Helmut liebt Clara liebt Jerry

“Mit dem Rollator geht alles besser”, sagt Helmut* – und fährt mir über die Füße. “Das Lenken geht aber noch nicht so gut”, fügt er gequält hinzu und beginnt, sich umständlich und ausschweifend zu entschuldigen. Alles Diskutieren hilft nichts, er besteht darauf, dass ich meinen Schuh und die Socken ausziehe und wir gucken, ob meinem Fuß nichts passiert ist. Als ich ihm zeige, dass alles okay ist, ist er beruhigt. Jetzt erstmal einen Kaffee.

“Kaffee beruhigt mich. Wissen Sie, dass Sie auf alle Schlafmittel pfeifen können, wenn das mit dem Einschlafen nicht gelingt? Zuerst wird das Schlafzentrum im Hirn nämlich stärker durchblutet, wenn Sie Kaffee trinken. Probieren Sie es aus!”

Wir sitzen in einem kleinen Kaffeehaus am äußeren Rand Berlins. Es ist ein verschlafenes Wohngebiet, draußen sieht man Kinderwagen und Leute, die ihren Hund ausführen.

Wenn Helmut nach seinem Kaffee greift, zittern seine Hände, bevor sie sich sicher um die Tasse schließen. Er ist schon über 80 und seit dem zweiten Schlaganfall funktioniert vieles nicht mehr so gut wie früher.

“Ihre Tochter hat mir geschrieben, dass Sie vor drei Jahren Ihren Partner verloren haben.”, sage ich. Helmuts Hände zittern stärker, er presst die Lippen aufeinander. “Das war nicht einfach, ist nicht einfach”, sagt er. Und dann beginnt er zu erzählen.

Eine Heirat ohne Liebe – zuerst

Er erzählt, wie er als junger Mann von seinen Eltern dazu gedrängt wurde, “endlich” zu heiraten. Wie sie ihn misstrauisch beäugten, weil er erst einmal kurz eine Freundin hatte und mit Mitte 20 immer noch nicht verheiratet war. Wie sie ihm eines Tages seine spätere Frau vorstellten, die ebenfalls Druck von ihren Eltern bekam. “‘Wir sollten das lieber tun’, hatte meine Frau damals geflüstert, als wir in einer recht steifen Teerunde saßen. Also heirateten wir.”

Die ersten Ehejahre verliefen seltsam, wie er mir sagt. “Wir konnten zuerst wenig miteinander anfangen. Sie wollte unbedingt ein Kind, also versuchte ich, meine Pflicht im Schlafzimmer zu erfüllen, es klappte aber nie so gut. Eines Tages kam ich ins Schlafzimmer und über unserem Bett hingen Bilder von Marlon Brando und von Cary Grant, darunter lag meine Frau bereit und stumm. Ich zog mich langsam aus, ich schlief mit ihr, dabei starrte ich auf die Schauspieler und konnte meine Pflicht erfüllen. Danach sank ich in ihre Arme und weinte sehr. Ich hasste mich in dieser Situation zutiefst und dachte sofort an Selbstmord.”

Das war der Moment, als Helmut sich eingestand, dass er schwul war. “Doch meine Frau war wunderbar, sie hatte es schon zu Anfang gemerkt. Also, dass ich Männer den Frauen bevorzugte. Sie erlaubte mir, woanders körperliche Erfüllung zu suchen, sofern ich ihr keine Krankheiten nach Hause brachte und weiterhin bereit war, ihr noch das ein oder andere Kind zu machen. Ich arbeitete wie besessen, um ihr einen hohen Lebensstandard zu bieten, weil ich so dankbar war. Clara* war die Liebe meines Lebens. Sie und Jerry*.” Helmuts Augen werden feucht und er blinzelt verlegen. “Hach, wir alten Männer werden immer so schnell sentimental, es ist furchtbar”, versucht er die Traurigkeit wegzulachen.

Als Helmut Jerry traf, wurde alles anders

Helmut traf Jerry in seinen 30ern. Er lernte ihn auf einer Grillfeier kennen und verliebte sich sofort in den attraktiven und smarten Amerikaner. “So einen Mann von Welt gab es selten in den langweiligen Kreisen, in denen ich damals verkehrte. Er fiel sofort auf wie ein Paradiesvogel!”

