“Es geht ums Glück, nicht ums Unglück!”

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“Ich muss auch immer alles sofort aufschreiben”, sagt Christoph Busch, während er einen Stift sucht und ich auf dem Boden knie, um schnell den Satz in mein vor mir liegendes Notizbuch aufzuschreiben. Es geht ums Glück, nicht ums Unglück. Zack, einfach so rausgehauen, ein Satz wie ein Buchtitel. “Was hab ich denn eigentlich gesagt?”, fragt er mich, während ich versuche, beim Aufklappen des Buchs nichts umzuwerfen.

Von außen müssen wir skurril aussehen. Ich auf dem Boden robbend, er irritiert umher taumelnd auf der Suche nach einem Kugelschreiber, der doch eben noch da lag. Auf diesen gefühlten 3 Quadratmetern suchen wir dauernd etwas. Seinen Stift, meinen Objektivdeckel, einen Flyer, ein Buch. Möchte man kurz Plätze tauschen, ist das auf dem beengten Raum eine Kür, die – würden wir sie bei Olympia auf dem Eis aufführen – jener von Savchenko und Massot vermutlich ordentlich Konkurrenz auf dem Goldtreppchen machte.

Viel Platz ist nicht in dem kleinen Zuhör-Kiosk “Das Ohr” im Hamburger U-Bahnhof Emilienstraße, doch es reicht für Christoph Buschs Zweck, der sich aber mittlerweile ganz schön gewandelt hat. Eigentlich hatte er etwas ganz anderes vor. “Ich bin da irgendwie so reingestolpert”, erzählt er mir direkt am Anfang, als er den kleinen Verschlag aufsperrt und die kleine Standheizung in Gang setzt. Plötzlich entdeckt er etwas außen am Kiosk. Wir treten raus auf den Bahnsteig und ich sehe, was ihm aufgefallen ist: Jemand hat drei bemalte Darth-Vader-Figuren aus Gips von außen an die Scheiben gelegt. Er fragt mich, wer aus dem Star Wars Universum das sei. “Ach, das ist der, der das mit dem ‘ich bin dein Vater’ sagt, oder? Zwei lasse ich hier, eine nehme ich mit für meine Töchter!” Der ganze kleine Raum ist voll von Mitbringseln und Geschenken der Leute, die mit ihm sprechen. Ein Museum der beschwerten Seelen.

Ursprünglich wollte er den kleinen leerstehenden Bahnsteigkiosk mieten, um in Ruhe schreiben zu können. Er ist Autor und Drehbuchautor und war auf der Suche nach Inspiration, der oft und lange leerstehende Kiosk war schon länger sein Traum und er plante, einfach mit Menschen locker ins Gespräch zu kommen und sich davon inspirieren zu lassen. Womit er nicht rechnete: Dass die Leute ihm mit schwerem seelischen Gepäck die Tür einrennen würden, weil endlich einmal jemand zuhört.

“Wenn man die Trauer 11 Jahre nicht überwinden kann, hilft auch eine kalte Dusche nicht mehr.”

In den Gesprächen geht es in der Regel um traurige Themen. “Meistens sind es Sachen, die noch aus der Kindheit kommen. Missbrauch kommt ganz oft vor, Gewalt, geschlagen werden oder worden sein.”, erzählt er mir. Aber auch das Thema nicht überwundene Trauer ist immer präsent.

“Da soll der Bruder beerdigt werden, aber das Geld ist nicht da, um ihn dort zu beerdigen, wo man keine kommunale Hilfe in Anspruch nimmt. Dann ging der ganze Kampf darum, dass er nicht in Stendal oder sonst wo beerdigt wird, wo es für die Gemeinde gerade am billigsten war – sondern hier in der Nähe.”

An einem anderen Tag kam eine junge Frau mit einem dicken Fotoalbum in den Kiosk. An jenem Tag hatte sie frei und angefangen, die Fotos ihres verstorbenen Bruders einzusortieren.

