Eine schlechte und dann noch eine ganz gute Nachricht.

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Ich habe eine schlechte Nachricht für dich: Du wirst sterben. Ich übrigens auch, genau so wie mein Hund, mein Hamster und meine Topfpflanze am Fenster, die ich zugegebenermaßen mal wieder gießen könnte. Ein schlechtes Händchen für Zimmerpflanzen ist zwar keine aktive Sterbehilfe, dennoch finde ich es diskussionswürdig, ob es ethisch vertretbar ist, jemandem wie mir solch ein Geschöpf in Pflege zu geben. Ich weiß ja nicht.

Aber gut. Jetzt, wo wir beide – du und ich – uns bewusst sind, dass unsere Zeit auf diesem Planeten endlich ist, sollten wir über die Bedeutung dessen nachdenken. Denn es ist ja nicht nur das eigene Sterben, das einen beschäftigt, sondern das Sterben aller – das der Nachbarin, des Bruders, der Oma, des Hundes bis hin zur Topfpflanze (ist okay, ich hol gleich die Gießkanne). Zu leben bedeutet, eine Aneinanderreihung von Abschieden und Begrüßungen – Große und Kleine, Leichte und Schwere – hinzunehmen und auszuhalten. Anders geht’s halt einfach nicht. Wirklich zu leben, also bewusst alles auszuschöpfen und sich nicht in den Gefühlen und Möglichkeiten zu limitieren, heißt, Abschied und Schmerz als Teil des Vertrags anzunehmen und das irgendwie durchzuhalten.

Hui. Das klingt jetzt ganz schön klug und philosophisch, oder? Finde ich auch. Die Sache ist nur die: Ich bin trotzdem schlecht in Abschieden. Und ich habe Angst vorm Tod. Hilft in der Theorie also erstmal alles nix.

Wenn du Glück hast, bist du gläubig (oder zumindest spirituell eingestellt) und hast dadurch ein Konzept für das Jenseits. Das bedeutet nicht, dass Sterben für dich ein Klacks ist und du das mal eben auf dem Heimweg vom Büro nebenbei miterledigst (bitte fahr vorsichtig und achte auch auf Radfahrer!), aber vielleicht hast du eine Vorstellung davon, was dich nach dem Übertritt erwartet. Ich bin zwar getauft und konfirmiert, jedoch – spätestens seit meinen Studienfächern Biologie und Philosophie – Atheistin. Ich habe keine Ahnung, was nach dem Sterben eigentlich passieren soll und ganz ehrlich, das ist nicht gerade hilfreich.

Ich meine: Ich habe versucht zu glauben, wirklich. Ich war in einem christlichen Kindergarten, ich ging zum Kindergottesdienst, ich bin als Schülerin in die Kirche gegangen in der Hoffnung, etwas zu spüren, ich habe mit Gläubigen gesprochen, doch es endete immer gleich: Ich fühlte es einfach nicht. Glaube und ich, das wird in diesem Leben nichts mehr. Doch wie stirbt man denn dann als Atheistin, ohne sich panisch im Sterbebett ins Laken zu krallen und Zeter und Mordio zu schreien, weil man nicht in die große Leere gehen will? Wie stelle ich es an, mich auf das Sterben vorzubereiten, ohne die beruhigende Aussicht auf ein wie auch immer gestaltetes Leben nach dem Tod zu haben? Wie sollte ich meiner Mutter, wenn es mal soweit ist, die Hand halten und sie trösten, wo sie doch ebenfalls nicht gläubig ist? Ich bin mir sicher: Wenn ich eines Tages an ihrem Sterbebett sitze und ihr gegenüber behaupte, ich glaubte fest daran, dass sie in den Himmel käme, würde sie sogar aus einem Koma erwachen, um mir die Ohren lang zu ziehen und zu zischen: Du sollst nicht lügen!

Du siehst also mein Dilemma. Und vielleicht sitzt du ja sogar im selben Boot, Glaube hin oder her. Ich sehe hier nur noch einen Ausweg für dich und mich: Wir müssen da hin, wo gestorben wird. In Hospize, in Krankenhäuser, zu den Leuten nach Hause, wir müssen mit Bestatterinnen und Bestattern sprechen, mit Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten. Klingt nach viel Aufwand, oder? Keine Sorge, ich übernehme das für uns beide. Und dann erzähle ich dir hier, wie es ist. Das ist übrigens die gute Nachricht.

