Später ist zu spät.

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Seit ich vier bin, will ich nach Kanada. Ende 2016 bekam ich sogar ein Jobangebot von dort, doch rate, wer abgelehnt hat? Ich. Kann ich noch später machen. Jetzt ist irgendwie nicht der richtige Zeitpunkt. Bin noch nicht bereit, ist ja auch ganz schön weit. Bla, bla, bla. Ich bin mir sicher, dass du das kennst. Wir alle kennen das, denn: Wir alle eiern in mindestens irgendeinem Lebensbereich herum. Zeig mir die Entscheidungen, die du vor dir herschiebst und ich sage dir, wer du bist! (Vermutlich mir ganz ähnlich.)

Jedenfalls: Bei der Arbeit als Sterbeamme und überhaupt in der PalliativeCare geht es darum, der verbleibenden Zeit eines Menschen möglichst viel Leben einzuhauchen. Wenn man die Diagnose einer tödlichen Krankheit erhält, sind plötzlich alle Uhren auf Anfang gesetzt. Ein riesen Schock, der Weg, den wir alle gehen, auf einmal verkürzt auf ein absehbares und nicht verhandelbares Minimum. Panik, Angst, Schmerz, all diese Dinge sind deine neuen Begleiter, die es zu zähmen gilt. Das alles macht dann die Sterbeamme mit einem zusammen und gleichzeitig versucht sie einen zu animieren, die verbleibende Zeit besonders schön zu gestalten.

Endlich die Reise nach Kenia, die man sich schon so lange wünscht. Die unwichtigen Differenzen mit dem Partner beiseite legen und stärker zusammenwachsen. Das, was man will, verbalisieren. Nicht verschieben, keine Ausflüchte mehr. Menschen, die man vermisst, anrufen. Den wichtigen Leuten sagen, dass man sie liebt. Das eigene Ich akzeptieren, wie es ist. Mit dem eigenen Körper Waffenstillstand schließen.

Ich weiß zum Beispiel gar nicht, wieviel Lebenszeit ich damit verbracht habe, mich mit problematischen Typen abzugeben. “Ja klar sehe ich das mit uns auch total locker, kein Stress!” Es werfe den ersten Stein, wer diese Lüge nicht auch schon schwer verliebt und verzweifelt aufgetischt hat. Menschen mit verkürzter Lebenszeit gehen da keine Kompromisse mehr ein. “Liebe ja oder nein, für dein scheiß Hickhack kannst du dir ja jemanden suchen, der unsterblich ist, aber geh mir nicht auf die Nerven mit deinem emotionalen Rumgezappel!” – das müsste ich mal sagen!

Tut mir leid, Unsterblichkeit ist leider aus.

Denn: Auch meine Lebenszeit ist endlich. Ich bin nicht unsterblich und du vermutlich auch nicht. Ich spare mich und meine Gefühle für eine Zukunft auf, die vielleicht niemals eintritt. Vielleicht werde ich gar nicht 40, um dann endlich vielleicht mal nach Kanada zu reisen. Vielleicht werde ich nicht 50, um endlich aus der Stadt rauszuziehen und ein bisschen Ruhe zu haben, und du auch nicht. Und vielleicht wird der andere nie auf den Trichter kommen, dass eine Beziehung mit dir das ist, was er will. Weil es nicht sein Weg ist, ist es auch nicht deiner und Oh. Mein. Gott!, wir sollten sofort damit aufhören, anderen Lebenswegen hinterherzulaufen, statt den eigenen zu gehen!

Letzteres ist nicht so einfach. Wenn man einen Weg das erste Mal geht, muss man manchmal eine Machete benutzen und wild um sich schlagen und JA verdammt, manchmal hackt man sich dabei ins eigene Bein. Das Leben ist kompliziert und verwirrend und es ist nicht immer ganz klar, wo es jetzt lang geht. Ab und zu läuft man im Kreis, das ist normal und okay. Wichtig ist nur, nicht aus Angst einfach weiter den schon bekannten Weg zu gehen, da er – haha! – eben einfach nur im Kreis herum führt. Dann muss man halt mal allen Mut zusammenkratzen, die eben erwähnte Machete zücken und loshacken (bitte dabei auf Menschen und Tiere achten! Safety first!).

