Im Gespräch mit der Sterbeamme Claudia Cardinal: “Nach jedem Abschied muss dem Leben auf ein Neues eine Chance gegeben werden.”

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Wenn wir auf die Welt kommen, werden wir im besten Falle von einer Hebamme beim Übertritt begleitet. Doch wenn wir aus der Welt scheiden – wer hilft uns hier, die Grenze zu überschreiten? Dieses Defizit hat Claudia Cardinal geschlossen, indem sie das Berufsbild der Sterbeamme geschaffen hat. An ihrer Sterbeammen-Akademie bildet sie Sterbeammen und Sterbebegleiter, sowie Trauerammen für Kinder und Jugendliche aus – Ausbildungen, die ich dort ebenfalls durchlaufen werde. Ich habe mit ihr über das Leben, das Sterben und den Tod gesprochen.

Frau Cardinal, erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie das erste Mal mit dem Tod in Berührung kamen?

Ich war fünf Jahre alt, als mein Großvater starb. Das war eine Nachricht, die ich sehr selbstverständlich aufgenommen habe. An diesem Tag und lange Zeit danach war ich ausschließlich mit der Beobachtung und der Frage beschäftigt, wieso mein Vater an diesem Tag nichts gegessen hat.

Hand auf’s Herz: Haben Sie Angst vorm Tod?

Vor dem Tod selbst habe ich wenig Angst. Ich stelle mir den Ort – wie viele andere Menschen auch – als einen Ort vor, an dem es sich wie eine „Heimat“ anfühlen kann. Und diese scheint es auf Erden als so genanntes „Paradies auf Erden“ für viele Millionen Menschen durch Kriege und Flucht nur als Begriff, denn als Realität zu geben.

Vor dem Sterben Angst zu haben, ist eine andere Sache. Hier steht die Furcht vor Leiden körperlicher und seelischer Art im Vordergrund. Auch wenn die Palliativmedizin heute große Hoffnung gibt, dass das körperliche Leiden gering gehalten werden kann, schreit das seelische Leiden quasi nach Erlösung. Und insofern wünsche ich mir ganz einfach angesichts meines eigenen Sterbens/ Todes: Möge es einfach gehen!

Und danach? Glauben Sie an ein Leben nach dem Sterben? Oder anders gefragt: Was bedeutet für Sie der Tod?

Ich kann mir ehrlich gesagt „ein Leben ohne mich“ nicht recht vorstellen. Insofern halte ich es für durchaus möglich, dass ein ein Danach gibt. Viele, viele „Seltsame Phänomene” die sich immer dann zeigen, wenn Umbrüche im Leben sind – ganz besonders dann, wenn es sich um Todesfälle handelt – sprechen da für mich eine eigene Sprache. Sie sind kausal ganz einfach nicht zu erklären und werden dann als „Zufall“ abgetan. Und das lässt mich staunen und innehalten – immer wieder. Und letztlich steht es ja 50:50. Es ist weder beweisbar, dass da „ETWAS“ ist, noch lässt sich das Gegenteil beweisen. Diesen Streit überlasse ich übrigens sehr gern allen, die aus den Positionen Wissenschaft und Geisteswissenschaft leidenschaftlich gern Recht haben wollen.

Tod an sich bedeutet für mich einserseits den Zerfall der Materie in seine Einzelbestandteile, was je nach Substanz mal kürzer oder länger dauert. Und auf der anderen Seite ein Freiwerden eines Geistes – wo auch immer dieser landet. Hoffentlich in einer guten Heimat.

Was hat Sie eigentlich damals dazu bewogen, Sterbeamme zu werden und dieses Berufsbild zu erschaffen?

Ich wurde nach dem Tod meiner Tochter wieder massiv auf die grundsätzliche Frage nach dem Sinn des Lebens gestoßen. Diese Frage hatte ich schon einmal, als ich etwa 12/13 Jahre alt war. Und gleichzeitig erlebte ich später in meiner Arbeit als Heilpraktikerin immer wieder, wie schwer Menschen ein Abschied fallen kann, wie immer wieder die Frage nach dem Sinn dabei auftauchte und gleichzeitig, wie Todesfälle die eigene Zukunft – auch in Hinblick auf die Gesundheit – beeinträchtigen können. Als ich durch jahrelange Arbeit schon einige Werkzeuge in der Hand hatte, habe ich mich entschlossen, damit anzufangen, diese weiter zu geben. 2001 habe ich damit angefangen. Heute gibt es neun Fortbildungsstandorte.

“Nach jedem Abschied muss dem Leben auf ein Neues eine Chance gegeben werden.”

Was macht Ihnen mehr Angst: Ihr eigener Tod oder der Ihnen nahestehender Menschen?

