“Ich finde es total okay, als Erde zu enden.” – Felix Meyer im Gespräch über Leben und Tod.

Ich habe mich mit dem Sänger Felix Meyer auf meinem Lieblings-Friedhof hier in Berlin getroffen, um ein bisschen über Leben und Tod zu plauschen. Mit dabei hatte ich einen Briefumschlag mit 30 Fragen, aus denen er 5 ziehen und beantworten sollte, woraus sich ein schönes Gespräch entspann. 

Jasmin: Und, welche Frage hast du?

Hast du schon einmal eine dir nahestehende Person verloren?

Felix: Tatsächlich einen guten Freund und Musikerkollegen, den ich noch gar nicht so lange kannte und der sich das Leben genommen hat. Wir waren kurz davor zusammen auf La Gomera gewesen, wo wir uns oft mit anderen Musikern treffen, weil wir irgendwann mal festgestellt haben, dass das ein gutes Winterquartier für uns ist. Danach hatte ich ihn erst einmal eine Weile nicht gesehen, und irgendwann kam dann die Nachricht, dass er sich das Leben genommen hatte. Es war erschreckend, aber auch wiederum ganz schön für mich, dass man kurz zuvor so einen guten Moment zusammen gehabt hatte. Ob dann irgendetwas passiert ist, das dann dazu geführt hat, oder ob es schon lange in ihm war, also dass das eine Möglichkeit für ihn war… ich weiß es nicht. Das hat keiner genau gewusst. Die Trauerfeier hatte mich dann auch ziemlich beeindruckt…

Allgemein habe ich immer das Gefühl, dass das für mich gar keine Möglichkeit wäre. Also ich kann mir das gar nicht vorstellen. Ich weiß nicht, was passieren müsste, dass ich mich zu so etwas entschließen würde. Komisch, dass man beim Thema Tod ganz schnell bei sich selber landet. (lacht)

Neue Frage.

Angenommen, es gibt ein nächstes Leben: Wie würdest du da gern sein?

Felix: Ich glaube nicht, dass es ein nächstes Leben gibt. Ich bin vollkommen zufrieden damit, Erde zu werden.

Jasmin: Aber angenommen? Nur theoretisch, jetzt nichts Christliches. Aber zum Beispiel Wiedergeburt?

Felix: Hm, dann vielleicht irgendwas anderes werden, als man jetzt ist. Vielleicht eine Pflanze. Nein, aber ich finde es total okay, als Erde zu enden. Für viele ist es ja ein heilsamer Gedanke, dass es so eine Wiedergeburt geben könnte, aber ich finde es nicht anders vorstellbar, als das alles streng naturwissenschaftlich zu denken.

Felix zieht die nächste Frage.

Bist du gläubig? Falls nein: Würdest du gerne glauben können?

Felix: Das ist eine sehr gute Frage. Ja, absolut, also Letzteres. Weil im Glauben alles Sinn macht und man sich ja deshalb oft wünscht, man könne das einfach. Mir fällt jetzt zwar kein konkreter Moment ein, aber vermutlich habe ich da auch schon einmal daran gedacht, wenn es ums Sterben ging. Vielleicht benutzt man ja eh unbewusst diese christlichen Schemata, wir leben ja in einer Welt, die von dem Glauben, der unsere Gesellschaft geprägt hat, total durchsetzt ist. Jedenfalls würde ich jedoch niemals ernsthaft behaupten oder denken, dass jemand, der aus meinem Leben verschwunden ist, jetzt bestimmt im Himmel sei und auf mich wache. Ich würde aber nicht ausschließen, dass ich diesen Gedanken oder dieses Bild trotzdem schon ab und zu benutzt habe. Unbewusst.

Jasmin: Ich finde ja, dass man irgendwie immer “doppelt” existiert. Einmal für sich, biologisch und als Selbstzweck, sofern man ein freier Mensch ist, und dann aber wieder in den Gedanken und Gefühlen der Menschen, die uns umgeben. Das bedeutet: Wenn ich im Geiste das Bild meiner Mutter abrufe, dann habe ich direkt so ein Gefühl, ich habe Bilder im Kopf, Situationen und all das. Unabhängig davon, ob sie noch körperlich existiert oder nicht. Das bedeutet, dass zumindest diese “Spiegel-Existenz” von uns weiter besteht. Einem selbst hilft das erst mal nichts, da man selber – also in meinen Augen – einfach endet, aber das ist ja schon mal was. Man bleibt ja doch irgendwie.

Felix: Ja, sehe ich ähnlich. Ich war mit meiner größeren Tochter letztens in dem Anime-Film “Coco”, also über den Día de los Muertos, den Tag der Toten in Mexiko. In dem Film, und ich glaube auch in dem Kult, geht es darum, dass die Leute erst richtig sterben müssen, wenn sich niemand auf der Welt mehr an sie erinnert. Das geht in eine ähnliche Richtung.

Und die nächste Frage.

Hast du Angst davor, mit deinen Kindern über den Tod zu sprechen?