Willkommen an Bord.


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Über die Autorin

Jasmin Schreiber

Hallo, mein Name ist Jasmin und ich bin Autorin, Illustratorin und Journalistin in Berlin. Früher war ich mal Biologin und bin immer schon fasziniert von den Themen Tod & Sterben. Mittlerweile arbeite ich ehrenamtlich als Fotografin für Sternenkinder und als Sterbebegleiterin und möchte das Tabuthema "Tod" für eine breitere Öffentlichkeit zugänglicher machen!

12 Kommentare

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  • Liebe Jasmin,

    ich lese deinen Blog Lavievagabonde schon länger und habe auch bei deiner Kampagne mitgemacht.

    Ich finde die Idee mit dem Blog großartig, da können wir live sehen was du alles so lernst und was mit dem Geld passiert.

    Ich habe übrigens ebenfalls angst vorm Sterben 😉

    Ganz Liebe Grüße Katharina

  • Liebe Jasmin!
    Ich bin sehr gespannt, was du uns hier erzählen wirst. So richtig Angst vor meinem eigenen Tod habe ich, glaube ich, nicht. Viel mehr vor dem der anderen, die mir wichtig sind. Vor allem aber hoffe ich, dass ich, wenn es mal soweit ist, auch sterben darf – und das “in Würde”, wie man so schön sagt. Auch wenn es schwer ist, loszulassen, ängstigt mich am Meisten der Gedanke, krank, leidend und wehrlos ans Leben gefesselt zu werden, nur weil es vielleicht medizinisch möglich ist. Das ist vermutlich die größte Frage, die ich mir in diesem Zusammenhang stelle: Ist der Tod in unserer Wahrnehmung so etwas Schreckliches geworden, dass wir unsere Lieben um jeden Preis, ohne Rücksichtnahme, so lange wie irgend möglich, davon fernhalten müssen? Und ist das überhaupt fair?
    Vielleicht hilft es uns, das differenzierter zu betrachten, wenn wir wieder lernen, uns mit dem Tod auseinander zu setzen – offen und ehrlich, ohne gleich als “makaber” oder “krank” zu gelten. Jedenfalls danke ich dir schon jetzt für deinen Beitrag dazu.

    • Liebe Madita, danke für deinen Kommentar! Ich stelle mir ähnliche Fragen. Wenn ich unseren Umgang mit dem Tod anschaue und in dem Zusammenhang unsere Sehnsucht nach Jugend und Kontrolle durch moderne Medizin und das dann vergleiche mit anderen Kulturen, sieht man schon, dass wir in unserer Kultur heftige Berührungsängste mit dem Thema “Sterben” haben. Kommt es durch die zunehmende Säkularisierung? Die Technologien? Wie gehen andere Kulturen damit um? Ich weiß es nicht. Aber ich habe vor, das alles herauszufinden – und dadurch selbst mit dem Thema gelassener umgehen zu können. 🙂 Ich bin genau so gespannt wie du! Liebe Grüße

  • Liebe Jasmin,
    ein wichtiges Thema. Habe meine Großtante und meine Mutter bis deren Tod begleitet. Meiner Tante habe ich Kirchenlieder vorgesungen und mit meiner Mutter über das Leben an sich gesprochen. Angst hatten beide keine (ich habe sie wenigstens nicht gespürt). Ich glaube, nicht allein zu sein, wenn das Stündlein schlägt, ist eine große Erleichterung.

  • Hey. Ich habe soeben deinen Blog gefunden und habe ihn sofort abonniert.
    1. Mag ich deinen Schreibstil und deinen feinen Humor sehr.
    2. Finde ich, dass das Thema Tod/Sterben und Krankheit in unser Gesellschaft völlig vernachlässigt wird. Ich arbeite selber in der Pflege, habe auch eine spezielle Palliativ Ausbildung und habe auch schon privat einige Erfahrungen mit Krankheit und Tod gemacht.
    Ich bin immer wieder schockiert wie wenig sich die Leute damit befassen…es ist ein Thema was mich sehr beschäftigt.
    Ich freue mich bei dir mitzulesen!

