Häuser und Zelda

H

Bestimmt besitzt du ein oder zwei Gegenstände, die dir besonders lieb sind und bei denen du denkst: Die sind gemacht für die Ewigkeit. Ein Vollholzschrank, ein bestimmtes Buch, das teure Porzellan. Du behandelst das alles ausgesprochen pfleglich, gehst sachte und bedächtig damit um. Du möchtest diese Dinge unbedingt „für immer“ behalten und wer weiß – vielleicht erben das ja mal die Kinder?

In unserer Wohnung hing in meiner Kindheit ein Holzschnitt im Flur, auf dem stand: „Dies Haus ist mein und doch nicht mein. / Der nach mir kommt, kann’s auch nur leih’n. / Und wird’s dem Dritten übergeben, / er kann’s nur haben für sein Leben. / Den Vierten trägt man auch hinaus, / sag, wem gehört nun dieses Haus?“ Manchmal stand ich davor und habe an meine kindlichen, doch mir sehr wichtigen Besitztümer gedacht. Was wohl mit meinem Gameboy nach meinem Tod passieren würde? Kann der mit in den Himmel?

Jetzt bin ich als Erwachsene mittlerweile nicht nur Atheistin, sondern habe auch keinen Kinderwunsch (jaja, SO eine, Hexe, pipapo etc. pp.), was bedeutet: Keine Ahnung, was mit meinem Besitz nach meinem Ableben geschieht. Die alten Ägypter waren da recht pragmatisch: Man hatte die wichtigsten Besitztümer einer (wohlhabenderen) Person mit im Grab eingemauert, damit der Tote im Jenseits gut ausgestattet ist. Schmuck, das Bett, der Lieblings-Schlüpfer, alles dabei. Unangenehm daran: Man hat dann auch gleich mal ein paar Sklaven und Haustiere miteingemauert, so für den Fall der Fälle. Für mich alles nicht gangbar, ich halte nichts von Sklaverei und bin zudem weder reich, noch Re-gläubige Ägypterin.

Als ich vor Kurzem als Sternenkind-Fotografin ein Elternpaar im Krankenhaus begleitete, das ihr Kind kurz vor der Geburt verloren hatte, war in ihrer seelischen Not und Überforderung eine ihrer ersten Fragen: Wer erbt denn nun unser Haus? Das mag erst einmal befremdlich wirken, ist aber nicht ungewöhnlich. Beide waren schon im fortgeschrittenen Alter und dieses Kind sollte – nach vielen vorangegangenen Fehlschlägen – ihre Chance auf Glück und Verwurzelung in dieser Welt auch nach dem Tod sein. Jetzt war diese Hoffnung fort. Und eigentlich war das, was hinter dieser Frage stand, sowieso: Wer erinnert sich an uns, wenn wir mal nicht mehr sind? Was bleibt von uns? Hinterlassen wir Spuren und wenn ja, wer pflegt diese?

Ich setzte mich ans Bett der Mutter und bat beide Eltern Leute aufzuzählen, die ihnen nahestehen und sich erinnern werden. Menschen, die Fotos von ihnen haben, die schöne Erinnerungen an sie beide teilen, Personen, denen sie mal geholfen haben. Wir gingen Momente und Szenen durch, die ihnen wichtig waren und einfielen. Ich erzählte den beiden, dass selbst ich diesen Moment nie vergessen werde, die zwei nie vergessen werde, die Bilder für immer behalte. Und wenn sie schon bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, dann doch noch etliche bei allen Menschen um sie herum, oder nicht?

Nach und nach atmeten sie ein bisschen auf, der Mann schrieb die Namen am Handy mit, um ihnen nach dem Krankenhausaufenthalt einen Brief oder eine E-Mail zu schicken und sich zu bedanken. Denn auch, wenn wir vielleicht aus welchen Gründen auch immer keine Nachkommen hinterlassen, hinterlassen wir doch etliche nicht sichtbare, doch sehr wohl fühlbare Abdrücke in den Leben der anderen. Das vergessen wir so oft und wenn wir häufiger daran dächten, ginge es uns allen sicher besser. Ja ich weiß, das klingt pathetisch und banal, doch oft ist es das einzige, das uns bleibt – und das ist eigentlich gar nicht mal so wenig gemessen an der Tatsache, wieviele Menschen einsam sind und niemanden haben.

Für mich habe ich entschieden: Ich finde es schöner und wichtiger, wenn Menschen an mich denken und daran, wie ich ihren Opa als Sterbeamme begleitet und gestützt habe, als dass jemand meinen Gameboy erbt. Auch, wenn jeder wenigstens einmal in Leben Zelda gespielt haben sollte. Ich mein’ ja nur.


Wenn ihr gut findet, was ich mache, könnt ihr mich unterstützen und mir über Paypal oder Gofundme einen Kaffee schenken. Wobei das ein Trick ist, ich vertrage nämlich gar keinen Kaffee. Doch ich gebe viel Geld für Sternenkinder und ihre Familien aus (Fahrtkosten, Material, Porto für die Fotos, etc.), für Workshops, Ausbildungen und Therapie-Materialien. Wenn euch der Content also gefällt, sagt gern hi und tragt etwas zu bei, damit das hier alles wächst & gedeiht.


Newsletter abonnieren:


 

Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

7 Kommentare

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  • sehr schön geschrieben. ich habe im grunde nur ein ziel im leben: spuren hinterlassen. und damit meine ich nicht, dass sich die menschen an irgendwelche leistungen von mir erinnern sollen, sondern dass ich das leben der menschen um mich herum ein wenig besser machen möchte. dass ich die chance ergreife, zu helfen, wenn ich es kann.

      • ‘Maybe I’m not designed to fully root in this place
        for I always long for the road ahead.
        So, whenever asked what I truly want
        I can only say
        “Well, I guess I just wanna leave a trace”
        I guess we all do in a way
        You can’t deny that.’

        Musste ich kurz rausuchen.
        Das habe ich mal mit 18 geschrieben, was aber schon eine Weile her ist & gerade fiel es mir wieder ein.
        Geworden bin ich später dann Psychotherapeutin; gar nicht mal so weit weg also.
        Hab vielen Dank für deinen wunderbaren Text, ich mag deinen Stil und diesen Blog jetzt schon sehr.
        Alles Gute dir fürs Sterben üben und Zelda zocken!
        Wir lesen uns. 🙂

  • Liebe Jasmin,
    ich mag deine Art zu schreiben auch sehr. Und ich werde definitiv hier auch wieder vorbei kommen!
    Danke für deine wunderbare Arbeit 🙂
    Andrea

    PS: Gefunden habe ich deinen Blog übrigens, weil Silke von “in-lauter-trauer.de” ihn auf FB verlinkt hatte.