Da, wo Lea hingeht, können wir nicht mit.

“Ich hätte ja nie gedacht, dass Sterben so anstrengend ist. In Filmen sieht das immer so leicht aus.” – “Wie Geburten.” – “Stimmt. Die sehen in Filmen auch immer so leicht aus. Ganz schön gelogen, das alles.”

Lea* stirbt – und es ist Schwerstarbeit. Ihr Körper fällt ihr in den Rücken, macht nicht mehr, was er soll, bereitet ihr Schmerzen. Unfair ist das alles ja auch irgendwie, wobei einem ja eigentlich niemand Fairness versprochen hat. Wir kommen nicht auf die Welt und erhalten eine Garantie, dass immer alles fair und gut laufen wird. Haben keinen Anspruch darauf, kein Recht, das wir geltend machen können. Es gibt keine Beschwerdestelle, die Gläubigen haben vielleicht immer noch ein bisschen Gott, an den sie sich wenden können, aber heißt es nicht auch: “Der Herr gibt’s, der Herr nimmt’s?” Klingt nicht fair. Tröstet auch nicht unbedingt jeden in diesem Moment. Die wenigsten, eigentlich.

Unfair ist, dass Lea sterben muss, obwohl sie erst Anfang dreißig ist. Unfair ist, dass andere weiterleben können und sie nicht mehr mit uns mitkommen darf. Wir müssen ohne sie weiter. Unfair. Unfair, unfair. Dass ihre Eltern ihr eigenes Kind beerdigen müssen, ist auch unfair. Dass sie nie Mutter sein wird, obwohl sie sich das immer schon so sehr wünschte. Da, wohin Lea gerade aufbricht, können wir nicht folgen, noch nicht.

Ihr blinder Passagier ist immer dabei

Ihr blinder Passagier fuhr eine Weile unentdeckt mit, erst in der Brust, mittlerweile auch in der Lunge, in den Knochen. Als der blinde Passagier entdeckt wurde, ist er jedoch nicht einfach ausgestiegen. Er ist da geblieben und hat ihr sogar ihr eigenes Ticket ins Leben weggenommen. Lea muss aussteigen.

Man hört ihn, den blinden Passagier, wenn sie röchelnd Luft holt oder hustet oder das Bein wieder so wehtut und sie vor Schmerzen stöhnt. Man sieht ihn, wenn man ihr in die Augen schaut und merkt, dass ihr Blick viel öfter bricht als noch vor zwei Wochen. Der blinde Passagier ist der Feind, aber mittlerweile auch ein Freund. Er sagt: Wenn es zu schlimm wird, bin ich da. Dann nehme ich dich mit. Du kannst dich auf mich verlassen. Lea ist wütend auf ihn, aber auch beruhigt. Er wendet sich nicht ab. Zieht das mit ihr durch und bleibt bis zum Ende.

Lea ist oft zornig, in letzter Zeit vor allem jedoch müde. Sie sagt: “Dann ist das eben so, ich kann so ja sowieso nicht mehr weiterleben. Die Ärzte können mich nicht mehr reparieren.” Reparieren sagt sie, als sei sie ein Auto. Sie zeigt mir ihre dünnen Handgelenke. “Damit kann ich nicht einmal mehr eine Blume halten, kein Ästchen, obwohl ich Gärtnerin bin. Und keinen Rotwein. Meine Arme brechen doch sofort ab und ein Leben ohne Rotwein macht mir keinen Spaß.” – “Du kannst noch Hände halten.” – “Nein, Hände können mich halten. Ich selbst kann nichts mehr halten, dafür ist schon alles zu dünn.”

Sie ist genervt, wenn sie wach sein muss, ist manchmal aggressiv, manchmal weinerlich. Will lieber schlafen, weil sie immer noch träumen kann. Wenn sie schläft, ist sie unbesiegbar. “Im Traum kann ich Fahrrad fahren oder schwimmen oder küssen”, sagt sie. Und dann, lächelnd: “Einmal hatte ich sogar Sex!”, und dann geht ihr Lachen in ein Husten über, doch die Augen strahlen immer noch verschmitzt.

“Es wäre unfair sterben zu müssen, wenn man nicht schon ein bisschen angegammelt ist.”

Sie hat keinen Durst mehr, aber ihr Mund ist immer trocken. “Ich habe Angst, dass ich stinke. Stinke ich?”, fragt sie immer wieder. Sie hat Mundgeruch, weil sie kaum noch etwas zu sich nimmt. Wir sagen: “Du riechst ein bisschen nach Tod.” und sie sagt: “Das ist okay. Ist ja bald soweit. Es wäre unfair sterben zu müssen, wenn man nicht schon ein bisschen angegammelt ist. Wenn man noch schön und frisch ist. Lieber so, als bei einem Unfall. Lieber mit Stinkemund und eingefallenen Wangen.”

