Eduardo

E

“Hey Eduardo, ich bin Jasmin!” Mit meinem Zeigefinger berühre ich die kleine Hand des Babys, dessen eigener Zeigefinger winzig und unvorstellbar zerbrechlich aussieht. Das Kind ist in ein Tuch gewickelt und ruht auf der Brust seiner Mama Ezra*, die, von der Geburt noch ganz erschöpft, im Bett liegt und sich noch ein bisschen von der PDA erholt. Papa Deniz* sitzt in eine Ecke gequetscht daneben auf einem Stuhl und nickt mir mit blassem und müdem Gesicht zu.

Ich will meine Foto-Tasche ablegen, doch ich kann mich kaum bewegen und habe Sorge, etwas umzureißen. Es ist eng, da wir drei uns nicht in einem normalen Krankenzimmer befinden, sondern in das Dienstzimmer der Ärzte gequetscht sind, samt Krankenbett und allem drum und dran. Ab und zu muss ein Arzt etwas ausdrucken oder telefonieren und steigt dafür über uns drüber. Wir sind zwischengeparkt, da Eduardos Mama schnell aus dem OP raus musste, um einem Notkaiserschnitt Platz zu machen.

Doch das ist nicht das Einzige, das an diesem Tag etwas anders läuft, nicht das Einzige, das ungewöhnlich ist, nicht ganz richtig wirkt. Denn der kleine Junge, dessen winzige Hand ich eben gehalten habe und der so rosig und friedlich bei seiner Mama liegt, atmet nicht, bewegt sich nicht, schreit nicht. Eduardo ist tot, und deshalb bin ich hier – denn ich bin ehrenamtliche Sternenkind-Fotografin und ins Krankenhaus gefahren, um die ersten und letzten Momente von Eduardo und seinen Eltern festzuhalten.

Erst ungeplant, dann ein heißersehntes Wunschkind

Als ich die Eltern frage, wie sie auf den Namen “Eduardo” gekommen sind, erzählt mir Ezra lächelnd, dass das eigentlich ein “Working Title” sei. Ihr Sohn hatte sich nämlich ungeplant auf den Weg zu ihnen gemacht und als sie es merkten, war noch kein Baby-Name oder ähnliches da. Recht schnell wurde aus der Überraschung ein Wunschkind. Die jungen Eltern trafen Vorbereitungen, informierten sich, taten eben die Dinge, die man tut, wenn man ein Baby erwartet. Um sich noch einmal etwas Gutes zu tun, fuhren sie in die Türkei in den Urlaub. Sie tanzten, lachten, sahen das Meer – sie waren glücklich und Eduardo war willkommen.

Ich sitze da und lasse mir erzählen, wie aufgeregt sie waren, als ihnen klar wurde: Huch, wir werden Eltern! Dabei fangen beide an zu strahlen und lachen ungläubig. Wir, Eltern? Wer hätte das gedacht! Es ist ein Moment voller Glück, auf den in den nächsten Stunden noch viele solcher Lichtblicke folgen werden.

Die Eltern mussten die schwere Entscheidung treffen, Eduardo gehen zu lassen

Eben haben wir Eduardo angezogen, während seine Mutter noch einmal in den OP muss. Der Papa nimmt seinen Sohn auf, hält ihn im Arm. “Kaum zu glauben, wie klein er ist. Und doch sieht er schon genau so aus wie ein Mensch.”, sagt er. – “Das stimmt.” – “Wieso ist er so rot?” – “Die Haut ist noch sehr dünn, daher sieht man jedes Äderchen.” – “Achso.”

Vorsichtig fange ich an zu fotografieren. Eduardo in den Armen seines Papas. Eduardo neben einem kleinen Teddybären. Sein Papa weiß nicht, wie er ihn halten soll, hat Berührungsängste, weil ihn die ganze Situation überfordert. “Ich weiß nicht, was ich jetzt machen oder denken soll”, sagt er. Unsicher schaut er auf sein kleines Kind hinab. “Er sieht aus wie eine Puppe, was ist, wenn ich ihn versehentlich verletze?”

Eine Schwester kommt hinein. “Möchten Sie im Kreißsaal Fotos machen? Der wäre frei.” – “Gern.” Ich schicke Deniz los, die Sachen aus dem alten Krankenzimmer holen, da sie später ein neues Krankenzimmer beziehen werden, sein Sohn und ich bleiben allein zurück. Er wird noch viele Dinge holen und erledigen, ist dankbar für alles, was er tun kann, um bloß nicht anfangen zu müssen, nachzudenken. “Ich passe auf ihn auf”, sage ich ihm.