Der kluge Satz von Mascha Kaleko heißt: „Den eigenen Tod den sterben wir nur, doch mit dem Tod der anderen müssen wir leben.“ In Ihrem berührenden Text über den Abschied von Gerda sagt die alte Dame, wie sie im Laufe der Jahre zunehmend in ihrer Rolle als Mutter/ Großmutter usw. ist und niemand mehr sie „Gerda“ nennt. Zunehmende Einsamkeit, da die Weggefährten schon vorgegangen sind, sind durchaus Probleme des Abschieds und des Älterwerdens. Nach jedem Abschied muss dem Leben auf ein Neues eine Chance gegeben werden. Ich habe keine eindeutige Antwort darauf. Ich weiß nur: Ich bin noch nicht „satt“.

Und was sind so die letzten Dinge, über die Menschen nachdenken, die Sie begleiten? Welche Themen beschäftigen einen am Lebensende?

Nach meinen Beobachtungen sind es mehrere große Themen: Werde ich leiden? Ich will meine Lieben anfassen, umsorgen, aufwachsen sehen! Wie sollen meine Lieben ohne mich klarkommen? Wie war mein Leben? Bin ich einverstanden mit meinem Leben und mit mir? Ist etwas danach? Wie wohl der „Absprung“ ist?

Gibt es da Fälle, die Ihnen besonders nah gehen/nah gegangen sind?

Die gibt es immer wieder. Meistens dann, wenn es sich um berührende Nähe mit den Betroffenen handelt. Auch dann, wenn ich sehe, wie junge Menschen so schwere Verantwortung tragen müssen und ich (als Mutter und Großmutter) alle am Liebsten davor bewahren würde. Es geht mir auch dann besonders nahe, wenn ich die große Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht entdecken muss und begleite.

Viele fühlen sich im Angesicht des Todes überfordert oder machtlos. Man hat oft das Gefühl, immer das “Falsche” zu sagen oder zu tun. Wie kann man als Zugehöriger einem Sterbenden beistehen?

Leben ist ebenso einzigartig, wie es das Sterben eben auch ist. Es gibt ein paar Übereinstimmungen und Überschneidungen, doch mehr auch nicht. Und da ist Rechthaberei ebenso fehl am Platze, wie Vernunft oder sogar Floskeln. Ich erlebe auf erschütternde Weise, wie mit Trauernden umgegangen wird und wie Menschen sich fast anmaßen, Leid einzuteilen und zu bewerten. Wir sollten wieder lernen zu fragen. Die Fragen „Weißt du, was du brauchst? Kann ich etwas für dich tun?“ sind da schon sehr zurückhaltend und einfach zauberhaft. Sonst kann es passieren, dass ich ganz viel Gutes tun will, was mein Gegenüber jedoch gar nicht nötig hat. Oftmals ist das, was ich für gut halte, nicht das, was ein Kranker/Sterbender für gut hält. Das gilt ebenso für die Begleitung von Sterbenden, wie auch für die von Trauernden.

“Es geht mir besonders nahe, wenn ich große Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht entdecken muss und begleite.”

Dazu ist es zwar schwer, doch sehr heilsam, einem Zugehörigen zuzutrauen, sterben zu können und diesen großen Abschied vom Leben bewältigen zu können. Alles andere macht Sterbende klein und degradiert sie. Und es ist auch schwer, ehrlich zu sein. Seien Sie als Zugehörige vorsichtig damit, über die Vernunft zu sagen „Du kannst/darfst jetzt gehen.“, wenn Sie es nicht aus tiefstem Herzen meinen. Und wie bei jeder Reise sollten doch immer für lieb gewordene Zugehörige Reisesegen und Reisewünsche mitgegeben werden.

Ein sehr wichtiger zusätzlicher Punkt ist es, sich selbst eine Gemeinschaft zu erschaffen. Es ist schwer zu begleiten und es ist schwer gleichzeitig im eigenen Alltag zu bestehen. Suchen Sie sich eine Gemeinschaft, die Sie unterstützt, auch im Austausch von Gedanken.

“Ich sorge dafür, dass ich ein gutes Leben habe, mit dem ich einverstanden bin.”

Sterbende Menschen zu begleiten ist natürlich auch eine psychische Herausforderung. Wie schaffen Sie es, sich selbst vor allem ein bisschen “zu schützen“?

Ich sorge dafür, dass ich ein gutes Leben habe, mit dem ich einverstanden bin. Das erfordert permanent, mein eigenes Leben zu regulieren und dafür Sorge zu tragen, dass es so ist, wie ich dazu JA sagen kann. Und ich sorge auch dafür, dass ich jeden Tag etwas – und sei es noch so etwas Kleines – habe, auf das ich mich freue.


Wenn ihr gut findet, was ich mache, könnt ihr mich unterstützen und mir über Paypal einen Kaffee schenken. Wobei das ein Trick ist, ich vertrage nämlich gar keinen Kaffee. Doch ich gebe viel Geld für Sternenkinder und ihre Familien aus (Fahrtkosten, Material, Porto für die Fotos, etc.), für Workshops, Ausbildungen und Therapie-Materialien. Wenn euch der Content also gefällt, sagt gern hi und tragt etwas zu bei, damit hier alles wachsen und gedeihen kann. <3


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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

16 Kommentare

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  • Jasmin, finde es nur noch krass, was du hier auf diesem Blog an Content raushaust. Sowohl die hohe Frequenz als auch die Qualität der Beiträge sind einfach krass.