Sie begannen eine Affäre und irgendwann stellte er seinen Liebhaber und seine Frau einander vor. “Sie verstanden sich wunderbar. Ab da wurde Jerry ein Teil unserer Familie. Clara war der Schutz, den wir brauchten, damit Jerry bei uns übernachten konnte und wir gemeinsam in den Urlaub fahren konnten, ohne dass die Leute redeten. Er war für Außenstehende ein Freund der Familie und für unsere Kinder einfach ein lustiger Onkel. Clara hatte auch ihre Affären, eine lief auch länger und ich traf ihn ein paar Mal, aber richtige Beziehungen ging sie nicht ein. Ich bot ihr die Scheidung an, damit sie, wenn die Kinder größer wären, einen neuen besseren Ehemann finden könne, doch sie wollte nicht.”

Mittlerweile hat Helmut seinen Kaffee ausgetrunken und bestellte sofort den nächsten. “Extra stark, bitte”, sagte er der Bedienung und zwinkerte mir zu.

“Als Clara starb, brach eine Welt für mich und Jerry zusammen. Wir drei lebten seit Jahren unter einem Dach und die Leute redeten zwar über ihn, weil er ja Zeit seines Lebens Junggeselle blieb, nicht aber über mich. Ich war komplett unverdächtig. Doch nach dem Tod meiner Frau outete ich mich, ich glaube, zu einem großen Teil aus Trotz und Wut. Die Zeiten waren andere, wissen Sie? Da ging sowas plötzlich. Für die Kinder war es nicht einfach, auch, wenn unsere älteste Tochter schon sowas ahnte.” – “Wie haben Ihre Kinder es aufgenommen?” – “Naja, die Vorstellung, dass ‘Onkel Jerry’ und ich intim wurden, war vor allem für meinen Sohn nicht leicht. Doch nach der ersten Aufregung legte sich alles ein bisschen. Meine jüngste Tochter ist bisexuell, sie hatte es sofort verstanden und akzeptiert. Wir haben unsere Kinder offen erzogen, wir wollten, dass sie Menschen frei von Vorurteilen begegnen. Daher war das nach einer kurzen Umgewöhnung okay.”

Es hatte lange gedauert, bis das Paar über Claras Tod hinweg kam und den Alltag wieder normal leben konnte. “Schauen Sie mal, wie schön sie war!”, sagt Helmut und zieht ein Foto aus dem Portemonnaie. Es ist recht ramponiert, aber jemand hat es eingeschweißt, um den Verfallsprozess aufzuhalten. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto ist eine Frau mit hochgesteckten Locken und sehr dünnen Augenbrauen abgebildet, die einen Strauß Blumen in der Hand hat und an einer Rose riecht. Ihre Gesichtszüge sind fein, die Hände zart und sehr weiß. “Und das ist Jerry!” Auf dem nächsten Foto sehe ich einen Mann, der aussieht wie ein Filmstar aus den 60ern. “Die beiden sind ja ziemliche Feger”, sagte ich bewundernd. Helmuts Gesicht platzt vor Stolz. “Ja, das stimmt! Aber ich war auch ein fescher Bursche.” Auf dem dritten Bild, das er mir entgegenstreckt, sieht man alle drei abgebildet, wobei Clara ein Baby auf dem Arm hält. Und was soll ich sagen: Helmut hat Recht.

Zwei Stück Kuchen für zwei große Lieben

“Ich habe Hunger”, brummt der alte Mann. Ich bestelle uns beiden je ein Stück Apfelkuchen.

“Als Jerry starb, brach eine Welt für mich zusammen. Zum Schmerz über den Verlust meines Partners kam plötzlich auch noch einmal die Trauer um Clara dazu, es kam alles wieder hoch. Meine Kinder machten sich große Sorgen um mich, ich verließ zwei Jahre lang kaum mehr das Haus, wollte niemanden sehen. Nicht einmal meine Kinder.” – “Schmerz braucht manchmal sehr viel Platz.” – “Ja, genau so war es! Als sei in meinem Haus kein Platz mehr für andere. Nur ich und die Trauer und die Geister meiner zwei geliebten Menschen. Es war eine schreckliche Zeit.” – “Wie haben Sie die Kurve gekriegt?” – “Ich habe gewartet. Trauer braucht Zeit. Früher war das ja alles viel etablierter. Das Trauerjahr, all das. Heute wundern sich doch alle, wenn eine Witwe drei Monate nach dem Tod ihres Mannes nicht wieder auf dem Damm ist. Das ist grauenvoll. Naja und ich war viel im Wald. Dauernd. Das hat geholfen. Clara und Jerry liebten die Natur, da fühle ich mich ihnen nah.”

