Ehrenamt – weil es allein einfach nicht geht.

Gerade bin ich wieder in Bereitschaft. Ich sitze hier neben einer gepackten Krankenhaustasche, das Handy ist auf laut gestellt, es ist Freitagabend und ich bin nicht verabredet. Ich bin in Klausur, in Kontemplation, ich bereite mich auf den Sternenkind-Einsatz vor, der vor mir liegt.

Wenn der Alarm los geht, klopfe ich mich kurz ab. Ziehe mich zurück, wenn ich unter Menschen bin, schließe die Augen. Geht es mir gut? Bin ich gerade wegen etwas traurig, gestresst oder sonst wie unglücklich? Habe ich gestern geweint? Bin ich stabil? Habe ich Zeit und auch Geduld?

Wenn das der Fall ist, melde ich mich im internen Sternenkinder-Forum und nehme den Einsatz an. Dann rufe ich die Eltern an. Ich frage, wie es ihnen geht, ob sie alles haben, was sie brauchen, ob man ihnen erklärt hat, was jetzt passiert. Ich frage, wie das Kind heißt, ob man das Geschlecht schon weiß, ob Klamotten vorhanden sind, oder ob ich etwas mitbringen soll. Ich sage: “Meine Nummer habt ihr jetzt, ruft mich an, jederzeit, lasst es lange klingeln, legt nicht auf, weil ihr denkt, ihr stört. Ich bin jetzt da, ich bin bereit und warte nun mit euch zusammen auf euer Kind.”

Und das mache ich dann. Und wenn der Anruf dann kommt (meist nachts), setze ich mich in ein Taxi und sage dem Fahrer, wohin es gehen soll. Wenn ich auf seine Frage antworte, wieso ich so spät unterwegs sei und ich ihm sage, was ich mache, wird er oft zum stillen Verbündeten. Vielleicht wartet er vor dem Krankenhaus, bis ich zurück bin, ohne den Taxameter laufen zu lassen. Vielleicht schaltet er ihn sogar wortlos ganz aus und wir fahren still durch die Nacht, manchmal 30 Kilometer weit raus.

Und wenn ich da bin, mache ich das Einzige, das man jetzt noch machen kann. Ich rette das, was noch gerettet werden kann, wenn ein Kind im Bauch gestorben ist: mit meiner Kamera die einzigen Momente festhalten, die die Eltern je mit ihrem Kind haben werden.

Allein kommt man nicht gut durchs Leben

Rund 1.000 Fotografinnen und Fotografen machen dasselbe hier in Deutschland. Wir sind Profis und Laien, junge Leute, ältere Leute, Eltern, Singles, Großeltern. Wir alle haben drei Sachen gemeinsam: Eine Kamera. Ein Handy. Und den Wunsch, anderen Menschen zu helfen.

Denn es ist doch so: Das Leben ist kompliziert, auf sich gestellt steht man das alles nicht gut durch. Wir müssen zusammenhalten, uns gegenseitig stützen weil verdammt nochmal: allein geht es einfach nicht. Es passieren schöne Dinge und schreckliche, es passiert geplantes Glück und unerwartetes Pech, mal platzt man vor Freude, dann trifft einen ein Schicksalsschlag ganz unvorbereitet – und was ich mit 30 jetzt merke: Je älter ich werde, umso häufiger schlägt der Blitz, schlägt das Leben ein.

Menschen in meinem Umfeld erkranken an Krebs, es gibt Unfalltode, Scheidungen, Eltern sterben, Kinder werden tot geboren. Je intensiver das Leben seine Fühler ausstreckt und dich abtastet, dich liebkost und mit schönen Dingen versorgt, umso heftiger schlägt es auch unvermittelt zu. Und das sind die Momente, in denen du jemanden brauchst, der den Schlag ein bisschen abmildert, der dir aufhilft, wenn es dich umgehauen hat, der für dich auch mal die andere Wange hin hält, wenn du mal nicht kannst. Und nicht immer sind das Freunde oder Familie, manchmal haben die keine Hände frei oder du bist in einer Situation, in der du diesen Rückhalt nicht hast.

Und dann kommen wir – die Ehrenämtler. Ohne uns würde die Gesellschaft nicht funktionieren, ohne ehrenamtliches Engagement würde vermutlich alles im Chaos versinken. Wir sind in Krankenhäusern, Kindergärten und Altenheimen, wir begleiten Sterbende und leiten Trauergruppen, retten Tiere, machen Jugendarbeit, helfen beim Ausstieg aus Sekten, extremistischen Gruppen oder Drogen, löschen Brände, wir fördern Kinder in Sportvereinen, wir helfen Tag und Nacht. Weil es nicht anders geht. Weil man allein durch dieses Leben einfach nicht durch kommt. Weil es sein muss. Weil wir irgendwann auch umgeschubst werden und man uns dann aufsammeln muss.

Jeder kann sich engagieren – auf verschiedene Arten und Weisen

1. Ich habe wenig Zeit, dafür aber ein bisschen Geld übrig

Vielleicht hast du gerade wirklich wenig Zeit, aber Geld übrig? Dann spende das, was du geben kannst den Menschen und Organisationen, die Zeit, aber kein Geld haben. 🙂 Dann setzen wir Ehrenämtler uns für dich ein und versuchen, mit deinem Geld was Gutes zu bewirken. Was sind schon 10, 20, auch 100€, wenn man sie entbehren kann? Wenn sie einem nicht fehlen (!), ist es ein Klacks. Und da, wo sie ankommen, vielleicht die dringend benötigte Summe, die einen krassen Unterschied macht und jemandem das Leben ganz konkret erleichtert und zum Positiven dreht.