Eduardo liegt in meinem Arm, winzig und zerbrechlich, Ezra war erst in der 16. Schwangerschaftswoche. Die kleinen Hände liegen angewinkelt über der Stelle, an der das Herz sitzt, das leider zu schwach war, um ihn durch ein längeres Leben zu tragen. Die Diagnose lautete: Trisomie 21 und ein schwerer Herzfehler – deshalb haben seine Eltern die unglaublich schwere Entscheidung getroffen, die Schwangerschaft zu beenden. Um nicht atemlos darauf zu warten, dass das Herz aussetzt. Um nicht in jeder ruhigen Minute darauf hinzuspüren, ob er sich nicht mehr bewegt. Um nicht tage- oder gar wochenlang darauf warten zu müssen, dass ihr Kind stirbt. Von diesem Moment an haben sie sich therapeutisch begleiten lassen, sodass sie nicht ins Bodenlose stürzen und die Therapie stützt sie bis heute. Diese Entscheidung war ein Rettungsanker.

Eduardo und ich schauen aus dem Fenster der Charité über die Stadt, sehen den Bundestag, Kirchen, Wohnhäuser. Ich rede mit dem Kind in meinem Arm und erzähle ihm, wo es wohnt und was wir uns gerade anschauen, wer seine Eltern sind, was sie beruflich machen. Dass sie ihn lieben und traurig sind, dass er jetzt schon gehen musste. Mir ist klar, dass es tot ist und mich nicht hören kann. Ich spreche dennoch weiter.

Den Mund hat er von der Mama

Als Ezra in den Kreißsaal geschoben wird, sind Deniz und ich schon eine Stunde dort. Wir haben Eduardo zurecht gemacht und uns lange unterhalten. Über die Welt und Politik und die Entscheidungen, die das Paar zuletzt traf, auch schon vor Eduardo. Sie haben aufgehört zu rauchen, um gesünder zu leben. Sie essen kein Fleisch mehr, wegen der Tiere und der Umwelt. “Seit wir kein Fleisch mehr essen, war ich kein einziges Mal mehr wirklich krank!”, erzählt mir Deniz. Er spricht viel, um die laute Stille zu übertönen und das, was er erzählt, ist schön. Ich denke: Das sind gute Menschen. Ich denke: Das verdienen sie nicht. Ich denke: Niemand verdient das. Aber es passiert eben.

Ezras Bett wird im Kreißsaal an die Wand geschoben und ich lege ihr Eduardo wieder auf die Brust. “Wie schön er angezogen ist!”, sagt sie, ihr Mund lächelt, die Augen sind traurig. Sie ist sehr erschöpft. Ich mache ein paar Fotos, wir bewundern das kleine Gesicht. “Die Lippen hat er eindeutig von Ezra, das Kinn auch”, sage ich. Die Ähnlichkeit ist unglaublich. “Die Ohren aber vom Papa!”, sagt sie. Stimmt. Mittlerweile finden sie, dass er eher wie Deniz aussieht.

Eduardos Mama kann sich gar nicht an ihm satt sehen, ein Sonnenstrahl fällt ins Zimmer genau auf ihn. “Ist das ein Zeichen?”, fragt sie. Sie merkt gar nicht, dass sie gleichzeitig lächelt und weint. Irgendwann schläft sie ein, ich nehme ihren Sohn und lege ihn auf das zweite Bett, zu dem Zeitpunkt bin ich schon drei Stunden da. Der Vater hat mir einen Kaffee geholt, wir plaudern und finden viele Gemeinsamkeiten, er sagt: “Jetzt realisiert man das noch gar nicht, doch das kommt bestimmt noch.” Später werden sie mir von der Verzweiflung und dem Schmerz erzählen. Von Tagen, an denen sie das Bett gar nicht verlassen. Von Tagen, an denen sie sich nur anschreien, an anderen nur weinen. Jetzt aber noch nicht, der Schmerz dringt noch nicht vollständig durch die Aufregung, ihren Sohn im Arm halten zu können. Deniz sieht mich fragend an. Ich sage: “Der Schmerz wird noch kommen. Das wird sehr wehtun.” Ich denke: In einer anderen Situation wären wir drei vielleicht Freunde.