Wenn ihre Freunde und Familie sie besuchen und wieder gehen, verabschieden sie sich jedes Mal so, als sei es für immer. Sicherheitshalber. Wünschen ihr eine gute Reise, falls man sich nicht mehr sieht. Lea sagt dann: “Ich warte auf euch. Mit geputzten Zähnen.” Zwischen den Worten entstehen sehr große Pausen, weil ihr das Sprechen unheimlich schwer fällt. Ihr Freund gibt ihr einen Kuss und sie rümpft die Nase. “Das ist doch eklig für dich”, sagt sie leise und er sagt “ich hab dich schon einmal pupsen gehört” und dann lachen wir alle.

Draußen bleibt man dann kurz stehen. Schämt sich vielleicht, weil man selbst so frei atmen und in die Sonne hinausgehen kann, heute vielleicht sogar schon Spaß hatte, gerannt ist und außer Atem war, ohne wirklich außer Atem zu sein – man ist gesund. Einfach ohne Schmerzen atmen – so etwas Normales, für Lea unerreichbar.

***

Das letzte Mal, als wir Lea sehen, hat sie sich gerade die Zähne putzen lassen. Es war sehr kompliziert, aber die Schwestern haben es möglich gemacht. Sie schlägt noch einmal die Augen auf und lächelt. “Riecht mal”, sagt sie. Sie riecht nach Tod und Menthol und nach Lea. Als wir ihr das sagen, hört sie es jedoch gar nicht mehr, ist schon wieder weggedämmert. Ein paar Stunden später stirbt sie – im Arm ihrer Mama, ohne Stinkemund und in den letzten Stunden ohne Schmerzen.


*Name geändert

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19 Kommentare

  1. Deine Arbeit ist so wichtig. Schön festgehalten, wie immer natürlich.

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  2. Lea erinnert mich so sehr an meine juengere Schwester Gloria. Wenn ich nur vor 3 Jahren gewusst haette, was ich in diesen 3 Jahren (g)erlernt habe.

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  3. Ich finde deine Arbeit sehr gut und hoffe, dass deine Arbeit Menschen hilft mit sowas umzugehen.

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  4. Vielen Dank für diese wunderbare Erzählung.
    Diese ehrliche, offene und befreite Art der Gespräche hat eine wohltuende Nähe und macht Mut.
    Danke.

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  5. Super geschrieben mit irre viel ganz leiser Emotion zwischen den Zeilen. *ne stille Träne ausm Augenwinkel wisch*

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  6. Mir laufen die Tränen runter und ich denke an die letzten Tage von meinem Opa. Ja er war alt und hatte ein ausgefülltes Leben, für mich war er alles, mein Freund, mein Kamerad, mein Zuhörer, mein Zusprecher und der Mensch, der mir immer gezeigt hat, wie wichtig ich bin egal wieviel Blödsinn ich gemacht habe. Die letzten 5 Tage war ich bei ihm und ich bin gebrochen als er ging. Der Bestatter mit seinen Worten, das Aussuchen der Urne und das was dazu gehört, Hölle pur. Es blieb Oma noch und nun ist sie auch weg. An ihrem Grab fühle ich mich ihnen nahe und langsam werden die Alpträume weniger und die Träume füllen sich mit den schönen Erinnerungen. Mach weiter, deine Arbeit ist so wichtig. Hut ab

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    1. Hallo Katja, danke für das Teilen deiner Geschichte. 🙂 Ich wünsche dir, dass die schönen Erinnerungen in deinen Träumen bald überwiegen. Liebe Grüße!

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  7. Ein wunderschöner Beitrag. Kann mich da gut rein versetzten. Habe es mit meinem Mann nicht anders gehalten. Schwere Zeit, aber man hat zu begreifen das einem im Leben nichts garaniert wird. Mach weiter so, es wird anderen in so einer Situation sicherlich helfen.

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  8. Ganz tolle Arbeit. Es ist so wichtig, dass es Leute wie dich gibt!
    Chapeau!

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  9. Hey Jasmin,
    danke für Deine enorm wichtige Arbeit, die vielen Mut macht, mit dem Thema Tod & Sterben angstfreier umzugehen.
    Zum Leben gehört der Tod, wurde mir von Kindheit an vermittelt und ich habe einige liebe Menschen bis zu ihrem Weg über die Regenbogenbrücke ehrenamtlich begleitet.
    Der Spruch, “Man bereut am Ende des Lebens nicht die Dinge, die man getan hat, sondern die, die man nicht getan hat.”, ist eine wichtige Botschaft. Lebt bitte im hier und jetzt! Kümmert Euch um Eure Freunde, Familie, seid aufmerksam und liebevoll.
    Jedoch, der wichtigste Mensch in Eurem Leben seid Ihr selbst!
    Wenn Euer Akku leer ist, scheut Euch nicht, andere um Hilfe zu bitten. Sie werden Euch helfen wenn sie wissen, dass es Euch nicht gut geht.

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