Herr Neumann will nicht sterben.

“Immer bin ich müde. Und ich mag keine Kohlrouladen mehr. Ich hätte nie gedacht, dass ich die mal nicht mehr mag, die Rouladen. Aber die schmecken mir nicht mehr wie früher. Und es ist schwer, sie zu kauen.”

Ich sitze mit meinem Handy auf dem Boden im Zimmer meines Mitbewohners, da hier der beste Empfang herrscht. Ich telefoniere mit Herrn Neumann*, er und ich wurden sozusagen verkuppelt. Eine Leserin meines Blogs hatte mir eine Nachricht geschrieben und mich gefragt, ob ich mal mit ihrem Opa sprechen könne. Er sei immer so einsam und freue sich, wenn sich Leute für ihn interessieren. Leute, die keine Angst vor dem Alter oder dem Tod hätten. Er lebt im Sauerland, sie in München, daher kann sie ihn nicht so oft sehen, wie sie es gerne würde.

Herr Neumann wird rund um die Uhr gepflegt, ist verwitet, hat zwei Kinder, beide sind zum Studium weggezogen und in der Fremde geblieben. Zwei Enkelinnen gibt es, eine geht noch zur Schule, Katja*, die mich auch kontaktiert hatte, studiert. Er ist über achtzig und leidet an COPD, der Lungenkrankheit, die oft am Ende eines Raucherlebens wartet – so auch bei ihm.

Wenn ich mit ihm telefoniere, höre ich immer ein leises Surren. Vielleicht ein Sauerstoffgerät. Herr Neumann keucht, hustet, räuspert sich. Seine Lunge orchestriert den unaufhaltsamen Zerfall seines Körpers. Irgendwie machte mich das traurig.

“Ich hätte mir ein Tattoo stechen lassen sollen.”

“Wieso beschäftigen Sie sich so viel mit dem Tod? Sie sind doch noch so jung.”, fragt er mich. – “Ich weiß nicht, das ist irgendwie so passiert.” – “Sollten Sie nicht noch einfach mehr Spaß im Leben haben? Heiraten, Kinder, all das?” – “Man kann Spaß haben und gleichzeitig darüber nachdenken, dass alles endlich ist. Dass alle irgendwann sterben und man mit ihnen viel Zeit verbringen sollte, also mit den Leuten, die einem wichtig sind.” – “Da sagen Sie was Wahres. Ich werde bald sterben, habe vielleicht noch zwei Wochen, sagen die Ärzte. Aber was wissen die schon, die Prognosen haben bisher nie gestimmt.”

Wir schweigen.

“Wenn Sie auf Ihr Leben schauen: Gibt es Dinge, die sie bereuen?”, frage ich ihn.

Stille. Atmen. Ich fragte mich, wie er aussah. Seine Stimme klang dünn und heiser, zerbrechlich, müde. Vor meinem inneren Auge sah ich einen kleinen, zusammengefallenen Mann mit schlohweißem Haar und Sauerstoffgerät in einem Sessel sitzen.

“Ich hätte mir ein Tattoo stechen lassen sollen. Und ich habe noch nie eine andere Frau geküsst als meine Ehefrau.” – “Wirklich? Noch nie?” – “Nein, wirklich nicht. Ich hätte in meiner Jugend vielleicht noch das ein oder andere Mädchen küssen sollen. Aber wir lernten uns als Kinder kennen, wir waren Nachbarn und es ging alles sehr strikt auf die Ehe zu. Ich fand das schön, damals. Jetzt denke ich jedoch, dass mir etwas fehlt. Dass ich etwas verpasst habe, das alle kennen.” – “Hm.”

Stille.

“Frau Schreiber?” – “Nennen Sie mich Jasmin.” – “Ja. Ich würde jetzt gern auflegen. Ich bin erschöpft. Rufen Sie mich morgen nochmal an? Dann können Sie mir einen Ihrer Sterbetexte vorlesen. Ich würde das gerne hören.” – “Mache ich.”

“Es macht mich wütend, dass ich sterben muss.”

Herr Neumann und ich telefonieren noch öfter miteinander. Einmal frage ich ihn, ob er bereit sei, zu sterben.

“Nein, bin ich nicht. Ich will nicht sterben.” – “Wie fühlen Sie sich dabei?” – “Es macht mich wütend. Dass ich sterben muss. Es macht mich so wütend, weil ich so viel noch gar nicht gemacht habe. Oder gesehen habe. Ich wollte immer mal nach Paris und jetzt sterbe ich, ohne je dort gewesen zu sein. Jeder war schon einmal in Paris!” – “Es gibt sehr viele Menschen, die noch nie in Paris waren.” – “Ich bin jetzt jedenfalls einer von ihnen. Ich bin Bauzeichner… und war noch nie in Paris. Sowas gibt es doch sicherlich nicht.” – “Ist es nicht anstrengend, wütend zu sterben?”

Schweigen.

