“Und was machst du dann?” – “Auf den Herrgott warten, dass er mich erlöst.”

Wenn Elsbeth* aufsteht, ist immer schon jemand da. Meist ist es Erika*, die die Vorhänge auf zieht, die Kissen ausschüttelt und Tee bringt. Morgens ist vieles klarer als später dann am Abend. Dass Georg* nicht im Bett neben ihr liegt, erscheint ihr irgendwie vertraut; sie wischt sich den Schlaf aus den Augen, richtet sich auf und blickt auf die gegenüberliegende Wand.
Das Plakat.

“Liebe Oma, Opa Georg ist vor 8 Jahren bei einem Unfall im Wald gestorben und im Himmel. Er kommt heute Abend nicht nach Hause, aber wir sind alle für dich da. Wir haben dich lieb, Anna*, Erika, Peter*, Michael* und Matthias*.”

Anna hat das Plakat gemalt und ist meine Freundin, Erika und Peter sind ihre Eltern und Michael & Matthias ihre älteren Brüder. Anna und ich sind 13 Jahre alt.

“Ich vergess’ das immer, oder?”, fragt Elsbeth, während sie sich aufrichtet.
“Ja, Mama.”, sagt Erika lächelnd und streichelt ihre Hand.
“Steckt mich doch in ein Heim.”
“Und was machst du da dann?”
“Auf den Herrgott warten, dass er mich erlöst.”

~

Beim Frühstück staunt Elsbeth jeden Morgen über Nutella, diese süße und schokoladige Masse. Nutella gab es früher nie, jeden Morgen fragt sie, was das ist und wie es schmeckt. Und jeden Morgen probiert sie es und findet es sehr lecker und nimmt sich vor, jetzt immer Nutella zu essen. Sie leckt das Messer ab und lacht.

Es gibt keine Spiegel mehr im Haus, außer im Bad im obersten Stock, das sie sowieso nicht benutzt. Elsbeth weiß nicht, dass sie schon 76 ist. In ihrem Kopf ist sie in den 40ern und Ehefrau eines starken Holzfällers. Georg und Elsbeth sind beliebt im Dorf, sie ist eine attraktive Frau und liebt roten Lippenstift.

Vor einigen Wochen hatte sie Lust auf dieses wundersame und neuartige Nutella und ging an den Kühlschrank, um sich einen Löffel voll zu stibitzen. Als sie nach der Kühlschranktür griff, spiegelte sie sich in der Edelstahloberfläche und bekam von ihrem eigenen Anblick so einen schlimmen Schock, dass sie mehrere Tage ins Krankenhaus musste. Der Kühlschrank ist jetzt mit Holzfolie beklebt.

~

Anna hat wieder ihre Freundin dabei, dieses Mädchen, das in Hessen wohnt – die ist immer sehr nett. Elsbeth ist gerade nicht sicher, welche der beiden Teenagerinnen ihre Enkelin ist, und kaut weiter an ihrem Brötchen. Sie schweigt. Später wird sie versuchen, mir Taschengeld zu geben. Ich sage: “Ich bin nicht Anna”. Sie lacht und wundert sich, sagt, sie gebe Anna das Geld später, wenn sie heim kommt. Nur wann? Sie sieht mich an.

“Wann kommt sie denn heim?”
“Um 2, nach der Schule.”, antworte ich.
“Okay.”

Elsbeth blickt lange auf die Uhr. Sie weiß nicht, wie spät es ist – die Uhr kann sie schon lange nicht mehr lesen.

~

Der Tag verstreicht, sie beginnt, das Essen vorzubereiten. Um 17 Uhr wird sie unruhig, Georg sollte schon längst zu Hause sein. Sie ruft bei ihrer Freundin Margarete* an und fragt, ob denn ihr Mann schon daheim sei und etwas wisse. Margarete kennt diese Anrufe und sagt: “Sie müssen heute länger arbeiten.”

Achso.

Die Familie kommt zum Essen, doch Elsbeth ist nicht bei der Sache. Auch die zwei fremden jungen Männer kann sie nicht zuordnen, ihre Enkelin und ihre Schwägerin scheinen sie jedoch gut zu kennen. Sie erinnern Elsbeth ein bisschen an ihren eigenen Sohn, sie fragt aber nicht weiter nach.

Um 9 geht sie mit uns in ihr Zimmer, wir legen sie ins Bett.

“Wo ist Georg?”

Erika schaut sie lange an und liest ihr dann das Plakat vor.

“Liebe Oma, Opa Georg ist vor 8 Jahren bei einem Unfall im Wald gestorben und im Himmel. Er kommt heute Abend nicht nach Hause, aber wir sind alle für dich da. Wir haben dich lieb, Anna, Erika, Peter, Michael und Matthias.”

Georg ist tot? Seit 8 Jahren?! Die spinnen doch alle, das kann nicht sein!! Elsbeth bekommt Panik, schreit, will aufstehen und zum Sägewerk laufen; Anna zeigt ihr einen Zeitungsausschnitt mit der Todesmeldung. Die alte Frau sackt zusammen, schluchzt hemmungslos.

“Wieso weiß ich das nicht, bin ich verrückt? Was ist los mit mir? Gestern war Georg noch da, er hat die Scheune mit Samuel* ausgebaut. Das kann nicht stimmen!”