“Der ist vor elf Jahren gestorben und sie ist immer noch nicht drüber hinweg. Wir sind ziemlich bald darauf gekommen, dass dieses Trauern, bei dem das ganze Umfeld auch schon genervt und auch nicht gerade hilfreich ist, nicht mehr nur durch kalte Duschen wegzubekommen ist, sondern dass man da nach elf Jahren vielleicht doch eine Therapie braucht. Das war ein tolles Erfolgserlebnis, eigentlich.”

Erfolgserlebnisse hat der Autor hier viele. “Ich werde so oft gelobt, ich muss nur den Schalter aufmachen, dann kriege ich wieder ein Lob”, erzählt er mir und lacht, während er mir geschälte Mandarinen anbietet. Er gibt Tipps und Ratschläge fernab psychologischer Strategien, einfach von Mensch zu Mensch. Leicht ist das alles dennoch nicht immer.

Die Stimmen haben gesagt: Morgen gehst du in den Kiosk.

Christoph Busch hört jedem zu, was natürlich auch zu schwierigeren Begegnungen führt. “Also wenn jemand sich ankündigt mit: Ich werde tyrannisiert!, weiß ich, da kommt eine Wahnvorstellung. Wenn jemand noch nicht angefangen hat, das bei sich zu durchschauen, hat er schon die Polizei gerufen, hat schon nach Kameras und Überwachungssachen gesucht und sitzt dann hier und sagt: ‘Ich habe wieder die Stimmen gehört, und die haben gesagt: Du gehst morgen in den Kiosk!’ Da kann ich nichts machen und das sind eigentlich die schlimmsten Fälle für mich.”

Fragt er diese Menschen dann vorsichtig, ob sie schon einmal mit einem Psychiater darüber gesprochen haben, blocken sie ab und denken nur: Ach, schon wieder so einer, der mir nicht glaubt. “Da bin ich hilflos.”

“Viele der Leute haben Therapieerfahrung oder da möchte das Umfeld einfach nichts mehr davon hören, und ich bin da dann eben mittendrin. Man kennt sich nicht, zwei Fremde sitzen einander gegenüber. Wenn die andere Seite nicht will, sieht man sich nie wieder.”

Plötzlich bellt es in dem kleinen Kiosk, Christoph Busch greift nach seinem Handy, lächelt entschuldigend und sagt nur schnell: “Das ist mein Hund.”, bevor er rangeht. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich schnalle, dass nicht sein Hund anruft. Eine seiner Töchter hat gerade ein Fußball-Spiel, die erste Halbzeit hat er noch mitbekommen, die Zweite dann nicht mehr, da wir verabredet waren. Ihr Team hat gewonnen, er wirkt fröhlich und gelöst.

“Ich bin bei allem ein bisschen später.”

Christoph Busch ist 71 Jahre alt, seine beiden Töchter 12 und 9. Er erzählt mir, dass er generell in seinem Leben bei allem einfach immer ein bisschen später dran war. Als ich ihn frage, ob er denn jemanden habe, der ihm zuhört, sagt er: “Meine Familie ist super, vor allem meine Frau. Da hatte ich am meisten Respekt vor, also dass sie das doof findet. Wenn ich dann Zuhause bin, ist das ein ganz anderes Leben. Meine Frau trägt das eben auch mit.”

Plötzlich holt er die Kamera raus. “Darf ich ein Foto machen?”, ich willige ein, nachdem ich schon viele Fotos von ihm gemacht habe. Ehrensache. “Das können Sie gut, also das in die Kamera gucken, das können nicht alle.” Ich bin immer nervös, wenn ich mich plötzlich auf der anderen Seite der Linse wiederfinde, doch da mein Interview mit ihm immer mehr in eins von ihm mit mir kippt, lasse ich auch das einfach laufen. Mal gucken, was dabei raus kommt.

