland das Leben, die Suizidhäufigkeit bei Senioren liegt dabei drei Mal höher als bei der durchschnittlichen Gesamtbevölkerung. Vor allem Männer über 85 sind hier stark gefährdet: Sie beenden ihr Leben 5 mal häufiger als Menschen anderer Altersgruppen.

Oft genannte Gründe: Verlust der Selbstständigkeit durch Krankheit, sich für andere als Belastung fühlen, Verlust der eigenen Wohnung und des Besitzes, Verlust sinnstiftender Lebensinhalte, demütigende Pflege in Heimen, sterbensverhindernde Maßnahmen, bzw. künstliche Lebensverlängerung, Schmerzen, Einsamkeit, Leid, Verlust der Würde. Und der Versuch, Kontrolle zurückzuerlangen, wo sie entglitten ist.

Immer öfter werden die Rechte Sterbender eingeklagt, das Lebensende und Recht am eigenen Sterben wird vor Gericht verhandelt und verteidigt – eigentlich unvorstellbar. Um das zu vermeiden, gibt es jedoch ein sehr wichtiges Werkzeug, das ich euch allen ans Herz legen möchte: die Patientenverfügung. Ich bin keine Juristin, kann euch hier keine Rechtsberatung anbieten und werde deshalb hier nicht ins Detail gehen, jedoch hab ich ein paar Links und Tipps hier, die euch vielleicht weiterhelfen und euch ein Sterben nach euren Vorstellungen ermöglichen können. Außerdem stellen diese Absicherungen eine immense Erleichterung für eure Zugehörigen dar und helfen, Druck und Schuldgefühle bei ihnen zu vermeiden.

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung – was ist was?

Die Patientenverfügung

2009 trat das “Dritte Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts” in Kraft, dessen Ziel es war, die Ablehnung lebensverlängernder und -erhaltender Maßnahmen rechtlich besser abzusichern. Das Gesetz hat die Patientenverfügung im BGB verankert und stellt den Patientenwillen explizit über das “Wohl” der Person (im rechtlichen Sinne).

In der Verfügung legt ihr fest, welche medizinischen Maßnahmen ihr wünscht, welche ihr ablehnt und auch andere Details, z.B. wo und wie ihr sterben möchtet. Ihr könnt unter anderem festlegen, zu Hause in vertrauter Umgebung zu sterben und nicht ins Krankenhaus gebracht zu werden, sollte ein bestimmter Notfall eintreten.

Wichtig ist hierbei, die Anweisungen und Wünsche ganz konkret auszuformulieren und nicht zu vage zu treffen. “Ich wünsche im Falle eines Notfalles keine lebensverlängernden Maßnahmen” zum Beispiel reicht nicht aus! Die Situationen und Handlungsanweisungen müssen sehr genau beschrieben und festgelegt werden.

Die Patientenverfügung muss in Schriftform vorliegen, jedoch braucht ihr dafür keine notarielle Beglaubigung. Ihr könnt eine Standard-Patientenverfügung erstellen, wenn ihr jedoch krank seid macht es Sinn, eine sogenannte “optimale Patientenverfügung” aufzusetzen, die auf eure Krankheit und den absehbaren Verlauf Bezug nimmt und in der ihr viel spezifischer eure Wünsche darlegen könnt.

Die Vorsorgevollmacht

Zusätzlich zur Patientenverfügung ist auch eine dazugelegte Vorsorgevollmacht sinnvoll. Damit legt ihr fest, welche Person bevollmächtigt in Gesundheitsfragen und auch darüber hinaus werden soll für den Fall, dass ihr diese Dinge nicht mehr entscheiden könnt. Darunter zählen Verträge, der Einzug in ein Pflegeheim, eure finanziellen Angelegenheiten oder persönliche Anliegen. Hierbei ist es wichtig, alle Bereiche explizit zu nennen, in denen eure Vertrauensperson die Entscheidungsgewalt haben soll.

Die Betreuungsverfügung

Solltet ihr in eine Situation geraten, in der ihr eine Betreuung brauchen werdet, macht es Sinn, schon vorher eine Betreuungsverfügung aufzusetzen. Fehlt diese, wird vom Gericht selbst ein gesetzlicher Betreuer bestimmt. Achtung, das ist nicht zwangsläufig automatisch der Partner! Die Aufgaben der Betreuungsperson erstrecken sich hierbei auf rechtliche Entscheidungen, die ihr selbst nicht mehr treffen könnt.

Sollte der Fall eintreten, dass ihr eine Betreuung braucht, wird das Gericht prüfen, ob eure vorgeschlagene Person dafür geeignet ist. Ist das der Fall, wird es eurem Wunsch entsprechen.

Wie komme ich an die Dokumente und Formulare?

Es gibt viele Stellen, bei denen ihr euch darüber informieren könnt. Ich empfehle euch, als erste Anlaufstelle mit eurer Ärztin oder eurem Arzt darüber zu sprechen.