Als die Mutter nach einer halben Stunde aufwacht, spring Deniz sofort auf, er holt uns Essen und wir drei sind erstaunt, dass wir Appetit haben. “Du hast das alles so gut gemacht. Ich bin unglaublich stolz auf dich”, sagt er und streicht Ezra, die Eduardo wieder im Arm hält, mit dem Finger über die Nase und lächelt sie an. Ich mache Fotos und blinzle hinter der Kamera eine Träne weg, die es doch bis raus geschafft hat.

Schmerz kennt immer nur 100%

“Passiert das vielen Leuten?”, fragen sie mich. – “Ja, mehr, als man denkt. Ein Frauenarzt sagte mir mal, dass auf ein lebendig geborenes Kind eines kommt, das entweder schon ganz am Anfang der Schwangerschaft stirbt und damit nicht in den entsprechenden Statistiken auftaucht, oder eben im weiteren Verlauf.” – “Das sind viele Kinder.” – “Ja.” – “Und keiner redet drüber.” – “Für euch muss es sich anfühlen, als bekämen alle um euch herum spielend leicht Kinder.” – “Ja. Das ist schwer. Man denkt, man habe etwas falsch gemacht.” – “Ihr habt nichts falsch gemacht.”

Insgesamt bleibe ich fünf Stunden bei der Familie und spreche mit ihnen über die Schwangerschaft, die Diagnose, die Zeit der Entscheidung und ihren Verlust, bis die Krankenhausseelsorgerin kommt und mich ablöst. Als sie den Raum betritt, hat die PDA nachgelassen. Langsam dringt immer stärker zu Ezra durch, dass ihr Kind tot ist. Stumm laufen ihr Tränen wie Wangen herunter, während sie versucht zu lächeln. Wir wiegen Eduardo, vermessen ihn. Die Seelsorgerin wird später fragen: “Haben Sie schon verstanden, was passiert ist?” und die Eltern werden sagen: “Ja. Nein. Irgendwie doch nicht.” Ezra wird nicht mehr aufhören zu weinen, Deniz wird hilflos daneben stehen und versuchen, tapfer zu sein. Er wird denken: Ich bin der Mann und ich muss jetzt für meine Frau stark sein. Er wird versuchen, nichts zu fühlen. Alles zu rationalisieren. Durchzuhalten. Ich werde daneben stehen und dasselbe tun, damit mir selbst nicht plötzlich Tränen über die Wangen kullern, weil das alles so traurig ist. Jetzt sage ich aber erst einmal: “Er ist 16 Zentimeter groß, vom Scheitel bis zu den Fußsohlen.”

Später werde ich mit Hilfe des Internets einen Sarg für Eduardo organisieren, den sie selber bemalen können. Und noch ein bisschen später werden wir zusammen Wein trinken, essen und über den Tag im Krankenhaus reden. “Es war sehr wichtig für uns, dass du bei uns warst. Du hast das so souverän gemacht, wir dachten, du machst das schon zehn Jahre.”, werden sie mir erzählen. Und: “Du hast uns dazu gebracht, Hilfe zuzulassen.”

Sie werden mir erzählen, was für eine Belastung das alles für die Partnerschaft wird. “Einen Moment streiten wir und ich sage: Wir machen Schluss!, nur, um dann einander wieder in die Arme zu fallen.” Sie werden mir erzählen, wie sie sich gegenseitig vorwerfen, nicht gleich zu trauern. Das Gefühl zu haben, der andere verstehe den eigenen Schmerz nicht. Wir werden darüber sprechen, wie schwer es für Deniz ist, seine eigenen Emotionen wahr- und auch ernst zu nehmen. Wie hart er gegen das Gefühl kämpft, das sagt: Ja, ihr habt beide ein Kind verloren, doch deine Freundin hatte auch noch die Geburt und sie trug Eduardo im Bauch, für sie ist das noch viel schlimmer! Wir werden darüber sprechen, wie schwer es ist, mit dem Umfeld über alles zu sprechen. Ich werde ihnen erzählen, wie es bei Schmerz einfach immer 100% gibt und es egal ist, was ihn auslöst. Dass jeder Schmerz gleichwertig und gleich wichtig ist, dass ein Vater nicht automatisch weniger leidet, nur, weil er das Kind nicht im Bauch gehabt hat. 