“Herr Neumann?” – “Sterben ist sowieso anstrengend, wütend oder nicht. Ich sitze herum und warte. Alles tut weh. Ich kriege keine Luft.” – “Und das macht Sie wütend.” – “Nicht immer.” – “Was macht Sie denn froh?” – “Wenn meine Enkelinnen kommen, und meine Kinder. Oder wenn es Erdbeerkuchen gibt mit dick Gelée auf dem Tortenboden. Da drin schwimmen dann die Erdbeeren, in dem Gelée. Mögen Sie die auch?” – “Als Kind war ich allergisch gegen Erdbeeren, ich kann sie erst jetzt als Erwachsene essen.” – “So viel verlorene Zeit ohne Erdbeerkuchen! Ich nehme an, wir haben es alle nicht leicht.” – “Niemand hat es immer leicht.”

Wieder schweigen wir.

“Wären Sie denn bereit, zu sterben?”, fragt er mich plötzlich. – “Nein. Ich bin zu jung. Ich habe noch viel nicht ausprobiert. Ich war zwar schon in Paris, habe aber zum Beispiel noch nie Erdbeerkuchen gemacht. Mit der Liebe ist auch noch einiges offen. Und ich habe meinen Hund.” – “Sehen Sie. Ich bin auch zu jung zum Sterben.”

Schweigen, ein Röcheln, dann–

“Herr Neumann, weinen Sie?” – “Nein. Ja. Ich glaube schon. Das ist mir jetzt peinlich.”

Ein Schluchzen. Ich erstarre, werde nervös, meine Hand am Handy beginnt sofort zu schwitzen.

“Ich habe Angst, allein zu sterben.”

“Weinen Sie, weil Sie nicht sterben wollen?” – “Ich habe Angst, allein zu sterben. Dass ich genau dann sterbe, wenn niemand da ist.” – “Wenn jemand, den Sie mögen, ganz sicher da wäre: Hätten Sie dann weniger Angst vorm Sterben?” – “Ja. Dann fände ich es nicht so schlimm. Ich will nur nicht gehen, wenn gerade keiner an mich denkt. Wenn jemand hier sitzt, denkt er ja an mich, weil er mich sieht. Ich will nicht allein sterben, ich will nicht allein sein.” – “Hermann*, haben Sie das Ihren Kindern mal gesagt? Oder Katja?”

Ich wechsle zur persönlicheren Form, weil der Nachname nur noch mehr Einsamkeit und Distanz schafft, wo anscheinend von beidem schon viel zu viel da ist.

“Dass ich Angst habe vorm Sterben?”, fragt er mich. – “Dass Sie Angst haben, allein zu sterben!” – “Nein.” – “Bitte rufen Sie heute noch Katja an und sagen ihr das genau so.” – “Das ist mir unangenehm.” – “Es ist sehr wichtig, dass Sie das Ihrer Enkelin sagen. Genau so, wie Sie es mir gesagt haben. Versprechen Sie mir das?”

Schweigen.

“Hermann, versprechen Sie mir das?” – “In Ordnung.” – “Wenn Sie es nicht für sich tun möchten, dann doch für Ihre Familie. Katja wäre sehr, sehr wütend, wenn Sie das nicht täten.” – “Vermutlich.” – “Ganz bestimmt. Wenn Katja sterben würde und Ihnen nicht verraten würde, dass sie Angst hat, allein zu sterben und deshalb dann tatsächlich allein stirbt: Was würden Sie denken?” – “Ich würde mir das nie verzeihen.” – “Richtig. Und sie sich auch nicht.”

Stille.

“Wollen wir auflegen?”, frage ich ihn. – “Ja, bitte.”

Herr Neumann hat tatsächlich seine Enkelin angerufen und ihr das gesagt. Ihre Mutter ist daraufhin kurzerhand zu Herrn Neumann gezogen und war ab sofort fast rund um die Uhr da. Die Konstellation war hier sehr glücklich, weil sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Kleinunternehmen führt und deshalb in Notfällen flexibel Urlaub nehmen kann. So viel Glück hat natürlich nicht jeder.

In Hamburg sagt man: Tschüs.

Ich telefoniere noch vier Mal mit Herrn Neumann, mittlerweile nie länger als 10-15 Minuten, weil das Reden ihn so anstrengt. Das letzte Telefonat dauert nur einige wenige Minuten.

“Nicht mehr ins Krankenhaus. Patientenverfügung… darf hierbleiben.”

Den Rest verstehe ich nicht, er röchelt stark. Seine Tochter klinkt sich ein und nimmt den Hörer: “Papa darf hier sterben. Katja ist auch auf dem Weg hier her.” Sie erzählt mir, dass er nur noch selten wach und ansprechbar sei. Sie hält ihm den Hörer wieder hin, ich höre Herrn Neumann atmen.

“In Hamburg sagt man Tschüs!”, röchelt er. Und dann – lacht er? “Ja. Tschüs, Herr Neumann.”, sage ich.

Herr Neumann ist zwei Tage später verstorben.