Helmut isst das Stück Kuchen auf, bis auf einen kleinen Rest, den er in zwei Teile teilt, dann legt er die Gabel weg. “Ich könnte jetzt locker noch einen Erdbeerkuchen essen!”, sagt er vergnügt und beäugt gierig die Kuchenvitrine. – “Aber Sie haben doch nicht einmal aufgegessen? Hat Ihnen der Kuchen nicht geschmeckt?” – “Er war herrlich! Aber früher haben Clara, Jerry und ich immer beim anderen probiert. Von allem, was ich aß, habe ich zwei Stücke übrig gelassen, damit sie kosten konnten. Irgendwie habe ich das einfach nie abgestellt. Es ist ein schönes Ritual.” – “Das stimmt.” – “Ihrem Fuß geht es wirklich gut?” – “Ja.”

Er rührt in seinem Kaffee. “Wissen Sie, ich habe wahnsinniges Glück. Nicht nur, weil ich meine Homosexualität ausleben durfte. Früher wurde man ja noch dafür verurteilt und gejagt, das waren schlimme Zeiten. Sondern ich hatte auch zwei große Lieben in meinem Leben. Manche haben ja nicht einmal eine!” – “Das stimmt.” – “Lieben Sie gerade jemanden? Also außer Freunde und Familie, ich meine einen Partner oder eine Partnerin.” – “Nein.” – “Sehen Sie? Aber Sie sind noch jung, da kommt ja noch Einiges auf Sie zu. Und Sie interessieren sich ja sehr für Menschen, das ist schön. Viele interessieren sich ja für niemanden mehr.”

Vom Erdbeerkuchen, den er dann tatsächlich auch noch bestellt, lässt er wieder zwei Stücke übrig und lächelt mir zu. “Clara liebte Erdbeerkuchen.” – “Und Sie liebten Sie.” – “Ja.”

Als wir das Kaffeehaus verlassen, sehe ich noch, wie die Bedienung die Stirn runzelnd auf die zwei Stückchen auf dem Teller starrt, mit den Schultern zuckt und alles abräumt.


*Um die Identitäten zu schützen, sind alle Namen in diesem Artikel geändert. Die Bilder sind von Unsplash, da Helmut hier nicht abgebildet werden möchte.


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19 Kommentare

  1. Ich lese deine Artikel nun schon eine Weile und bin jedes Mal auf’s neue gerührt. Ich finde es wundervoll, wie du dich mit Menschen beschäftigen kannst! ( Hoffe man versteht was ich meine)
    Diesen Artikel fand ich irgendwie schön? Im Sinne von “Wie toll waren diese Personen bitte?!”

    Hoffe du verstehst meinen Gedankengang ^^

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  2. Wunderbar. Du gibst den Menschen Zeit bzw. Raum und Platz. Das fehlt meiner Ansicht nach viel zu oft in unserem Leben. Ich freue mich immer, Deine Texte zu lesen, Dankeschön!

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  3. Was für eine berührende Lebensgeschichte! Ich verbeuge mich vor diesen drei besonderen Menschen! Und danke dir für das Finden und in so schöne Worte fassen!

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  4. Eigentlich schreibst Du ja ganz oft über die Liebe, wie sie in vielen verschiedenen Facetten und Ausdrucksweisen existiert… Der Tod kommt manchmal nur nebenbei vor, das merkt man in diesem Artikel ganz besonders.

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  5. Vielen Dank für diese Geschichte, die so warmherzig aufgeschrieben wurde, dass ich Helmut am liebsten sofort zu Kaffee und Kuchen einladen möchte.
    Was für eine wundervolle Frau muss Clara gewesen sein, die in dieser Zeit so viel Verständnis für Helmut hatte. Liebe hat viele Gesichter und die Gesichter von Clara, Helmut und Jerry sind ganz außergewöhnliche.

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  6. Meine Ansicht bezüglich des eigenen Todes oder den anderer Mitmenschen ist dank Dir eine andere geworden. Danke dafür. Du schreibst sehr einfühlsam und verletzt keine Intimsphären. Mach weiter so, liebe Mitmenschin Jasmin! Schön, daß es dich gibt!

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