Jasmin: Wie alt sind deine Kinder?

Felix: Zwei und acht. Und nein, Angst davor habe ich nicht. Es ist interessant, weil die eine interessiert das Thema Vergänglichkeit noch überhaupt nicht, mit zwei ist das Bewusstsein dafür ja noch nicht da. Kleine Kinder halten sich für unsterblich, was das Leben für sie ja auch so gefährlich macht. Doch die andere beschäftigt das alles schon eine ganze Weile. Es sind schon Leute gestorben, die sie gut kannte und langsam merkt sie, dass es so etwas wie Endlichkeit gibt. Für Kinder hat das Thema eine viel größere Leichtigkeit. Ich glaube, weil sie die Gabe haben, alles so hinzunehmen, wie es ist.

Natürlich gibt es Sachen, die einem an dem Thema selbst Angst machen. Aber darüber zu sprechen? Nein, gar nicht. Ich beobachte sogar mit viel Interesse, wie sich das alles so entwickelt, also wann was kommt und so weiter. Aber wieso sollte ich Angst davor haben?

Jasmin: Naja, manche der Eltern, die Angst vor diesem Gespräch haben, haben vielleicht selbst noch kein richtiges Konzept von Sterben, Tod und dem Jenseits. Ich sehe es bei Freunden, dass sie sich jetzt, wo die Kinder zu fragen anfangen, das erste Mal bewusst mit dem Tod auseinandersetzen und da dann auch ziemlich schwimmen und plötzlich viele Fragen an mich haben.

Felix: Hm, ich glaube dadurch, dass ich so gelebt habe, wie ich eben gelebt habe und damit auch oft ein gewisses Risiko eingegangen bin, hat mich Vergänglichkeit immer interessiert. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich so riskant lebe, dass ich sterben könnte. Meine Eltern würden das bestimmt anders sehen, da gibt es einige Momente, die sie selber sicher nicht so gern gesehen hätten.

Jasmin: Ich denke dabei eher an die Momente, die meine Eltern eben NICHT gesehen haben. Und wenn ich mir überlege, dass ich meine eigene Tochter wäre… mein Gott! Absoluter Albtraum, ich war so oft so leichtsinnig.

Felix: Wie alt bist du?

Jasmin: Dreißig.

Felix: Ich erinnere mich an eine Situation, da war ich glaube ich noch ein bisschen jünger, 25 oder so. Das war in Pankow und da gab es so einen alten Schlot gegenüber von meiner Wohnung und irgendwann saßen wir da in der Küche und kamen auf die Schnapsidee, so ein olles Mini-Sofa, das eigentlich in den Müll sollte, aus dem Fenster zu werfen. Jedenfalls dachten wir uns dann: Ach bringen wir es doch auf den Schornstein! Wir haben das dann da hochgetragen, über diese Metallsprossen, die außen an dem Schlot hochführen und alles nur, um im Morgengrauen auf dem Sofa über den Dächern der Stadt sitzend den Sonnenaufgang sehen zu können. (lacht)

Jasmin: Letzte Frage.

Wer dürfte auf gar keinen Fall auf deine Beerdigung kommen?

Felix: Ich hätte niemanden, nicht einmal eine öffentliche Person. Ich habe einfach nicht das Gefühl, jemanden ausschließen zu müssen. Ich finde, dass fast jeder irgendwie so seine Berechtigung hat.

Jasmin: Gauland.

Felix: Okay, was heißt Berechtigung, das ist blöd ausgedrückt. Aber wenn wir schon bei machthungrigen Alphatieren sind – und das ist ein absurder Gedanke, ich weiß – wenn Trump, der Dalai Lama oder Putin jetzt auf meine Beerdigung kommen wollte: Mein Gott, wieso nicht? Ich glaube weder an das absolut Schlechte, noch an das absolut Gute im Menschen.

Jasmin: Open House. Jeder, der Bock hat, kann vorbeikommen?

Felix (lacht): Komm vorbei!

Jasmin: Cool!

Felix: Komm, eine 6. Frage mach’ ich noch.

Wenn du nach dem Sterben ein Geist wärst: Wen würdest du heimsuchen?

Jasmin: Das kann sowohl positiv, als auch negativ gemeint sein. Ich hatte schon jemanden, der seine Liebsten nochmal besuchen würde um ihnen zu sagen, was sie ihm bedeuten…

Felix: Das ist schön!

Jasmin: …ich hatte aber auch schon Leute, die jemandem einfach nochmal so RICHTIG auf den Sack gehen wollten!

Felix (lacht wieder): Ich würde wahrscheinlich eher versuchen, viel Zeit mit den Leuten zu verbringen, die viel zu früh gegangen sind. Die wären dann ja auch Geister und schon da und hätten vielleicht schon ein Fläschchen aufgemacht.

Jasmin: Die kannst du dann alle mit nach Hause zu deiner Freundin bringen: “Schau mal, wen ich alles mitgebracht habe!”

Felix: Oh weh. Aber ja! Genau so.

 


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