* Auf Wunsch habe ich alle Namen im Artikel geändert.

Fotos: Unsplash.com


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17 Kommentare

  1. wenn ich mal weinen will und nicht kann, komme ich einfach auf diesen blog!

    berührend geschrieben. ich habe auch angst, allein zu sterben. vorm tod habe ich keine angst, aber vorm sterben und das dann allein……. ohje.

    Antworten

    1. Ich hab auch Angst vorm Sterben und davor, meine geliebten Menschen so zu verlieren. Ich frage mich, was noch übrig bleibt, wenn die nicht mehr sind.

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  2. Liebe Jasmin,

    das hast du wieder einmal wunderbar in Worte gekleidet. Man merkt, dass es der richtige Weg für dich ist. Ich bin sehr stolz auf dich!

    Deine Birgit

    Antworten

  3. ich denke viele menschen haben angst vor dem allein-sterben. umso wichtiger daher dass es leute wie dich gibt, um das abzufangen.

    habe 5 euro zu deiner aubildung dazugegeben. das ist nicht viel und ich weiß dass das alles viele tausend euro kostet aber ich hoffe es gibt viele nachahmer.

    liebe grüße aus dem harz
    norbert

    Antworten

  4. Wow, was für ein wundervoller Blog! Was für ein bewegender Beitrag. Ganz große Hochachtung.

    Antworten

  5. Und wieder bin ich ganz hin und weg von deiner Geschichte. Und dann auch noch mit einem “Happy End”, gut, vielleicht nicht ganz so happy, wie Disney sich das wünscht, aber eben doch mit dem allesentscheidenden Twist, den Hermann da nochmal hinlegt. Heulen und lachen gleichzeitig ist beim Lesen doch immer noch das Schönste. Danke!

    Antworten

  6. Bin zutiefst berührt von deinem Blog ! Da ich bei einem Pflegedienst arbeite , sind Tod und Sterben auch bei mir oft hautnah dabei ! Bemühe mich so oft es geht, Menschen in ihrer letzten Lebensphase gut und vor allem auch würdevoll zu begleiten ……!
    Deine Arbeit ist so wichtig und Sterbeamme
    möchte ich auch gern sein …..!

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  7. Todes Lied

    Seit Du mich erstmals zärtlich in die Arme nahmst,
    und Deine sanfte Stimme meiner Seele tiefste Sehnsucht schenkte
    seit jenem Tag gedenk ich täglich Deiner.

    Und unvergessen Deiner schwarzen Augen bodenlose Tiefe,
    in denen ich mich ganz und gar verlor.
    Bin immer noch gefangen dort und ruf nach Dir.

    Ich weiß, Du liebst mich. Doch wann bist Du Mein?
    Wann holst Du mich, so wie es fest entschieden.
    Wann, Liebste, führst Du mich zum Horizont, der ewig lockt?

    Da ist kein irdisch Weib, das irgendwie Dir gleicht.
    Wir sind ein Liebespaar seit Anbeginn der Zeiten.
    So nimm mich, wie ich Dich im Herzen trage.
    Mein lang ersehnter süßer, süßer Tod.

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  8. Bei einer Nahtoderfahrung wurde mir bewusst, das alleine sterben halb so wild ist. Man schwebt über sich selbst und entfernt sich immer weiter, alles wie in Watte. Plötzlich fällt man in sich selbst zurück, beginnt wieder zu atmen. Wie wenn man lange taucht und zu lange braucht, um an die Wasseroberfläche zu kommen. Hyperventilation, Schweissausbruch, Sehfähigkeit kehrt zurück. 15 Minuten ist man wiederhergestellt, zwar noch etwas klapprig, aber wieder voll da.

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  9. Komm und führe mich nur fort;
    Hubert von Goisern – Schlafes Bruder

    Komm, du Schlafes Bruder,
    Löse meines Schiffleins Ruder,
    Bringe mich an sichern Port!
    Es mag, wer da will, dich scheuen,
    Du kannst mich vielmehr erfreuen;
    Denn durch dich komm ich herein,
    Zu dem schönsten Jesulein.

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  10. Ein super beeindruckender Text, den mir mein Firefox da (warum auch immer) auf meine Startseite gestellt hat. Mich hat der Text an eines meiner Lieblingsgedichte erinnert, dass hier sicher auch schon Thema war, “Do not go gentle into that good night” von Dylan Thomas.
    Des Copyrights wegen nur die ersten beiden Strophen als Zitat:

    Do not go gentle into that good night,
    Old age should burn and rave at close of day;
    Rage, rage against the dying of the light.

    Though wise men at their end know dark is right,
    Because their words had forked no lightning they
    Do not go gentle into that good night.

    Antworten

  11. Wunderbar und unbezahlbar.
    Überall auf allen Ebenen Mangel an Zuneigung und Aufmerksamkeit.
    Und sich berühren ist vielen auch schon fremd.
    Die Menschen werden vernachlässigt.
    Liebe Grüße

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