Während Anna und Erika sie trösten, stehe ich wie gelähmt am Türrahmen. Ich bin schon eine Woche zu Besuch und Annas Oma hat gerade zum 6. Mal in dieser Zeit ganz frisch erfahren, dass ihr Mann verunglückt ist.

~

Elsbeth schlägt die Augen auf, irgendetwas stimmt nicht. Es ist noch dunkel, durch die Vorhänge fällt etwas Mondlicht. Sie beschließt, ein Glas Wasser zu trinken. Als sie sich nach rechts dreht bemerkt sie, dass Georg nicht im Bett liegt. Kam er gestern eigentlich nach Hause? Sie ist sich nicht sicher und bekommt Panik. Hastig zieht sie sich den Morgenmantel an, für Schuhe ist keine Zeit. Schnell zu Tür und zum Sägewerk im Wald, vielleicht ist ein Unfall passiert!

Als Erika 2 Stunden später ihren Kontrollgang macht, ist Omas Bett leer. Wir suchen das ganze Haus ab – keiner da, die Tür steht offen. Sie war ursprünglich verriegelt. Wir rennen raus und rufen “Oma Elsbeth!”, aber niemand antwortet. Anna ruft mit zitternder Stimme ihre Brüder an, und 15 Minuten später stehen sie mit einigen Kumpels von der Feuerwehr und 5 Hunden an der Tür. In den Nachbarhäusern gehen die Lichter an und viele freiwillige Helfer schwärmen mit Taschenlampen und ihren eigenen Jagdhunden aus. Die Bezirkspolizei ist auch schon unterwegs, alle haben Routine in dieser Sache – es ist nicht das erste Mal. Das Haus abzuschließen bringt nichts, sie steigt dann eben durch’s Fenster. Die Sorge um ihren Mann ließe sie wohl auch aus dem Kamin klettern oder in den Marianengraben hinabtauchen – Elsbeth kennt da nichts.

Viele Stunden später wird sie durchfroren an einem Flusslauf gefunden, sie ist bewusstlos und der Puls geht nur noch ganz schwach. Die Rettungskräfte fordern einen Hubschrauber an, der auf der angrenzenden Wiese landet und Annas Oma so schnell wie möglich ins 35km entfernte größere Krankenhaus bringt. Keiner weiß, wie sie es schaffte, diese steinigen Hänge zu erklimmen. Liebe bringt manchmal unbändige Kräfte in uns hervor.

~

Am Abend besuchen wir Elsbeth in der Klinik. Sie hat sich den Arm und den Fuß gebrochen, liegt in Bandagen und Gipsen im Bett, ist aber ansprechbar und relativ fit. Als wir reinkommen, trinkt sie gerade aus einer Schnabeltasse, die ihr eine freundlich lächelnde Schwester hin hält. Annas Oma erkennt uns und freut sich, aber ihre runzligen Lippen beben. “Ich weiß nicht, was passiert ist, wo bin ich, Erika. Wer sind diese Leute?”

Erika erklärt ihr geduldig, was passiert ist. Elsbeth erkennt sogar mich und Anna, und wir erzählen ihr vom Zelten bei einer anderen Freundin, wie schon 2 oder 3 Mal vorher, um ein bisschen Ablenkung zu schaffen und uns auch selbst zu beruhigen.

Lange sagt niemand etwas, wir lauschen dem leisen Piepen des Herzmonitors.

Elsbeth fällt auf einmal etwas Wichtiges ein.

“Wo ist Georg? Habt ihr ihm nicht Bescheid gesagt?”


* Um meine Freundin & ihre Familie anonym zu lassen, habe ich die Namen geändert.


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4 Kommentare

  1. Mein Großvater hat Alzheimer. Schlimme Krankheit für alle Angehörigen.

    Schön festgehalten.

    Antworten

  2. In Arno Geigers Buch “Der alte König in seinem Exil”, in dem er über seinen alzheimererkrankten Vater schreibt, erzählt er, dass er irgendwann aufgehört hat, seinem Vater zu erklären, dass die Mutter tot ist – und ihm stattdessen erzählt hat, sie sei verreist und käme erst morgen wieder.
    Es ist eine interessante These, ob man in so einem Fall ehrlich sein muss – Ehrlichkeit wird immer als unheimlich wichtig wahrgenommen, aber ist es so wichtig, dass man einem dementen Menschen jeden Tag eine Todesnachricht überbringen sollte? Möchte man selbst so leben – jeden Tag die Todesnachricht eines geliebten Menschen erhalten, ohne die Chance, diesen Tod zu verarbeiten?

    Ich weiß nicht, was der richtige Weg ist – ich glaube, ich selbst möchte, sofern ich irgendwann dement würde, lieber angelogen werden.

    Antworten

    1. Ich schließe mich dieser Ansicht 100%ig an.
      Der Schmerz ist so heftig – das zeigt die andauernde, nicht nachlassende Suche nach Georg.
      Für mich würde ich das nicht wollen. Und auch nicht für mir nahestehende Menschen. 🙁
      Danke für diese sehr eindrückliche Beschreibung. <3 Alles Gute für Elsbeth und ihre Angehörigen.

      Antworten

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