2. Ich habe wenig Zeit, aber leider auch kein Geld zum Spenden

Macht nichts! Vielleicht findest du ein bisschen Zeit für Kleinigkeiten. Für die ältere Nachbarin einkaufen gehen oder einmal in der Woche mit ihr Kniffeln. Mit dem Kind nebenan Hausaufgaben machen, weil die Mutter zwei Jobs hat und das nicht immer schafft. Wenn man aufmerksam durchs Leben geht und ein Auge für seine Mitmenschen hat wird man viele Gelegenheiten finden, helfen zu können. Und schon solche kleinen Hilfestellungen können dem anderen massiv helfen und bedeuten ihm die Welt, nehmen ein großes Stück der Last von den Schultern, sodass die andere Person wieder freier im Leben voranschreiten kann.

3. Ich habe kein Geld zum Spenden, will mich aber ehrenamtlich aktiv engagieren

Vielleicht hast du ja kein Geld, bist aber entschlossen zu helfen – vielleicht hast du Zeit, weißt aber nicht, wo und wie du an ein Ehrenamt kommst. Vielleicht weißt du auch nicht, was das richtige für dich ist. In dem Fall habe ich ein paar tolle Links für dich, mit deren Hilfe du das herausfinden kannst:

Ehrenamtliches Engagement macht glücklich

Ehrenamtliche Arbeit war immer ein fester Bestandteil meines Lebens. Meine Mutter hat sich jahrelang beim VdK ehrenamtlich engagiert und war dort auch lange Vorsitzende einer Ortsgruppe, und auch wir Kinder waren involviert. Ich habe für alte Menschen musiziert, war einkaufen für sie, wir sind jedes Jahr mit einer Gruppe geistig beeinträchtigter Jugendlicher auf den Hessentag gefahren, damit sie auch mal ein Konzert sehen und mal richtig Teenie sein können, all sowas. Das war toll, weil ich dadurch schon sehr jung gelernt habe, dass man zusammenhalten muss und sich gegenseitig hilft.

Nachdem ich von zu Hause ausgezogen bin, habe ich ehrenamtlich Parteiarbeit geleistet, ich habe mich im Kinderhospiz engagiert, war lange in der Flüchtlingshilfe aktiv, jetzt begleite ich Sterbende und fotografiere Sternenkinder. All das gehört ganz natürlich zu meinem Leben dazu, denn: Es macht einfach glücklich.

Wenn es mir schlecht geht, ist das manchmal die einzige Sache, die mich wieder auf die Beine bringen kann. Wenn sich die Klauen meiner ab und zu aufkeimenden Depression oder Angststörung wieder um mich schließen wollen, wenn meine chronischen Erkrankungen meinen Körper schlauchen und mich das traurig macht ist mein ehrenamtliches Engagement genau das, was mich wieder hoch zieht. Es stärkt mein Selbstbewusstsein und meine sozialen Kompetenzen, und: Ich bekomme auch emotional unermesslich viel zurück.

Mein Appell daher: Engagiere dich! Und wenn es nur was Kleines ist. 60% aller Deutschen haben ein Ehrenamt inne, das sind wahnsinnig viele Leute. Komm zu uns und hilf anderen Menschen dabei, die schwierigen und auch schönen Seiten des Lebens zu meistern. Glaub mir: Es lohnt sich.


Wenn du gut findest, was ich mache, kannst du mich unterstützen und mir über Paypal einen Kaffee schenken. Wobei das ein Trick ist, ich vertrage nämlich gar keinen Kaffee. Doch ich gebe viel Geld für Sternenkinder und ihre Familien aus (Fahrtkosten, Material, Porto für die Fotos, etc.), für Workshops, Ausbildungen und Therapie-Materialien. Wenn dir das alles gefällt, sag gerne gern hi und trag etwas zu bei, damit hier alles wachsen und gedeihen kann. <3 Damit hilfst du mir sehr! Danke 🙂


Newsletter abonnieren:


 

Diesen Beitrag mit anderen teilen:

6 Kommentare

  1. Liebe Jasmin,

    danke für die Einblicke! Bei mir war wirklich das Thema, dass ich nicht wusste, was die richtige Anlaufstelle für mich ist, wenn ich was suche. Und ich wusste auch nicht, was alles möglich ist.

    Danke, ich schau mir die Links auf jeden Fall an! Vielleicht bin ich dann demnächst eine von euch 🙂

    Alles Gute
    Sarah

    Antworten

  2. wieder mal ein wunderbarer gänsehauttext von dir. es wäre so schön, wenn jeder mensch mit offenen augen durch die welt ginge und da und dort hilfe anbietet. ich muss mal schauen, was es in österreich dazu gibt.

    Antworten

  3. Liebe Jasmin, ich möchte Deine wertvolles Engagement gerne unterstützen. Leider funktioniert drin Paypal-Link bei mir nicht… Viele Grüße Karin

    Antworten

  4. Ja, Ehrenamt macht glücklich. Und mehr als das, wie wir den Menschen auf unserem letzten Herbsttreffen gesagt haben.
    Wir haben es damals so formuliert:
    Ehrenamt macht
    … Spaß
    … glücklich
    … klug
    … interessant
    … gute Laune
    … Verbundenheit
    … neugierig
    … Freunde
    … stark
    … mutig
    Man könnte vermutlich noch einiges hinzufügen.
    Die Rückmeldungen derer, die sich mit engagieren, geben dem ganz überwiegend Recht. Manchmal ist Ehrenamt auch herausfordernd und anstrengend aber immer lohnend.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.