    Wieso hast du nicht längst schon eine Kolumne?

    Grüße aus Wien
    Thomas

  • Liebe Jasmin,

    ich finde es beeindruckend, was du hier auf die Beine stellst. Ich weiß, dass diese Ausbildungen sehr kostenintensiv sind, deshalb habe ich per Paypal eine Kleinigkeit geschickt.

    Ich hoffe, es findet viele Nachahmer! Denn wir brauchen dringend mehr Menschen wie dich. Auch dein Engagement gegen Rechts finde ich bemerkenswert.

    Weiter so!

    Liebe Grüße aus Bonn,
    Susanne

  • Jasmin, gestern stieß ich auf Deinen Blog und bin nachhaltig beeindruckt! Darum habe ich Dir gestern einen „Kaffee“ ausgegeben.
    Machˋ weiter so!

    Liebe Grüße, Meike

  • Ja. Alles,was du sagst ist das Nötige, um den anderen, egal ob Opfer oder Begleiter nicht allein zu lassen. Aber es muss sehr oft auch ohne Helfer gehen und dann zählt nur die eigene Beziehung zum Leben an sich, die man mit dem anderen in den letzten Stunden noch lebt. Es ist ein gemeinsamer Abschied.

  • Liebe Jasmin,

    dieses Interview ist so wertvoll und nährend, ich danke dir und Claudia für diese behutsamen Fragen und Antworten.

    “Vor dem Tod selbst habe ich wenig Angst. Ich stelle mir den Ort – wie viele andere Menschen auch – als einen Ort vor, an dem es sich wie eine „Heimat“ anfühlen kann.”

    Was für ein ermutigender Satz!

    Sehr herzliche Grüße
    Sabine

  • Es gibt seit jeher Menschen, die andere Menschen in schwerer Krankheit und im Sterben begleiten. Ehrenamtlich und Hauptamtlich engagierte Menschen in der Hospizbewegung begleiten Menschen in der letzten Lebensphase und unterstützen die Angehörigen. Dabei ist es wichtig, dass diese Aufgabe ohne Bezahlung und freiwillig erfüllt wird. Die Ehrenamtlichen sind ebenso qualifiziert durch bundeseinheitliche Kurse und Seminare, wie die Sterbeammen.. Frau Cardinal wirbt hier für sich selbst und um Geld mit dem zu machen, was wir in der Hospizbewegung selbstverständlich seit Jahren kostenlos anbieten. Die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen ist ein Statement vieler vieler Menschen und Organisationen, in dem die ethischen Grundsätze der Betreuung dieser Menschen gesammelt sind. Nichts, was Frau Cardinal hier in bunten werbewirksamen Farben schildert ist schon sehr alt und bereits längst von Der Hospizbewegung etabliert, selbst den Begriff der Sterbeamme hat sie aus dem Mittelalter geklaut. Sie will Geld machen mit unserer Angst vor dem Tod, anstatt ihre Zeit besser den Mitmenschen zu schenken, wie wir es in der Hospizbewegung hochqualifiziert seit ewigen Zeiten tun.

  • Hallo UR,
    warum hälst Du es für wichtig, dass die Begleitung von Sterbenden und Trauernden “ohne Bezahlung und freiwillig” geschieht? Die Freiwilligkeit leuchtet mir ein, da jeder Beruf(ung), der nicht “freiwillig” gemacht wird, darunter leidet, also nicht “gut” ausgeführt wird. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir u.a. unsere Dienstleistungen gegen Geld tauschen. Das kann man gut oder schlecht finden. Aber wieso sollten von diesem Kreislauf einige Berufsgruppen ausgenommen sein? Darf ein Bestatter Geld verlangen? Dürfen Kränze verkauft werden? Dürfen Geistliche ein Gehalt bekommen? Erhalte ich schwarze (Trauer-)Bekleidung umsonst? Mich würde interessieren, wie Du das siehst?
    Ich jedenfalls wäre gerne bereit für eine solche fachkundige Begleitung Geld zu bezahlen. Für eine Begleiter*in, die sich ganz auf mich einstellt.
    Herzliche Grüße
    Ute

  • Ich stimme Ute voll und ganz zu. Gerade Menschen die in ‚sozialen‘ Berufen arbeiten werden gerne ausgenutzt, indem für wenig Geld und unbezahlten Überstunden übermenschliches geleistet wird. Es wird da gerne an die ‚Menschlichkeit‘ erinnert und jeder der dort arbeitet ist meist kein Großverdiener und erwartet auch keine Reichtümer. Allerdings muss jeder beim Einkauf für seine Brötchen bezahlen und das sollte auch für Personen gelten die viel Zeit in eine Arbeit investieren, dessen Thematik viele Menschen gerne verdrängen und die doch zum Leben gehört wie die Luft zum Atmen.