Und übrigens: Es ist total legitim, das nicht allein zu schaffen und sich dann Hilfe durch einen Therapeuten oder Coach zu holen, wenn das alles zu überwältigend und einschüchternd wirkt – vor allem, wenn man schon sehr lange ängstlich im Kreis läuft. Arbeitsteilung ist eh besser: Du hackst dich durch das Gebüsch und der andere warnt dich, wenn Tiere kommen und hilft dir mit dem Kompass, auf Kurs zu bleiben. Habe ich übrigens auch lange vor mir hergeschoben: Mit der Therapie weitermachen. (Wieso hat man bei dem ganzen Geschiebe eigentlich noch keine Arme wie Hulk, sondern eher wie Pudding? Frage für, naja, mich.)

Unsere Diagnose steht – und sie ist tödlich.

Ich schaue mir Menschen an, die eine begrenzte Lebenszeit haben und schäme mich regelrecht, wie ich im Vergleich meine Zeit verschwende. Wenn man jung ist, fühlt sich das Leben nach einer endlosen Reise an, doch das ist einfach nur ein Gedanke, den man sich aus Selbstschutz zurecht gesponnen hat. Natürlich ist das ein guter Coping-Mechanismus und man soll jetzt nicht durchdrehen und in panischen Aktionismus verfallen, weil unsere Lebenszeit endlich ist, aber dennoch: All diese Dinge, die man schafft zu ermöglichen, wenn man eine schwere Diagnose erhält, könnte man auch jetzt machen. Ich meine: Wir haben ja schon unsere Diagnose! Wir werden sterben. Du, ich, alle. Himmelherrgott, was brauche ich denn noch?

Je mehr ich mich mit Menschen am Ende ihres Lebens befasse, umso absurder finde ich meine Lebensführung. Spreche ich mit Sterbenden, frage ich mich, was zur Hölle ich eigentlich so treibe – es ist unglaublich, in wie vielen Hamsterrädern man gleichzeitig rennen kann, oder? All dieses Aufschieben, Abwinken, all die Momente, in denen ich mir sage, dass etwas nicht wichtig sei und ich das auch noch später machen könne. Mein Gott, schon allein, was man oft alles mit sich machen lässt, oder? All die unausgelebten Lieben, all die verschwendete Zeit mit toxischen Menschen, einseitigen Freundschaften, der Berg unterdrückter Gefühle. Es ist unglaublich, was wir von Menschen wie zum Beispiel Sabine Dinkel lernen können, die nach einer schweren Diagnose gemeinsam mit der Sterbeamme Claudia Cardinal ihrem Leben so viel Fülle gibt. Trotz allem und gerade deshalb!

Loslassen, um die Hände frei für Neues zu haben.

Ganz ehrlich – ich hab genug von Kreisen, da sieht sowieso immer alles gleich aus. Das Sterben übt man, indem man lebt. Den ersten Schritt habe ich getan. Ich werde psychotherapeutischer Coach und Sterbeamme, um mein Leben mit Sinn zu füllen und etwas für andere zu tun. Seit ich das alles mache, all diese ehrenamtlichen Dinge, bin ich so viel ausgeglichener, glücklicher, bewusster da. Es ist, als habe jemand ein Licht in mir angeschaltet und ich frage mich, wieso ich so lange damit gewartet habe, verdammte Axt! Ich habe mich von Menschen befreit, die mir nicht gut tun. Ich habe Reisen geplant und gebucht. Ich habe lang verschollene Freunde kontaktiert. Ich habe Leuten verziehen, die mich verletzt haben und übe gerade, Negatives loszulassen.