  • Auf der Webseite des Bundesministerium für Gesundheit findet ihr Informationen zur Verfügung und auch Textbausteine, mit deren Hilfe ihr eure Verfügung selbst aufsetzen könnt.
  • Auf der Webseite des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz findet ihr ein Formular für die Vorsorgevollmacht und auch eine Betreuungsverfügung zum Download.
  • Auf der Webseite der Caritas findet ihr eine Menge Infomaterial und Downloads – auch Formulare in einfacher Sprache für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen.

Wenn ihr googlet, findet ihr auch kostenpflichtige Angebote, das halte ich jedoch für unnötig. Solltet ihr eine schwere Erkrankung haben, zum Beispiel Krebs, macht es sowieso Sinn, sich in dem Falle ausführlich von eurer Arzt dazu beraten zu lassen. Gegebenenfalls könnt ihr auch einen auf das Gebiet spezialisierten Juristen oder Notar hinzuziehen, der euch bei der Erstellung eurer ganz persönlichen Dokumente hilft.

Wichtig: Solltet ihr eine ältere Patientenverfügung haben, überprüft bitte, ob sie noch den aktuellen Anforderungen entspricht. Infos dazu und zur Verfügung allgemein findet ihr in diesem Video:

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8 Kommentare

  1. Dieser Bericht über Erika K.s “Behandlung” ist ungeheuerlich! Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas heute noch üblich ist. Wird denn nicht, wenn keine Verfügung vorliegt, der gegenüber Verwandten/Partnern geäußerte Wille heran gezogen? Ich meine, so etwas gelesen zu haben.
    Und wie kommen die dazu, ihr alle Zähne zu ziehen, “weil sie sie nicht mehr braucht”?? Das gibts doch eigentlich nicht, warum auch? Ich nehme an, der Bericht lässt hier etwas aus, ebenso beim Arm.

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  2. Echt toller Artikel. Danke für die wertvollen Informationen. Meine Schwiegermutter (93) lebt seit ungefähr 4 Jahren bei uns. Sie war leider schon mehrmals in kritischem Zustand im Krankenhaus. Zum Glück haben wir gute Erfahrungen gemacht (nun, nicht alle waren gut). Aber wir sind immer gefragt worden, ob wir ggf. lebensverlängernde Maßnahmen für unsere Mutter haben wollen. In diesem Krankenhaus, glaube ich, wäre Mutter nicht unnötig gequält worden.

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  3. Ich hatte mich schon öfter mit Patientenverfügung und Co beschäftigt, war aber dann sehr erschrocken, was man alles bedenken und jetzt entscheiden muss für den Fall aller Fälle. Und ich war mir absolut nicht sicher ob ich wenn der Fall Eintritt dann genauso entscheiden würde. Was wenn ich in meiner Körperhülle alles mitbekommt und noch eine Chance sehe es zu schaffen, aber vorher entschieden habe alles hilfreiche weg zu lassen. Was wenn ich mich falsch entscheide. Genauso was Beerdigung angeht ich bin mir einfach noch nicht sicher wie das ganze mal aussehen soll. Natürlich ist es wichtig und ich befasse mich nach wie vor mit dem Tot denn er gehört dazu und sollte kein Tabuthema sein.

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  4. Als mein Mann 2009 einen Schlaganfall hatte – der glücklicherweise glimpflich ablief – , hat uns eine Angehörige eines Patienten auf Patientenverfügung und Co. aufmerksam gemacht.
    Der Patient hatte zwar eine Verfügung, aber in dieser fehlten einige Dinge, so dass auch er, künstlich am Leben gehalten wurde – gegen seinen Willen.
    Als mein Mann dann das KH verlassen konnte, haben wir sofort einen Termin beim Notar gemacht und eine Patienten- und Betreuungsverfügung sowie eine Vorsorgevollmacht gemacht. Wir beide. Als unser Sohn 18 wurde, hat auch er dies getan und auch meine Mutter hatte all diese Dinge.
    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es Anfangs komisch war, diese Verfügungen hier zu hause schwarz auf weiß auf dem Tisch liegen zu haben. Das schien alles so endgültig. Mir wurde bewusst, dass das Leben eben endlich und nicht unendlich ist.
    Als meine Mutter im letzten Jahr gestorben ist, war ich froh, dass sie sie hatte. Denn es standen lebensverlängernde Maßnahmen im Raum, doch ich habe ihren Wunsch durchgesetzt und mich nicht schlecht dabei gefühlt.
    Ich kann nur jedem raten, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und nicht fremde Menschen, Ämter, Behörden darüber entscheiden zu lassen. Auch wenn man vielleicht noch jung ist und denkt, dass hat alles noch Zeit, soweit ist es noch lange nicht….es kann jeden, egal wie alt, zu jeder Zeit, an jedem Ort treffen und dann ist es für Maßnahmen zu spät.

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  5. Ich habe all das. Allerdings musste ich auch erst ernsthaft krank werden und bei einem engen Angehörigen mitbekommen, wie schwierig es ohne sein kann seine mutmaßlichen Wünsche durchsetzen zu lassen.
    In dem Fall gab es einen einsichtigen Arzt.

    Allerdings sollte ich mal wieder drüber schauen, ggf. aktualisieren und wieder unterschreiben. Letzteres regelmäßig zu tun, ist übrigens auch wichtig, damit die verfügungen ernst genommen werden!

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