“Ich bin mal gespannt, was das aus mir macht!”

Ich frage ihn, wie er diese Themen von sich fernhält. “Fernhalten von mir kann ich diese Sachen nicht wirklich, ich bin ja kein Therapeut.”, erzählt er mir. “Der hat natürlich seine Techniken, das ist ja auch vernünftig. Ich hingegen bin da einfach reingerauscht ohne irgendwelche Vorahnungen, was auf mich zukommt. Da habe ich versucht zu überlegen: Wie gehst du damit um? Ich bin schon 71, ich habe schon ein bisschen was erlebt und dachte mir: Du reagierst dann einfach als Christoph Busch. Und das kommt unheimlich gut an.”

Natürlich fühlt er mit, manchmal fühlt er sich auch richtig müde und geschafft. Er erzählt mir, dass er am Vortag so eine intensive Gesprächserfahrung hatte, dass er am Abend beim Essen mit Freunden immer noch durch den Wind war. “Ich will eigentlich auch aufschreiben, wie mir dabei geht, doch da komme ich gerade am wenigsten zu.”

“Da passiert einfach was – und da passiere ich mit.”

In den ersten Tagen, als alles so richtig los ging, habe er sich gefühlt, als habe er ein Zimmer umgeräumt. Die seelische Anstrengung wurde auch in einer körperlichen Anstrengung spürbar. “Ich bin mal gespannt, was das alles aus mir macht.”, sagt er fröhlich. Er ist zuversichtlich, dass das alles weiterhin gut laufen wird. Wenn man ihn anschaut, glaubt man das sofort.

Er fragt nach meiner Strategie, wie ich meine ehrenamtliche Arbeit emotional ein bisschen von mir fernhalte. Nach und nach wechselt das Gleichgewicht des Gesprächs dahin, dass er mich immer mehr ausfragt. Er möchte wissen, was eine Sterbeamme ist und macht, wieso ich tote Babys fotografiere. Letztlich spüren wir, dass wir eigentlich sehr ähnliche Dinge machen: Für Menschen da sein, die Schweres durchleben, die einen Zuhörer brauchen, irgendjemanden brauchen.

Der Briefträger findet den Kiosk

“Würdest du hier auch mal sitzen wollen?” Wir sind mittlerweile beim Du angelangt. “Das ist dann aber eine richtige Verpflichtung, nicht mal kurz. Eine Woche oder so müsste das schon sein. Aber das wäre gut für die Leute in den Zeiten, in denen ich nicht hier sein kann. Familienurlaub und sowas.”

Ich sage: “Klar, wieso nicht?”

Mittlerweile sprechen wir schon fast zwei Stunden, nur einmal unterbrochen von einer neugierigen Familie und von einer Radio-Journalistin, die ihm einen Brief mitgebracht hatte. Sie möchte ein Feature mit ihm machen. Er spricht kurz mit ihr und legt den Brief zu den anderen, die heute mit der Post kamen.

“Die Post kommt immer oben im Anglerladen an. Aber manchmal schiebt der Briefträger die auch hier unter der Tür durch. Der findet das wohl auch gut, was ich hier mache.”, berichtet er mir.

Langsam wird es Zeit, das Gespräch zu beenden. Ich bin schon ganz durchgefroren und er muss nach Hause zu seiner Familie, den Sieg der Tochter feiern. Am Ende umarmt mich Christoph Busch, weil er alle umarmt, die hier im Kiosk sitzen.

Bevor ich gehe, sagt er noch einmal: “Es geht ums Glück. Die Leute kommen hier her, weil sie das Glück suchen, weil sie aus dem Unglück raus wollen. Es sind traurige Geschichten, die aber auch schön sind, weil ja alles besser werden soll. Sie haben sich entschlossen, nach dem Glück zu suchen. Deshalb kommen sie her.”

Das hätte ich nicht besser sagen können.


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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

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