Doch jetzt nicht. Jetzt stehe ich erst einmal an der Straßenbahn-Haltestelle und denke an die SD-Karte mit all den Fotos. Ich stehe da und hoffe, dass Eduardo noch Geschwister bekommen wird, die diese Fotos dann sehen werden. Dann kann Deniz sagen: Das ist Eduardo und er hat meine Ohren und den Mund eurer Mama.

Das wäre schön.


*Die Eltern haben eingewilligt, dass ich über Eduardo schreibe, damit andere Betroffene sehen können, dass sie nicht allein sind. Um ihre Identität zu schützen, habe ich die Namen geändert.


Wenn ihr gut findet, was ich mache, könnt ihr mich unterstützen und mir über Paypal einen Kaffee schenken. Wobei das ein Trick ist, ich vertrage nämlich gar keinen Kaffee. Doch ich gebe viel Geld für Sternenkinder und ihre Familien aus (Fahrtkosten, Material, Porto für die Fotos, etc.), für Workshops, Ausbildungen und Therapie-Materialien. Wenn euch der Content also gefällt, sagt gern hi und tragt etwas zu bei, damit hier alles wachsen und gedeihen kann. <3


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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

11 Kommentare

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  • so viele Worte im Kopf aber ich. kann sie nicht formulieren, ohne, dass es doof. klingt, versuch es aber trotzdem.
    1.Danke!
    2.Meinen höchsten Respekt an deine Arbeit, deine Stärke und Selbstlosigkeit und dein unwahrscheinliches Talent (oder sehr harte Arbeit daran, ich weiß es nicht) Menschen in so furchtbar dunklen Momenten, wo absolut nichts helfen kann, eine Hilfe zu sein.

    hoffe das alles war nicht zu pathetisch, wünsche dir Glück und Kraft und tausend neue Erfahrungen und Begegnungen!

  • liebe jasmin,

    vielen dank für deine arbeit und die texte. sie bedeuten vielen menschen sehr viel.

    an dieser stelle habe ich jedoch gestutzt: „deshalb mussten seine Eltern die unglaublich schwere Entscheidung treffen, die Schwangerschaft zu beenden“

    ich möchte eine neuformulierung vorschlagen: „deshalb haben seine Eltern die unglaublich schwere Entscheidung getroffen, die Schwangerschaft zu beenden“

    liebe grüße und weiter so!
    anita

  • Der Text rührt mich zu Tränen. Der Schmerz ist, wie Du es so treffend beschreibst, nicht immer präsent. Aber er steht immer irgendwo, um unvermittelt hervorzutreten.
    Unzählige Male habe ich ähnliche Situationen als Bestatterin erlebt, jede Einzelne war herzzerreissend und manchmal auch schön und tröstlich.

    Die Geschichte über Ezra und Deniz fördert bei mir auch ein anderes, nicht minder tiefgreifendes Gefühl zutage: die große Dankbarkeit zuerst mit dem eigenen Kind und nun mit den beiden Enkelkindern so ein großes Glück gehabt zu haben.

  • Liebe Jasmin,
    ich habe diesen Text gelesen, während mein 7 Monate alter Sohn neben mir liegt und sich (mehr oder weniger erfolgreich) weigert zu schlafen…
    Jeder Satz berührt mich zutiefst und ich ziehe meinen imaginären Hut vor Dir, Deiner Arbeit, Deiner Stärke! Erneut kann ich nur sagen, danke, dass Du tust was Du tust!
    Eduardos Eltern wünsche ich von Herzen viel Kraft! ❤️
    Grüße aus Hamburg
    Meike

  • Liebe Jasmin,
    Du schreibst sehr schöne einfühlsame Texte zu einem sehr wichtigen Thema! Vielen Dank!
    Bei diesem Text sind mir die Tränen gekommen, denn auch wir haben ein Sternenkind. Und auch nach neun Jahren ist der Schmerz immer wieder präsent.
    Dir alles Liebe und frohe Ostern!
    Johannes

  • Das ist so furchtbar traurig und so berührend.
    Ich habe sehr viel Respekt vor deiner Arbeit. Ich glaube, ich könnte das nicht. Ich würde nur weinen, weinen und nochmal weinen.
    Ich habe keine Angst vor dem Tod, habe selber ein Sternenkind, aber es ist doch wirklich harter Tobak, wenn man beim Sterben dabei ist oder so wie hier, ein totes Kind gebären muss.
    Ich wünsche Ezra und Deniz alles Glück der Welt.