Die 5 Phasen des Turmbaus zu Babel. Oder so ähnlich.

D

Erinnerst du dich an den Moment, an dem du das erste Mal getrauert hast? Vielleicht nicht. Immerhin erinnere ich mich an eine Szene im Kindergarten, als ich in der Bau-Ecke saß und wir einen richtig hohen Burgturm bauten. Irgendwann mussten wir aufstehen und uns auf die Zehenspitzen stellen, um noch weitere Steine oben abzulegen, so hoch war er. Er war einschüchternd, mächtig, perfekt. Kein Ahnung wieso, aber wir nannten ihn “Niklas”. Der Turm stand mehrere Tage in der Bauecke und alle bewunderten ihn ehrfürchtig, doch eines Tages kamen wir in den Kindergarten und er war zerstört. Die Putzfrau hatte ihn versehentlich umgestoßen und einen Entschuldigungs-Zettel mit traurigem Smiley-Gesicht hinterlassen.

Ich weiß noch, wie verletzt ich war. Wir standen um die Trümmer herum, ich musste weinen, der Schock saß tief. So banal das auf Erwachsene vielleicht wirken mochte, doch ich trauerte. Etwas, an das ich mich gewöhnt hatte, etwas, auf das ich sehr stolz war, war plötzlich nicht mehr da, es war fort, zerstört, gegangen. Eine Einwirkung von außen hatte mir dieses Sache und all die Emotionen, die damit in Zusammenhang standen, einfach weggenommen. Niklas war tot.

Und was taten wir dann? Richtig. Wir leugneten. Unfair! Doch das musste nicht das Ende sein, oder? Wir waren uns sicher, dass wir den Turm exakt nachbauen konnten, wieso auch nicht? Schließlich hatten wir das schon einmal geschafft. Nach einer Weile stellten wir jedoch fest, dass es nicht recht gelingen wollte. Der zweite Turm wirkte einfach nicht so mächtig wie der erste. Außerdem wussten wir nicht mehr richtig, wie wir die Zinnen gebaut hatten.

Das machte uns wütend. Wir brüllten, kickten die Bausteine herum, warfen damit erst auf Frau Weil und anschließend auf die Kindergartenleitung Schwester Gerda, die zur Hilfe gerufen wurde. Schließlich weinten wir alle, während uns drei weitere Schwestern in mehrere stille Ecken aufteilten.

Als wir uns beruhigt hatten, änderten wir die Strategie: Wir verhandelten. Wenn wir das schon nicht schafften, dann doch jemand anderes, oder? Wir versuchten, Frau Weil zu schmeicheln und sie zu veranlassen, den Turm für uns nachzubauen. Schließlich war sie eine Erwachsene und wenn uns hier jemand helfen konnte, dann sie! Long story short: Sie wollte nicht. Damals dachten wir, sie sei einfach unfähig, heute weiß ich natürlich, dass es pädagogisch nicht gerade smart gewesen wäre.

Als wir alle Ideen ausgeschöpft hatten, zogen wir uns in die Bauecke zurück und machten: nichts. Alle Versuche der Schwestern, uns zum Spielen zu motivieren und aufzumuntern, scheiterten. Wir waren niedergeschlagen und antriebslos. Wenn wir den Turm nicht haben konnten, wollten wir gar nichts mehr. Hatte doch eh alles keinen Sinn mehr. Alles umsonst. Nichts macht Spaß. Etc., pp. So saßen wir geknickt herum und gewöhnten uns an unser neues Leben, in dem wir wohl NIE MEHR glücklich werden würden.

Irgendwann wurde mir jedoch langweilig. Ich begann, Philipp zu ärgern, der daraufhin mit Gebrüll Vergeltung übte und mich mit Kissen bewarf. Nach einer längeren Kissenschlacht-Eskalation begann Abel damit, eine kleine Mauer zu bauen, um sich nach eigener Aussage gegen uns „Irre“ abzuschirmen. Irgendwann halfen wir mit und teilten damit unseren kompletten Gruppenraum in zwei ungleich große Hälften. Wir dachten: Schade um den Turm, aber so ist das Leben, oder? Weiter geht es, schließlich musste eine Mauer gebaut werden (nein, Mexiko hatte übrigens nicht für sie gezahlt). Also stürzten wir uns in unsere neue Aufgabe.

Et voilà! Damit hatten wir die 5 Phasen der Trauer erfolgreich abgeschlossen und gleichzeitig unsere Kindergärtnerin eingemauert – wenn das mal keine erfolgreiche Bewältigung war, weiß ich auch nicht.


Wenn ihr gut findet, was ich mache, könnt ihr mich unterstützen und mir über Paypal einen Kaffee schenken. Wobei das ein Trick ist, ich vertrage nämlich gar keinen Kaffee. Doch ich gebe viel Geld für Sternenkinder und ihre Familien aus (Fahrtkosten, Material, Porto für die Fotos, etc.), für Workshops, Ausbildungen und Therapie-Materialien, damit ich die Eltern in Zukunft nicht mehr zurücklassen muss, sondern weiter begleiten kann. Wenn euch der Content also gefällt, sagt gern hi und tragt etwas zu bei, damit hier alles wachsen und gedeihen kann. <3


Newsletter abonnieren:


 

Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

Kommentar schreiben

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.