  • ich mag was und wie du schreibst und dass du dieses thema bewusst annimmst. ich glaube, wir als diejenigen, die dem tod grade nicht angesicht zu angesicht gegenüberstehen, können schwer nachempfinden, wie es einem am sterbebett geht. ich glaube nicht, dass man gläubig sein muss, um in frieden gehen zu können. zumindest hoffe ich – als atheistin – das. habe ich es nicht in deinem artikel über gerda gelesen? wenn etwas danach kommt, werde ich es sehen. und wenn nicht, dann merke ich es eh nicht mehr. ich finde diese circle of life geschichte ganz schön. wir verschwinden und werden zu einem teil dieser welt. darum will ich mit dem sterben wenigstens so lange warten, bis es einen weg gibt, mich einfach verbrannt irgendwo zu verstreuen ^.^

    • Liebe Paleica,

      das mit dem “verbrannt irgendwo verstreuen” geht schon 🙂
      Es gibt inzwischen sogar einige Friedhöfe mit so Streuwiesen. Oder du kannst über dem Meer verstreut werden. Oder – mit einem Helfer – den alternativen Weg über ein hölländisches Krematorium nehmen.
      Ich persönlich finde die Friedwald-Idee schön: in einer Urne, die innerhalb von ungefähr 4 Wochen verrottet unter einem Baum (in ca. 80 cm Tiefe) vergraben zu werden. Dann werde ich wieder zu Erde und Baum 🙂
      Allerdings gibt es auch hierzu kritische Stimmen: https://de.wikipedia.org/wiki/Bestattungswald
      Das Buch von Magdalena Köster “Den letzten Abschied selbst gestalten –
      Alternative Bestattungsformen” kann ich dir auch empfehlen. Es geht viel mehr, als die meisten denken 🙂
      Liebe Grüße!
      Andrea

  • Haha, nix da! Von wegen, du übernimmst das für uns beide! Ja, liebe Jasmin, ich weiss das sehr zu schätzen und zu würdigen, aber es geht doch nix über die Erfahrung am eigenen Leib! *denkdirhierbitteeinsmilie*
    Im Ernst, ich wollte eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizhelferin angehen, der kürzliche Tod meiner Mutter war leider ein Ausschlusskriterium. Nun ja, dann halt im nächsten Jahr.
    Mir geht´s ähnlich wie dir: Glaube….na ja…. meine Hobbies sind Physik und Naturphilosophie….da passt, äh, gelinde gesagt, nicht viel mit Religion übereinander….
    Aber wurscht – was ich zu meiner Schande gestehen muss: Ich ertappte mich dabei, nicht ganz uneigennützig so dicht ans Sterben heran zu wollen…darf ich dich nach deiner Motivation fragen?
    Gerne auch per Mail.

    • Hallo Andrea, danke für deinen Kommentar! 🙂

      Finde es spannend, dass du ebenfalls nah an das Thema ran möchtest. Ich finde, “Uneigennützigkeit” gibt es hier gar nicht, wieso auch? Es bedeutet ja, dass man irgendwie auch einen Nutzen daraus zieht. Heutzutage denken viele an Geld oder andere kapitalistische Sachen, aber es gibt so viel anderes. Wenn man jemandem hilft, macht das einen selbst glücklich und schenkt einem ein positives Gefühlserlebnis, weshalb das für mich ein Win-win ist. Wenn Menschen einander helfen, profitieren beide Seiten davon, das finde ich toll!

      Daraus speist sich auch meine Motivation. Ich habe ein paar anstrengende Monate hinter mir und was mir immer geholfen hat, war ehrenamtliche Arbeit. Selbst wenn es einem selber nicht gut geht, kann man etwas für andere tun und dadurch ein bisschen glücklicher sein!

      In das Sterbethema bin ich in den letzten Jahren so “reingerutscht”, habe für Kinderhospize ehrenamtlich etwas gemacht und für Sternenkinder. Dabei habe ich gemerkt, dass ich das Thema spannend finde. Das ist sicherlich etwas, das nicht jeder machen kann (ich könnte dafür ja andere Sachen auch nicht, jeder ist anders!), und da denke ich: Dann mache ich es doch einfach, jemand muss es tun und wenn ich darunter nicht leide, sondern die Aufgabe erfüllend finde: Why not?

      Außerdem: Sterben müssen wir alle, da kommen wir nicht drum herum. Ich habe Angst vorm Sterben und vorm Tod, wie die meisten Menschen auch. Aber Angst vor etwas zu haben, das man kennt, macht diese beherrschbar. Ich lebe selbstsicherer, wenn ich mir vor Augen führe, dass ich auch sterben werde.

      Was ist deine Motivation?

      Liebe Grüße!