Das ist übrigens auch das Schwierigste aber verdammt, wenn Menschen es schaffen, mit ihrer terminalen Krebsdiagnose klarzukommen, werde ich ja wohl endlich ruhen lassen können, dass eine Ex-Mitbewohnerin aus Wien vor Jahren mit 500 Euro Kaution abgehauen ist. Der Kontakt mit Sterbenden holt mich sowas von auf den Boden der Tatsachen zurück und macht mir Lust, loszulaufen – gern auch Träumen hinterher, aber bitte aktiv und nicht “demnächst” oder “mal schauen”, beziehungsweise “wird das schon irgendwie, vielleicht”. Und Konjunktive? Not for me anymore.

Jetzt bitte nicht übermotiviert durchdrehen

Ich möchte keine schlimme Diagnose dafür brauchen, um das Leben zu spüren. Seltsam genug, dass ich erst die Hände einer sterbenden Frau in meine nehmen musste um etwas zu begreifen, was eigentlich so offensichtlich ist: Leben ist jetzt und es ist ein Fulltime-Job ohne Pause. Wir sind mitten drin, in medias res! Alles, was wir dafür brauchen ist die Erkenntnis, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist und den Wunsch, diese Zeit zu etwas besonderem zu machen – egal, wie lange sie andauern wird. (Ja, ich weiß, ich weiß, es ist so kitschig aber was kann ich denn dafür, dass es halt stimmt?)

Ich rede hier jetzt nicht von Meditation, Achtsamkeit und Zen, es geht mir um keinen theoretischen oder gar spirituellen oder religiösen Überbau, für Yoga bin ich auch eh zu nervös. Bitte jetzt nicht auch hektisch eine Liste mit tausend Dingen abarbeiten und dann vor Stress einen Herzinfarkt kriegen. Manchmal denke ich: Zwischen kompletter Verwahrlosung und krankhafter Selbstoptimierung scheinen wir gar nichts mehr zu kennen und ganz ehrlich, ich gehöre nicht zur letzten Gruppe, hüstel.

Wenn du also motiviert durch diesen Text deinen super 10-Punkte-Plan geschrieben hast, wie dein Leben jetzt systematisch un-end-lich viel geiler wird, zerreiß ihn bitte direkt wieder, sowas macht einen nur fertig – glaub mir. Das hier ist kein Ratgeber und kein toller So-kriegst-du-dein-Leben-hin-Kalender aus dem Online-Shop, also beruhig dich. Es geht um ein Gefühl. Finde heraus, was dir gut tut – schon das ist eine riesige Aufgabe, die oft unterschätzt wird. Falls du denkst: Ich weiß, was ich will!, überleg nochmal ne zweite Runde. Denn oft ändern sich Wünsche und Sehnsüchte und man kriegt es selbst nicht mit weil – naja diese Hamsterrad-Sache, du erinnerst dich.

Es geht mir einfach darum, Dinge bewusst zu tun, die sich gut anfühlen, egal, wie klein sie sind. Und wenn du einfach nur endlich den Sessel frei räumst, der seit 3 Monaten mit Wäsche wechselnder Besetzung zugeschmissen ist, damit du mal wieder gemütlich dasitzen und Pizza in dich reinstopfen kannst: Tu es. Und zwar jetzt, nicht “bald”. (Ich verspreche hiermit, es heute Abend zu machen. Gelber Lieblingssessel, die Rettung naht!)

“Melde mich bald!” – “Bitte nicht. :)”

Es geht um eine neue Verbindlichkeit, die so viele von uns so verlernt haben. Ruf mich nicht “bald” an, sondern heute um 5! (Spaß, bitte ruf mich nie an, ich hab Angst vorm Telefonieren). Bau mich in dein Leben ein oder halte mich raus, aber lass mich nicht an der Türschwelle verschimmeln. Wenn ich meinen Job nicht als erfüllend und sinnvoll empfinde, ist es der falsche Job. Wenn diese eine Freundin mich immer nervt, ist es nicht mein Mensch. Ich wollte schon immer mal Dänisch lernen, wäre vielleicht gut, wenn ich das mal angehe, oder? Steile These aber ich vermute mal, dass sich das lebendig besser lernt als tot. Die Verbindlichkeit zu mir selbst, das ist das, was ich wieder brauche – wenn ich es denn je hatte.

Anaïs Nin schreibt: “Ich bin mir selbst der Wind für mein Segelboot”. Das möchte ich auch sein, wir sollten das alle für uns sein. Leinen los! Ich steche in See.

Jetzt ist natürlich nur die Frage: Kommst du mit?


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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

11 Kommentare

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  • Verdammte Scheiße, aber ja!

    (Ich wollte schon eine Liste machen, dann habe ich den Satz gelesen und sie gedanklich zerrissen. Stimmt eh, da hat man wieder nur neu Druck und kriegt eh nichts hin hihihi!)

    Liebe Grüße
    Bettina

  • Ein bereichernder Text – wieder einmal! Ich werde ihn öfter lesen, er enthält zu viel um mit einem mal in seiner ganzen Tiefe erfasst und verinnerlicht zu werden. Vielen lieben Dank dafür!

  • Hey dein Text ist wirklich sehr gut geschrieben. Er drückt perfekt aus was ich mir so oft denke und versuche anderen zu erklären. Vor allem zu sagen, wir haben unsere Diagnose schon längst, kann vielen die Augen öffnen. Und wenn sie es nicht schaffen, ja vllt kann mam ihnen helfen. Vielen Dank für deine Worte.

  • ich liebe diesen text. “Ich möchte keine schlimme Diagnose dafür brauchen, um das Leben zu spüren.” dieser und viele andere sätze sprechen mir so sehr aus herz und seele und sind seit einiger zeit absoluter inhalt dessen, was ich versuche mit der zeit anzufangen, die ich habe. und daher auch mein credo: verzichte nie auf kuchen.

  • Hallo Jasmin
    Herzlichen Dank für deine deutlich formulierten Gedanken, die mir aus der Seele sprechen.
    Ich habe am 2. Januar meine Frau verloren, die an Krebs gestorben ist. Ein Jahr lang habe ich sie zu Hause und im Spital begleitet und betreut. Ich habe mich vorzeitig pensionieren lassen, wodurch ich mich voll und ganz meiner Fau widmen konnte. Vor allem die letzte Zeit auf der Palliativstation war eine wunderbare Erfahrung für mich.
    Alle Freunde und Verwandten hatten die Möglichkeit, sich von meiner Frau zu verabschieden. Mit ihr und meiner erwachsenen Tochter haben zu Dritt in Frieden und völliger innerer Übereinstimmung auf den Tod gewartet.
    Ich bin mir bewusst, dass nicht alle Menschen nach einem langen Leidensweg mit nächtelangen unsäglich starken Schmerzen so friedvoll aus dem Leben scheiden können.
    Dennoch habe ich mich vor einem Monat entschieden, im April eine Ausbildung im Schweizerischen Roten Kreuz zum Sterbebegleiter zu beginnen.
    Ich möchte versuchen, meine Erfahrungen sterbenden Menschen weiterzugeben. Gleichzeitig möchte ich mich auf diesem eingeschlagenen Weg für meinen eigenen Tod vorbereiten, um ihn noch besser und intensiver verstehen zu lernen. Meine Ausbildung startet am 27. April-dem Geburtstag meiner geliebten verstorbenen Frau.
    Herzlich Gruss
    Gust

    • Lieber Gust,

      vielen Dank für den Kommentar und das Teilen deiner Geschichte! Es tut mir leid, dass ihr eure Ehefrau und Mutter verloren habt <3 aber es ist großartig zu lesen, dass ihr Abschied eingebettet in Liebe vonstatten gehen konnte! Dass du nun ebenfalls Sterbebegleiter werden möchtest, finde ich großartig – und wie symbolisch das Datum auch ist! 🙂

      Ich wünsche euch für euren weiteren Weg viel Kraft und auch Freude.

      Jasmin